"Thor: Tag der Entscheidung" Laut lachen über den Göttersohn

Bislang war Thor der langweiligste der Avengers - doch mit seinem letzten Einzelabenteuer kriegt er nun die Kurve: "Tag der Entscheidung" ist so irrwitzig und unmackerhaft wie kein Superheldenfilm vor ihm.

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Tanzen sollte man so, als würde einem keiner dabei zuschauen, und Superheldenfilme sollte man so drehen, als müsste man sich um keine Fortsetzung und kein cinematic universe scheren. Dann ist für alle Beteiligten jeweils der größte Spaß garantiert, weil sich niemand den Kopf darüber zerbrechen muss, was die anderen von ihm denken.

Bislang hat nur leider niemand einen Superheldenfilm so gedreht beziehungsweise so drehen können. Immer war noch eine Filmreihe am Laufen zu halten oder brauchte es einen Anschluss an die nächste Phase eines cinematic universe. Mit dem dritten "Thor"-Film endet die Reihe um den nordischen Göttersohn jedoch, und seine Rolle in den kommenden zwei "Avengers"-Filmen dürfte kaum tragend sein.

"Thor: Tag der Entscheidung" (Originaltitel "Thor: Ragnarok") ist deshalb der Superheldenfilm, der sich tatsächlich um nichts mehr scheren muss - und der genau deshalb der denkbar größte Spaß geworden ist, den Marvel seit Beginn des MCU rausgehauen hat. Thor und Hulk vermöbeln sich, Cate Blanchett wächst ein Hirschgeweih und ein Steinhaufen, gesprochen vom Regisseur des Films, zettelt eine Revolution auf einem Müllplaneten an.

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"Thor 3": Auf ihn mit Gebrüll

Thor war schon vor dem "Tag der Entscheidung" ein Sonderfall im Avengers-Kosmos: Von allen Rächern waren seine Abenteuer immer die egalsten. Was genau das Problem mit den vorherigen Filmen war, bringt der dritte Teil in einer fein selbstironischen Szene auf den Punkt. Thor (Chris Hemsworth) muss darin vom Müllhaldenplaneten Sakaar und dessen despotischem Anführer (gespielt von Jeff Goldblum) fliehen.

Zum Glück findet Thor sein altes Raumschiff wieder und muss sich nur noch dem Bordcomputer zu erkennen geben, dann kann es losgehen. Doch so einfach ist das nicht. Erst nennt Thor seinen Namen - Zugang verweigert. Dann sagt er, dass er der Sohn Odins sei - Zugang verweigert. Schließlich versucht er es mit der Selbstbeschreibung "Der Stärkste der Avengers" - Zugang verweigert.

Er war schon immer da, hat sich die meiste Zeit am Verhältnis zu seinem Göttervater abgearbeitet, und zu den Avengers steuert er vor allem die Schlagkraft seiner Arme und seines Hammers bei - mehr gibt es zu Thor eigentlich nicht zu sagen. Wäre da nicht sein Adoptivbruder Loki (Tom Hiddleston, nach all den Jahren immer noch Marvels bester Bösewicht) gewesen, der den Filmen Geist, Camp und Humor einhauchte, wären die ersten zwei Filme wohl auf noch weniger Interesse gestoßen.

Zu tief ins Glas geschaut

Für den dritten Teil hat Marvel-Chef Kevin Feige nun das getan, was alle Studiobosse in Hollywood immer sagen, es dann aber doch nie umsetzen (vor allem nicht "Star Wars"-Chefin Kathleen Kennedy): Er hat einen vergleichsweise unbekannten Independent-Regisseur an Bord geholt und ihm größtmögliche Freiheiten gegeben, um einen wirklich eigenen und ungewöhnlichen Film zu machen.

Taika Waititi ("5 Zimmer, Küche, Sarg", "Wo die wilden Menschen jagen") ist dieser Regisseur. In seiner Heimat Neuseeland ist er längst einer der beliebtesten Darsteller und Filmemacher, mit "Thor 3" dürfte er nun auch international ein Star werden (seine Outfits aus Shorts/Hemd-Kombinationen mit Obstdrucken könnten dabei auch eine Rolle spielen).

