"Thor 3"-Regisseur Wie viel schrägen Humor verträgt ein Superheld?

Vom neuseeländischen Underdog zur Hollywood-Hoffnung: Taika Waititi wurde bekannt mit kleinen Komödien. Jetzt drehte er "Thor: Tag der Entscheidung" - und fragt sich: "Was passiert, wenn ich die Sache verkacke?"

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    Taika Waititi, geboren 1975, machte sich in seiner Heimat Neuseeland zunächst einen Namen mit abseitigem Indie-Humor. Er drehte unter anderem die Komödien "Boy", "Eagle vs. Shark" und "5 Zimmer Küche Sarg". In den USA bekannt wurde er vor allem als Regisseur einiger Episoden der HBO-Serie "Flight of the Conchords" - jetzt hat er den dritten Teil der "Thor"-Reihe verantwortet.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Waititi, Fans kennen Sie dank der Kult-Comedy "Flight of the Conchords" oder schräger Filme wie "5 Zimmer, Küche, Sarg". Wie landeten Sie auf dem Regiestuhl einer riesigen Hollywood-Produktion wie "Thor: Tag der Entscheidung"?

Taika Waititi: Was glauben Sie, wie oft ich mich das gefragt habe? Geholfen hat mir auf jeden Fall, dass die Produzenten bei Marvel alle ziemlich jung sind. Die gucken ständig neue Filme von unbekannten Regisseuren und wurden durch meinen zweiten Spielfilm "Boy" auf mich aufmerksam. "5 Zimmer, Küche, Sarg" gefiel ihnen auch, dadurch kamen die Gespräche zwischen uns in Gang.

SPIEGEL ONLINE: Dass man bei Marvel dem frischen Wind hinterherjagt, ist die eine Sache. Aber wie sah es bei Ihnen aus? Nimmt man ein solches Angebot ohne mit der Wimper zu zucken an?

Waititi: Natürlich habe ich darüber nachgedacht, was passiert, wenn ich die Sache verkacke. Was, wenn ich am Ende der bin, der Marvel auf dem Gewissen hat (lacht)? Aber der Druck und das Risiko machten die Aufgabe letztlich nur noch reizvoller. Angst ist nicht der beste Ratgeber. Klingt banal, ist aber so, vor allem im Filmgeschäft.

Waititi (rechts) am Set mit Schauspielerin Tessa Thompson
Marvel Studios

Waititi (rechts) am Set mit Schauspielerin Tessa Thompson

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie hatten schon Angst?

Waititi: Ich habe mir nicht gerade vor Schiss in die Hose gemacht. Immerhin hatte ich schon vier Filme inszeniert, das verlieh mir ein gewisses Selbstvertrauen. Hätte mich Marvel gleich nach meinem Debüt geködert, wäre ich womöglich so nervös gewesen, dass ich am Ende wirklich einen schlechten Job gemacht hätte. Aber so fühlte ich mich wohl genug in meiner Haut und wusste, was ich will und kann.

SPIEGEL ONLINE: Das, was Sie können, ist aber eben etwas ganz anderes als das, was man sonst in den Comicverfilmungen von Marvel sieht. Erklären Sie doch mal, wie genau Sie sich diesem Universum angepasst haben.

Waititi: Im Großen und Ganzen war da nicht viel Anpassen angesagt. Ich konnte mein Ding machen - und die Marvel-Leute ließen mich hin und wieder wissen, wenn ich mich zu weit von dem entfernt hatte, was ihr Publikum mitmachen würde. Was okay war, denn sie wissen schließlich am besten, wer das Marvel-Publikum ist.

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"Thor 3": Auf ihn mit Gebrüll

SPIEGEL ONLINE: Was ging denn zu weit?

Waititi: Hier und da habe ich ein paar Absurditäten wieder zurückgeschraubt. Insgesamt aber war ich positiv überrascht davon, wie viel Humor man bei Marvel hat. Und wie viel Mut, dem Stammpublikum mal etwas Neues vorzusetzen. Wir haben mit "Thor: Tag der Entscheidung" wirklich vieles ausprobiert, was für Comic-Verfilmungen eher neu ist. Für einiges ist vielleicht nicht jeder Zuschauer bereit. Aber ich glaube, vieles wird richtig gut ankommen.

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SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach vielen Freiheiten für Sie als Regisseur. Gab es wirklich keine Vorgaben?

