Emanzipations-Drama mit Glenn Close Die Frau des Superzausels

Eine starke Frau, die hinter einem großen Mann steht: "Die Frau des Nobelpreisträgers" will die gönnerhafte Geste dieses Satzes offenlegen. Aber die Filmversion unterläuft die Komplexität des Romans von Meg Wolitzer.

SquareOne

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Es dauert nicht lange, bis in Stockholm die ersten Demütigungen verteilt werden, fein und schmerzhaft wie Stiche mit einer goldenen Nadel. Joe Castleman (Jonathan Pryce), der hier in einigen Tagen den Nobelpreis für Literatur entgegennimmt, soll wichtigen anderen Geistesgrößen vorgestellt werden. Seine Frau Joan (Glenn Close), so der Organisationschef zuckersüß, darf derweil shoppen gehen und etwas für ihre Schönheit tun.

Joan ist es gewöhnt, so behandelt zu werden. Sie ist vor allem dafür zuständig, ihrem berühmten Mann seine Sachen hinterherzutragen, auf seine Gesundheit zu achten und hin und wieder für Beischlaf zur Verfügung zu stehen. Glenn Close verleiht dieser Joan die Maske der treu sorgenden Ehefrau, von der man schon zu Beginn der Handlung ahnt, dass es immer schmerzhafter für sie wird, sie jeden Tag aufs Neue anzulegen.

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"Die Frau des Nobelpreisträgers": Kleine, feine Demütigungen

Es ist eine beeindruckende Tour de Force der Selbstverleugnung, die Close hier hinlegt. Eine Performance, so stark, dass sie ungewollt auch die Schwächen dieses Films offenlegt. Unter anderem, indem sie ihren Partner Jonathan Pryce gnadenlos an die Wand spielt - und dazu nicht mehr benötigt als das Heben einer Augenbraue.

Mit "Die Frau des Nobelpreisträgers" verfilmte der schwedische Regisseur Björn Runge den Roman "Die Ehefrau" der amerikanischen Autorin Meg Wolitzer. Die stieg mit ihrem Generationen-Epos "Die Interessanten" zur Star-Autorin auf und schrieb mit "Das weibliche Prinzip" den Roman der Stunde: Es geht darin um Feminismus, Emanzipation und falsche Vorbilder. Themen, die Wolitzer schon viel früher beschäftigt haben. "Die Ehefrau", eine Satire über Frauen im männerzentrierten Literaturbetrieb, erschien in den USA schon 2003.

Sie spielt im Jahr 1992 und dreht sich um die sprichwörtlich starke Frau, die angeblich hinter jedem großen Mann steht. Ein schrecklicher Satz, dessen gönnerhafte Geste Wolitzer in all ihrer hässlichen Pracht funkeln lässt. Joe Castleman findet nichts dabei, Rampenlicht und Ruhm für sich zu reklamieren. Joan wird dafür mit Floskeln bedacht. "Ohne dich wäre ich nichts", dankt er ihr in der Filmversion vor versammelter Mannschaft. Wie recht er damit hat, verdrängt der allseits verehrte angebliche Meister-Autor allerdings erfolgreich.

Ein trauriges Schauspiel, in dem Joan über viele Jahre ihre Rolle perfekt ausgefüllt hat. Jetzt aber, kurz vor dem Höhepunkt, eben jener Nobelpreisverleihung, kann sie ihre Scham und ihren Schmerz kaum mehr kaschieren. Und ausgerechnet jetzt taucht ein Journalist (Christian Slater) wieder auf, der eine Biografie über Joe Castleman schreiben will und ahnt, wer die wirkliche literarische Kraft hinter dessen Werk ist.