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Mit Hilfe des kongenialen Drehbuchs von Eric Pearson, Craig Kyle und Christopher Yost hat Waititi die Filmreihe so grundlegend entrümpelt, wie es nur irgend geht. Raus sind dumpfer Pathos, Macho-Gehabe, Weltuntergang sowie Natalie Portman und die blöde Liebesgeschichte, die wirklich niemanden, noch nicht mal die Liebenden zu interessieren schien.

Drin sind nun irrwitziger Humor, Selbstironie, der Hulk, Cate Blanchett als brutale Odin-Tochter Hela, die sich an ihren Brüdern rächen will, sowie Tessa Thompson ("Creed") als dem Alkohol zugetane Walküre, die Thor und Loki maßgeblich beim Kampf gegen die übermächtige Schwester hilft.


"Thor: Tag der Entscheidung"
Originaltitel: "Thor: Ragnarok"
USA 2017
Regie:
Taika Waititi

Drehbuch: Eric Pearson, Craig Kyle und Christopher Yost
Darsteller: Chris Hemsworth, Mark Ruffalo, Cate Blanchett, Tom Hiddleston, Tessa Thompson
Produktion: Marvel Studios, Walt Disney Pictures
Verleih: Walt Disney Studios
Länge
: 130 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 31. Oktober 2017


Eine Schwarze als Walküre und dann auch noch als eine, die dauernd zu tief ins Glas schaut? Allein an dieser Figur zeigt sich schon, wie herrlich unbefangen Waititi mit dem Thor-Inventar umgeht. Oder genauer: Wie gut er es zu nutzen versteht. Denn Odin, seine unterschiedlichen Kinder und ihr Reich Asgard sind so großer Fantasy-Mumpitz - warum nicht wirklich frei drehen und sich von so seltsamen Vorstellungen lösen, wie dass es nur eine authentische (will heißen: weiße) Besetzung fürs nordische Sagenpersonal geben könnte?

Am entscheidendsten für den Erfolg des Films ist aber, dass Waititi Chris Hemsworths komödiantisches Talent entfesselt. Genrefans wissen um dieses Talent seit der grandiosen Horrorsatire "Cabin in the Woods" von 2012, bei der der Australier erstmalig bewies, dass er sich für eine gute Pointe buchstäblich zu opfern bereit ist. Bei den meisten (und wohl auch Marvel-Chef Feige) dürfte der Groschen aber beim "Ghostbusters"-Reboot im vergangenen Jahr gefallen sein, wo Hemsworth einen hinreißend dämlichen Sekretär gab.

Launige Demontage eines Superhelden

Bei "Thor 3" lässt er sich nun auch herrlich übel mitspielen. Das fängt mit der ersten Szene an, in der Thor an einem Seil gefesselt von der Decke hängt und sich seeeehr langsam dreht, geht weiter mit dem ersten Kampf mit Hela, den er eindeutig nicht gewinnt, und hört auch nicht auf, als er als Kampfsklave auf Sakaar unfreiwillig einen Haarschnitt verpasst bekommt.

Bei so viel launiger Demontage bleibt vom Superhelden zugegebenermaßen wenig klassisch Heldenhaftes übrig - das einzig mackerhaft-krawallige an diesem Film ist sein Titellied, der "Immigrant Song" von Led Zeppelin. Auch Bösewichtin Hela wird durch die Verlagerung ins Komödiantische in Mitleidenschaft gezogen, denn sie kann bei aller Zerstörungslust kaum an Profil gegenüber dem Witzbold Thor gewinnen - und erst recht nicht an Bedrohlichkeit.

Aber auf das alles zu verzichten, ist ein angemessener Preis für den Spaß, den dieser postheroische Superheldenfilm macht. Am Ende, so viel sei noch verraten, nimmt Thor Platz auf einem Thron. Zum ersten Mal hat man das Gefühl, dass er dort auch hingehört - als Komödienkönig im Marvel-Universum.



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