Waititi: Echte Beschränkungen gab es nur mit Blick auf spezifische Details des Marvel-Universums. Bestimmte Figuren oder Events durfte ich nicht verwenden, weil die für andere Filme vorgesehen waren. Oder sie mussten mich darauf hinweisen, dass jemand, den ich in meinem Drehbuch vorkommen ließ, leider in einem anderen Marvel-Film schon gestorben war. Den hatte ich dann ganz offensichtlich nicht gesehen (lacht). Solche Dinge hatten die Produzenten im Blick. Aber ansonsten ließen sie mir freie Bahn.

SPIEGEL ONLINE: Von Anfang bis Ende?

Waititi: Auf jeden Fall, was die eigentlichen Dreharbeiten angeht. Im Vorfeld gab es natürlich Input. Cate Blanchett zum Beispiel war schon auf ihrer Schauspieler-Wunschliste, bevor ich mit an Bord kam. Und ich wusste von Anfang an, dass sie starken Einfluss auf Postproduktion und Schnitt nehmen. Aber auch das war okay, da fanden wir auf sehr produktive Weise zusammen.

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SPIEGEL ONLINE: Gab es eine klare Zielvorgabe?

Waititi: Niemand wollte einfach noch einmal "Thor 1" oder "Thor 2" drehen. Weder Marvel noch Chris Hemsworth noch ich. Es ging bei diesem Film darum, die Figur und ihre Welt neu zu erfinden, ohne ein echtes Reboot zu sein - beziehungsweise eben ein Reboot mit den gleichen Schauspielern, was ich ganz reizvoll fand.

SPIEGEL ONLINE: Und vor allem mit Humor - ihr Film ist auch eine Komödie.

Waititi: Stimmt, der Spaß gehörte zur Aufgabenstellung ganz klar dazu. Ich hatte den Eindruck, dass alle Beteiligten sich einig waren, dass "Thor - The Dark World" vielleicht doch etwas bierernst geraten war. Deswegen wollten sie das Publikum mit etwas Neuem überraschen. Aber ich habe mich mit den beiden ersten Filmen ohnehin nicht allzusehr beschäftigt. Einfach nur eine weitere "Thor"-Fortsetzung zu drehen, hätte mich gelangweilt. "Tag der Entscheidung" musste mein ganz eigenes Ding werden. "Thor" à la Taika eben.

SPIEGEL ONLINE: Auch visuell?

Waititi: Auf jeden Fall. Deswegen die knalligen Farben. Und die Symmetrie. Achten Sie mal drauf, der ganze Film ist symmetrisch. Auch ganz wichtig: keine Handkamera. Auf dieses Gewackel, das überall sonst an der Tagesordnung ist, hatte ich keine Lust. Bei mir war Filmemachen der alten Schule angesagt. Denn "Thor: Tag der Entscheidung" ist schließlich das kosmische Abenteuer eines Weltraum-Wikingers. Eine Art Weltraum-Oper, "Flash Gordon - Part II" sozusagen. Wo alle Welt dieser Tage immer Jodorovsky als Referenz nennt, war meine größte Inspiration auf jeden Fall Jack Kirby, der legendäre Comiczeichner.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie, dass Comicverfilmungen und Blockbuster heutzutage insgesamt zu düster sind?

Waititi: Ich habe nicht prinzipiell etwas gegen düstere Filme. Aber sagen wir es mal so: die letzten Jahre haben gezeigt, dass es selten von Erfolg gekrönt ist, wenn jeder zweite Film so tut, als sei er "The Dark Knight" (lacht). Und ich selbst habe viel dafür übrig, wenn Comicverfilmungen bunt und unterhaltsam sind. Das ist mein Ding. Wobei ich nicht davon ausgehe, dass Marvel meine Masche jetzt für alle ihre Filme übernimmt. Captain America wird sicherlich auch in Zukunft kein Scherzkeks werden.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt haben wir so viel über Humor gesprochen. Wie würden Sie Ihren beschreiben?

Waititi: Sich selbst nicht zu ernst zu nehmen und über sich selbst lachen zu können, das ist meiner Meinung nach typisch für Neuseeländer. Und gilt auf jeden Fall für mich. Wir machen uns gerne darüber lustig, wie banal und unaufgeregt das Leben auf unserer Insel da unten ist. Was uns dabei prägt, ist eine interessante Mischung aus Comedy sowohl aus den USA als auch aus Großbritannien, mit der wir aufwachsen. Meine Lieblings-Sitcom ist bis heute "Fawlty Towers" mit John Cleese. Dicht gefolgt von "Blackadder", "The Young Ones" und natürlich Monty Python. Dieser alberne, oft auch körperliche Humor bringt mich bis heute mehr zum Lachen als alles andere. Gleichzeitig liefen im Fernsehen aber auch immer viele US-Sitcoms, und auch deren Stil mit ihrer ganz präzisen Struktur hat natürlich Spuren bei mir hinterlassen.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie auch schon, wohin Sie dieser Humor als Nächstes tragen wird? Bleiben Sie in Hollywood?