"Die Frau des Nobelpreisträgers"
Originaltitel: "The Wife"
Großbritannien / Schweden / USA 2018
Regie: Björn Runge
Drehbuch: Jane Anderson nach dem Roman von Meg Wolitzer
Darsteller: Glenn Close, Jonathan Pryce, Max Irons
Produktion: Silver Reel, Meta Film, Anonymous Content
Verleih: Square One
Länge: 100 Minuten
Start: 3. Januar 2019


In "Die Frau des Nobelpreisträgers" dreht sich die gesamte Geschichte um die Vorbereitungen zu der feierlichen Zeremonie; sie sollen als Kristallisationspunkt dienen, an dem die Lügen der Vergangenheit ins Offene drängen. Das ist ein großer Unterschied zum Roman, in dem Castleman nur einen fiktiven, nicht ganz so angesehenen "Helsinki-Preis" erhält und Meg Wolitzer die Geschichte dieses Paares stattdessen in einer langen Parallelmontage zwischen Vergangenheit und Gegenwart auffächert. So macht sie die jahrelange Selbstverleugnung von Joan glaubwürdig.

Das Drehbuch von Jane Anderson braucht dagegen die Verkürzung - und das tut der Geschichte nicht gut. Einige wenige Rückblenden in die Sechzigerjahre sollen erklären, warum Joan sich so verhält. In einer Szene etwa lobt eine Autorin Joans ersten Roman, rät ihr aber, es sein zu lassen mit der literarischen Karriere. Sie sehe es ja selbst, niemand interessiere sich für Bücher von Frauen. Und Joan? Nimmt sich den Rat selbstverständlich zu Herzen und legt ihre eigenen Karriereplanungen prompt ad acta, um fortan nur noch für Mann und Kinder da zu sein.

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Meg Wolitzer:
Die Ehefrau

DuMont Buchverlag; 270 Seiten; 23 Euro

Das wirkt in dieser Verkürzung einfach unglaubwürdig. Zumal Joan ihren Mann an innerer Kraft ganz offensichtlich haushoch überragt. "Warum hast du mich eigentlich geheiratet?", fragt der sie nach einem heftigen Streit, und als Zuschauer fragt man sich das sehr schnell auch. Warum in aller Welt würde sie einen Hochstapler heiraten, der fortwährend Essen in sich hineinstopft und Krümel aus seinem Bart pickt? Der unbeholfen mit einer jungen Fotografin flirtet, während sie daneben steht?

Jonathan Pryce spielt diesen Joe Castleman als freundlichen, alten Zausel, ein Egomane zwar, aber in seiner offensichtlichen Lebensuntüchtigkeit eben auch irgendwie rührend. Ursprünglich sollte Gary Oldman die Rolle spielen, musste aber wegen Terminproblemen absagen. Die dringend nötigen dunklen Schatten, die Oldman dieser Figur sicher verliehen hätte, fehlen ihr nun.

So wirkt es, als könne Glenn Closes Joan ihren Mann mühelos zum Frühstück verspeisen und hielte sich aus unbekannten Gründen zurück. Eine komplexe Charakterstudie kann so nicht entstehen und erst recht keine echte Reflexion über die Rolle, die Frauen in einer oft noch immer von Männern dominierten Welt allzu oft zu spielen gezwungen waren und sind.

insgesamt 2 Beiträge
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Gut Reden 05.01.2019
1. O du Schreckliche
Tatsächlich waren es natürlich schon immer die Frauen, die all die goßen Entdeckungen und Erfindungen gemacht haben, von denen heute die Menschen profitierien (aber nat. auch oft negative Begleiterscheinungen haben können). Bücher geschrieben haben. Komponiert haben. Spitzenköche. Nur, da die Zeit noch nicht reif war, hat der jew. Mann das dann nach Außen repräsentiert. Ärgerlich, wenn man da dann nur die starke Frau im Hintergrund spielen durfte. Aber Johanna Sebastienne Bach hätte sich auch nicht so schön angehört. Spätestens seit Angela hat sich das gedreht. Jetzt dürfen mal die Männer den Schatten spielen.
GinaBe 06.01.2019
2.
"...Eine komplexe Charakterstudie kann so nicht entstehen und erst recht keine echte Reflexion über die Rolle, die Frauen in einer oft noch immer von Männern dominierten Welt allzu oft zu spielen gezwungen waren und sind." Schon WIEDER wurde eine Chance der Unterhaltungsindustrie und deren Bosse vertan, einen Beitrag für eine gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frauen zu leisten. Wie armselig ist das -nach all den Debatten über Sexismus etc. !!
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