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15. September 2010, 13:42 Uhr

Thriller "The American"

Ach George, warum bist du bloß so cool?

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Der Killer als Kunsthandwerker: In Anton Corbijns Thriller "The American" spielt George Clooney sehr stilsicher einen Auftragsmörder, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Entstanden ist ein formvollendeter Film über die Baller-Branche - der etwas zu schön ist, um spannend zu sein.

Schüsse fallen, dann färbt Blut eine zuvor makellose Schneedecke rot. Nur einer verlässt diese Winterlandschaft lebend: Ein Auftragsmörder ohne verbriefte Identität: "The American". Ein furioser Auftakt, den Anton Corbijn da für seinen zweiten Spielfilm inszeniert hat. Beim Kinodebüt "Control" (2007), einer stimmigen Reminiszenz an Joy-Divison-Sänger Ian Curtis, verweilte der niederländische Foto- und Videokünstler noch in der ihm vertrauten Popsphäre. Aber nun hat Corbijn einen Genrefilm gestaltet, genauer einen Thriller, basierend auf dem Roman "A Very Private Gentleman" von Martin Booth.

Das Versprechen der ersten Minuten, wenn der titelgebende Amerikaner im schwedischen Hinterland erst seine Verfolger und unvermittelt auch die ahnungslose Geliebte erschießt, löst Corbijns Film leider nicht ein. Denn was so kompromisslos beginnt, verliert sich im Verlauf der schönen Bilderstrecke, die George Clooney in der Rolle des einsamen Hitman zurücklegt.

Sein Weg führt ihn zunächst nach Rom, wo ein Kontaktmann wartet. Der nennt sich Pavel (Johan Leysen), während der flüchtige Killer nun als Jack firmiert. Pavel schickt Jack in die Abruzzen, auf dass die Dinge in seiner Abwesenheit zur Ruhe kommen. Zudem könne er ja im Exil einen kleinen Auftrag erledigen.

In seinem malerischen Kleinstadtversteck angekommen, gibt sich Jack als Fotograf aus und wandert auf vermeintlicher Motivsuche durch die verwinkelten Gassen. So macht er die Bekanntschaft des örtlichen Geistlichen (Paolo Bonacelli), der den einsilbigen amerikanischen Freund mit rührender Beharrlichkeit in Gespräche über Schuld und Sühne verwickelt.

Beredter zeigt sich Jack allerdings bei der Prostituierten Clara (Violante Placido), mit der er regelmäßig das Bett teilt. Zunächst verbietet er sich Gefühlsnähe, nicht zuletzt mit Blick auf das gewalttätige Ende seiner letzten Beziehung. Doch die junge Frau gewinnt sein Vertrauen, und das suspendierte Dasein im italienischen Exil erscheint ihm allmählich als echte Alternative zum tödlichen Gewerbe.

Die Arbeit holt ihn allerdings in Gestalt von Mathilde (Thekla Reuten) ein, die Pavels angekündigten Auftrag im Gepäck hat: Jack soll für sie ein Präzisionsgewehr ummodeln, das die kühle Dame für einen schwierigen Job benötigt. In akribischer Heimarbeit perfektioniert Jack das Mordinstrument, aber immer offensichtlicher wird dabei sein Wunsch nach einem anderen Leben. Dabei läuft er angesichts unklar verlaufender Fronten jedoch Gefahr, sein jetziges zu verlieren.

Heilige Hure oder Femme fatale

Es scheint fast ein wenig müßig, die ästhetischen Qualitäten von Corbijns existentialistischem Krimientwurf zu preisen. Wie nicht anders zu erwarten, sind etliche Einstellungen von einer exquisiten Beilläufigkeit, der natürlich rein gar kein Zufall innewohnt. Corbijn und Kameramann Martin Ruhe setzen dazu souverän das Licht, kontrastieren die kühlen Innenräume mit der dunklen Wärme der Altstadtgassen und dem flirrenden Farbenspiel in Jacks Naturrefugium.

Nicht untermalt, sondern eher subtil akzentuiert werden die Aufnahmen von Herbert Grönemeyers spartanischem Soundtrack, der so gediegen daherkommt wie der Hauptdarsteller. Denn auch George Clooney ist schließlich für Geschmackssicherheit bekannt und verteilt in seiner Rolle derart sparsam Gesten und Blicke - ganz zu schweigen von Worten -, als müsste er Alain Delons Killer aus Jean-Pierre Melvilles "Der eiskalte Engel" in grimmer Zurückhaltung überbieten.

Schade nur, dass dies alles viel zu schön ist, um spannend zu sein. Wirklich etwas Neues zu erzählen gibt es ohnehin nicht, und wenn er es doch versucht, erstarrt der Film in eben jenen Klischees, die er mit seiner allegorischen Haltung aufbrechen möchte. Am schmerzhaftesten verdeutlicht die Rolle der Frauen das Dilemma, denn während die Männer immerhin düster ihr belastetes Gewissen wälzen dürfen, können sie hier nur heilige Hure oder Femme fatale sein. Sicher wird das irgendjemand neoklassisch nennen, oder eine Verbeugung vor der Genre-Historie darin sehen, aber das ändert nichts an der erschreckenden Biederkeit des Films, wenn es um seine Figuren, und nicht um die Form geht.

Während der amerikanische Killer an seiner Flinte feilt, wird somit auch hinter der Kamera eifrig Kunsthandwerk gedrechselt. Es ist das eigentlich Tragische an diesem prominenten Projekt: Den zweifellos begabten Beteiligten genügt allein die sichere Fingerübung. So vergewissern sich Corbijn und Clooney auf ihrer gemeinsamen Italien-Reise am Ende nur des allseits Vertrauten. Das ist Manierismus auf zugegebenermaßen sehr hohem Niveau, was selbigen aber nicht minder eitel und langweilig macht. Vielleicht ist das transkontinentale Männertreffen im sonnendurchfluteten Italien aber auch schlicht zu nett geraten: Bei gutem Essen, prima Wein und in bester Gesellschaft ein bisschen kopflastig über das Genre-Kino zu philosophieren, macht leider noch keinen veritablen Thriller.

Sie hätten halt im Schnee bleiben sollen.

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