Waititi: Das wird sich noch zeigen. Bislang weiß ich nur, was unmittelbar als Nächstes folgen wird. Ich erfülle mir einen Traum und drehe einen Animationsfilm. Das wird eine Stop-Motion-Geschichte über Bubbles, den Schimpansen von Michael Jackson. Den Film drehe ich mit dem Team von Starburns Industries, die auch "Anomalisa" gemacht haben. Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil von "Thor" - und genau das brauche ich jetzt auch. Aber was danach kommt, kann ich noch nicht sagen. Ich habe zuletzt an fünf verschiedenen Drehbüchern gleichzeitig gearbeitet. Jetzt muss ich mich erst mal für eines entscheiden.



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Seite 1
eyekey 01.11.2017
1. Verkackt...
Verkackt hat hier nur das Deutsche Übersetzungsbüro. Wie man aus "Ragnarok" so einen lahmen Titel (Tag der Entscheidung) machen kann ist mir einfach nur schleierhaft. Nur weil die 65ig-jährige Ex-Englischlehrerin bei denen nicht weiß, was das bedeutet, muss das nicht für die restliche Republik gelten. Wahrscheinlich waren hier die gleichen Hände am Werk, die aus "The long kiss goodnight" "Tödliche Weihnachten" gemacht haben. Stop that, please!
lotharbongartz 01.11.2017
2. Wir hatten zuerst kein Interesse an dem Film.
Zum Glueck war aber der Trailer das einzig Schwache an dem Film. Nachdem die Superhelden-Filme langsam ermuedeten, kann Ragnarok so richtig begeistern. Hier im Artikel ist nicht erwaehnt, dass Waititi auch dem martialischen "Korg" seine Stimme leiht - mit starkem Neuseeland-Akzent. In der Original-Version ist das ein echtes Highlight. Auch der Neuseelaender Karl Urban hat wieder einen starken Auftritt.
Bueckstueck 01.11.2017
3. Ach komm...
Der tut ja fast so als ob die zwei ersten Filme und die Figur Thor insbesondere bisher immer sehr ernst waren. Dem ist ja nicht so. Sonst hätte der Stoff von Anfang an nicht funktioniert - nordisch-ausserirdische Halbgötter? Ohne viel Komik hätte das niemand ausser den echten comic buffs sehen wollen. Ich würde den franchise im Komik Mittelfeld mit Iron Man und Ant-Man verorten, hinter dem jüngsten Spider Man reboot, den Guardians und natürlich Deadpool aber vor Captain America, Hulk und den ganzen X-Men Streifen. Passt doch eigentlich. Man muss nur aufpassen das es nicht zu albern wird. Bisher stimmt die Mischung ja noch.
sven17 01.11.2017
4.
Zitat von eyekeyVerkackt hat hier nur das Deutsche Übersetzungsbüro. Wie man aus "Ragnarok" so einen lahmen Titel (Tag der Entscheidung) machen kann ist mir einfach nur schleierhaft. Nur weil die 65ig-jährige Ex-Englischlehrerin bei denen nicht weiß, was das bedeutet, muss das nicht für die restliche Republik gelten. Wahrscheinlich waren hier die gleichen Hände am Werk, die aus "The long kiss goodnight" "Tödliche Weihnachten" gemacht haben. Stop that, please!
Das ist ausnahmsweise nicht die Schuld der Übersetzung. Anscheinend ist Ragnarök in Deutschland rechtlich gebunden und deswegen nicht verwendbar http://www.filmstarts.de/nachrichten/18512406.html Aber stimmt schon, fast jeder andere Titel wäre besser gewesen.
freeride4ever 02.11.2017
5. Hunt for the Wilderpeople
Wie kann man über Waititi berichten und dabei den genialen Film Hunt for the Wilderpeople nicht erwähnen? Sehr empfehlenswert! Ich freue mich auf den neuen Thor und bin gespannt was er mit so einem grossen Budget zustande bringt bzw. ob er überfordert ist wenn ihm sicherlich 100 Leute reinreden werden.
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