Thriller "Helden der Nacht" Sag zum Abschied leise Disco

Wo kamen eigentlich all die Drogen her, mit denen man in den Achtzigern so viel Spaß hatte? Von der Mafia natürlich. Und wer sich mit ihr einlässt, riskiert alles. Wie die traurige Hauptfigur von James Grays kleinem feinem Thriller "Helden der Nacht".

Von Daniel Haas


"We own the night" - "Uns gehört die Nacht" heißt der Film im Original. Der Satz war der Slogan der New Yorker Polizei in den achtziger Jahren. Er könnte aber auch das Motto der Disco-Kultur sein, die im Reagan-Jahrzehnt ihre Hochzeit erlebte. James Grays Thriller versteht den Spruch als Frage: Wem gehört die Nacht nun eigentlich? Den harten, uniformierten Männern, die auf den Straßen aufräumen? Oder den weniger harten, nicht selten aber ebenfalls verkleideten Männern und Frauen, die in Clubs einen hedonistischen, sexuell ambigen Lifestyle zelebrierten?



Die Cops treten auf in Gestalt von Joseph Green (Mark Wahlberg) und seinem Vater Burt (Robert Duvall). Taffe, wortkarge Männer, die einen zähen Krieg gegen die Drogenmafia führen. Ihr Widerpart ist Josephs Bruder Bobby (Joaquin Phoenix): Clubbetreiber, Partymensch, einer der Spaß haben will, vor allem mit seiner schönen Latinafreundin Amanda (Eva Mendes). Gleich zu Beginn des Films sieht man die beiden knutschend und fummelnd auf dem Sofa. Leben nach dem Lustprinzip ist die Devise, nicht Knechten für das Gesetz.

Für Bobby könnten die Achtziger ein großer Spaß sein, wären da nicht die Russen, die besagten Club für ihren Drogenhandel nutzen. Besser also, man nimmt den Nachnamen der Mutter an - verwandtschaftliche Nähe zur Polizei kann in diesem Milieu ein tödlicher Makel sein. Joseph und Burt verachten dafür den Disco-Unternehmer als egoistisches Kind, das sich mit den falschen Spielkameraden eingelassen hat.

Die Nacht gehört am Ende niemandem, schon allein deshalb, weil der Showdown bei Tageslicht stattfindet. Der Film zieht sich stückweise zurück aus der Glitzerwelt der Nachtclubs und taucht sein Drama schließlich ins harte Licht eines tristen New Yorker Nachmittags.

Den Partymann Bobby gibt es da längst nicht mehr. Nachdem sein Bruder angeschossen und der Vater vom Mob ermordet wurde, wechselt er die Seiten, wird selber Polizist und Anführer eines blutigen Rachefeldzugs.

Vom Nightlife mit Koks, Petting und Dance-Musik zur bitteren Job- und Hassroutine überforderter Gesetzeshüter führt Bobbys Weg. Regisseur James Gray ("Little Odessa", "The Yards") erzählt die Eingliederung ins bürgerliche Leben mit großer Melancholie.

Der Kippen wegpaffende, Drinks schlürfende, seine Freundin hätschelnde Nachtvogel wächst einem während der ersten Filmstunde nämlich richtig ans Herz. Ihn dann verkabelt bei irgendwelchen Undercover-Aktionen zu sehen, ist zwar spannend, aber vor allem traurig.

Bobbys Übertritt in den Staatsdienst ist eine Kapitulation, nachdem die Popkultur ihre Unschuld endgültig verloren hat. Dass die Drogen für die antibourgeoise Enthemmung irgendwo herkommen müssen, versucht der Lebemann hartnäckig zu verdängen. Aber die Clubs sind eben von Anfang an beides: Zonen neuer, kreativer Erfahrungen von Körperlichkeit, Sound und Gemeinschaft - und zugleich Marktplätze des organisierten Verbrechens.

Schon in Ridley Scotts "American Gangster" zeigte sich die dunkle Unterseite von Pop, wenn Zuhälter in Soulbars mit Großdealern streiten (und später umgelegt werden). "Helden der Nacht" skizziert noch einmal den Traum einer von Jazz, Soul und Disco inspirierten Jugend und wie er in den Verteilungskämpfen aufgerieben wird.

Jede Subkultur muss für ihre Freiheiten bezahlen. Insofern ist "Helden der Nacht" eine Rachegeschichte im doppelten Sinn. Nicht nur sühnt Bobby den Tod des Vaters, auch die Verhältnisse rächen sich an ihm. Ein bisschen wirkt er wie der Held aus dem Musical "Hair", der eigentlich nur feiern wollte und aus Versehen in Vietnam landet.

Man entkommt den Zusammenhängen nicht, sagt auch dieser Film; selbst im Geflimmer der größten Discokugel ist ihre zerstörerische Strahlung enthalten. Zum Schluss trägt Bobby die Uniform des Vaters. Sie hat nichts vom Fummel der Village-People-Polizisten, sondern sitzt stramm wie eine Rüstung.

Die Party ist endgültig vorbei. Gute Nacht, Disco.



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