"The Woodsman" Rotkäppchen und der arme Wolf

Kann ein Sexualstraftäter seine Natur ändern? Mit dieser Frage beschäftigt sich der amerikanische Film "The Woodsman" von Nicole Kastell - ein ebenso sehenswertes wie strittiges Drama über einen Pädophilen, der versucht, ein normales Leben zu führen.
Von Wiebke Brauer

"Was ist das Schlimmste, das du je in deinem Leben getan hast" fragt Walter seine neue Freundin. Sie liegen im Bett, und Vickie beichtet, sie hätte es einmal mit dem Mann ihrer besten Freundin getrieben. Furchtbar war das. "Und du?" will sie wissen. Walter blickt zur Decke. "Ich habe kleine Mädchen sexuell belästigt."

Das kann nicht gut gehen. Die frische Beziehung muss zerbrechen, der Kinderschänder gehört an den Pranger. Und überhaupt: ein Hollywoodfilm, der sich mit Pädophilie beschäftigt und die Geschichte auch noch aus der Perspektive des Täters erzählt - das riecht nach cineastischem wie moralischem Desaster. Schließlich sind die Regeln klar: Mit so einem Menschen will man sich als Zuschauer nicht identifizieren.

"The Woodsman" erzählt die Geschichte von Walter, der nach zwölf Jahren Gefängnis auf Bewährung entlassen wird und versucht, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Er bekommt Arbeit in einem Sägewerk, er findet eine Wohnung und eine Freundin. Doch nichts ist normal, alles ist ein Kampf. Entlassen worden mag er sein, frei noch lange nicht. Der misstrauische Polizist Sergeant Lucas (Mos Def) stattet ihm Besuche ab und macht ihm das Leben zur Hölle. Einmal Täter, immer Täter, ist die Devise des Cops, der schon alles gesehen hat, nur keine Besserung. Die Beziehung zu Vickie (gespielt von Kevin Bacons Ehefrau Kyra Sedgwick) ist alles andere als eine einfache Romanze. Eine Arbeitskollegin im Sägewerk ist eifersüchtig auf Vickie und macht Walters Vergehen in der Firma publik. Und damit nicht genug: Walters Wohnung liegt ausgerechnet gegenüber von einem Schulhof. Es dauert nicht lange, und Walter folgt wieder einem kleinen Mädchen.

Das ist ein spannender Moment und zugleich ein kritischer Punkt: Darf man mit einem verurteilten und bestraften Pädophilen mitfiebern, ob er es schafft, nicht wieder rückfällig zu werden? Darf man überhaupt Mitleid empfinden beim Anblick seines Kampfes mit sich selbst und seinem Wunsch, normal zu sein in einer ihm feindlichen Welt? Kann man die Opferrolle so deutlich dem Täter zuschieben?

In "The Woodsman" ist dies möglich - dank der Glaubwürdigkeit Kevin Bacons als Walter. Steinern ist seine Miene im Umgang mit seinen Mitmenschen, sie bietet Schutz vor Verletzungen und hält seinen inneren Aufruhr im Zaum. Allein, als er ein kleines Mädchen im Park anspricht, werden seine Züge weich und gesellschaftsfähig - und damit für den Zuschauer widerlich. Doch damit es nicht zu heikel wird, bleibt der Täter in seinen pädophilen Absichten physisch gewaltfrei. Walter vergeht sich nicht an Kindern, er möchte sie lediglich auf seinen Schoß setzen und den Duft ihres Haares einatmen - das macht seine Figur erträglich und die Identifikation möglich.

So holzschnittartig ist der Film an vielen Stellen. Die eifersüchtige Kollegin (solide gespielt von Rapperin Eve mit einer etwas zu kostspieligen Frisur für die Rolle) ist so mies, wie man sich gemeinhin eine zurückgewiesene Sekretärin vorstellt. Rachsüchtig sucht sie Walters Namen im Internet und veröffentlicht seinen Steckbrief unter den Kollegen. Das mag unverhältnismäßig erscheinen, da Walter nur ihr Pausenbrot ablehnte. Aber immerhin kam "The Woodsman" in den USA nur wenige Monate nachdem der Staat Kalifornien eine Liste seiner Sexualstraftäter online gestellt hatte in die Kinos.

Als Grundlage für die Veröffentlichung der Täterdaten dient der Regierung ein Gesetz namens "Megans Law", nach dem es Eltern möglich sein muss, herausfinden, ob sich in ihrer Wohngegend Sexualstraftäter aufhalten. Benannt ist die Verordnung nach der siebenjährigen Megan Kanka, die missbraucht und ermordet wurde. Mit der Denunzierung per Datenbank in "The Woodsman" wollen die Filmemacher also zum einen vor Missbrauch des Gesetzes warnen und andererseits die Hysterie anprangern, mit der in Amerikas Vorstädten Nachbarn und Fremde auf auffälliges Verhalten geprüft werden.

Schänder und Geschändete tauchen im Film indes allerorten auf. Aus seiner Wohnung heraus beobachtet Walter einen Pädophilen, der sich an Jungs auf dem Weg zur Schule heranpirscht. Vickie wurde einst von ihren Brüdern missbraucht, und dem kleinen Mädchen im Park entlockt Walter, dass sich ihr Vater ihr gegenüber seltsam verhält. Die seltsame Häufung der Delikte mag daran liegen, dass "The Woodsman" auf einem Bühnenstück des US-Autoren Steven Fechter basiert, der auch am Drehbuch mitschrieb. Alle Aspekte des Themas müssen daher auf wenige Personen fokussiert werden.

Das übermäßig Plakative hat wiederum aber auch den Vorteil, dass der Film manches auf schlichte wie effektive Weise erzählen kann: Nie ist Walter mit mehr als einem Menschen im Bild - deutlicher kann man seine Einsamkeit nicht darstellen. Sein Außenseitertum ist auch farblich gekennzeichnet. Blau und kalt ist die Welt, blau ist auch Walters Jacke. Einziger Farbfleck in dieser Welt ist die rote Jacke des kleinen Mädchens, das er in den Wald verfolgt.

Rotkäppchen lässt grüßen - und nicht nur in dieser Sequenz. Bei einem seiner Heimsuchungen erzählt Sergeant Lucas Walter ebendieses Märchen. Es ist eine Schlüsselszene des Films, denn Walter muss sich entscheiden, ob er böser Wolf oder tapferer Jäger - Woodsman - sein will. Wenn das denn immer so einfach wäre.


The Woodsman


USA 2004. Regie: Nicole Kassell. Buch: Steven Fechter, Nicole Kassell. Darsteller: Kevin Bacon, Kyra Sedgwick, Mos Def, Eve, Benjamin Bratt. Produktion: Dash Films, Lee Daniels Entertainment. Verleih: Tobis. Länge: 87 Minuten. Start: 5. Mai 2005

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