Tim Burtons "Corpse Bride" Gutes aus der Gruft

Wenn einer eine Leiche trifft, dann kann er was erleben: Mit seinem neuen Puppenfilm "The Corpse Bride" hat Regisseur Tim Burton ein schauerlich schönes Märchen gezaubert, mit dem die gute alte Stop-Motion-Tricktechnik ins digitale Zeitalter transportiert wird.

Von Wiebke Brauer


Es war einmal ein junger Mann, der sollte verheiratet werden. Glücklicherweise ist Victor seiner Zukünftigen recht angetan, doch leider vermasselt er die Generalprobe für seine Hochzeit mit Victoria. Er geht in den Wald, um die Zeremonie noch einmal zu üben, probt seinen Part, steckt den Trauring auf einem kleinen Ast - und siehe - es handelt sich dabei um den Ringfinger einer Leiche. Nein, noch schlimmer: Die Dame ist eine verwesende, aber noch recht fidele Braut aus dem Reich der Toten und nun der festen Überzeugung, sie hätte den Mann fürs, nun ja, Leben gefunden. Das nennt man ein Problem, allerdings ein sehr schön anzuschauendes.

Lebende Leiche Emily: Verwesend, aber fidel
DDP

Lebende Leiche Emily: Verwesend, aber fidel

Denn immerhin wird "The Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche" von Tim Burton erzählt. Dem amerikanischen Filmemacher kann kein Stoff zu schrill, keine Figur zu obskur sein. Ob Affen, Fledermäuse, Männer mit Scherenhänden oder grüne Kobolde vom Mars - ein ausgesprochenes Faible für Realität kann man dem großen Makaberen des US-Kinos wahrlich nicht nachsagen.

Doch so abstrus seine Ideen auch sein mögen, so sehr ist Burton auch dem Bewährten verhaftet. Der Stop-Motion-Film "The Corpse Bride" ist - wie zuvor schon "Nightmare before Christmas" - in Zusammenarbeit mit Regisseur Mike Johnson entstanden, Danny Elfman schrieb auch hier die Musik, Jonny Depp, der den Victor in der Originalversion des Films spricht, arbeitete bereits bei "Ed Wood", "Charlie und die Schokoladenfabrik" oder "Sleepy Hollow" mit Burton zusammen. Die Stimme der geisterhaften Leichenbraut gehört Helena Bonham Carter. Mit ihr lebt Tim Burton im echten Leben zusammen - verheiratet sind die beiden allerdings nicht.

Verkrachtes Liebespaar Victor, Emily: Samtig-morbide Eleganz
Warner Bros.

Verkrachtes Liebespaar Victor, Emily: Samtig-morbide Eleganz

Also alles wie gewohnt ungewohnt? Nein, denn war Burtons erster Animationsfilm "Nightmare before Christmas" (1993) ein bestechend schrilles Spektakel mit Puppen, die sich noch sehr ruckartig bewegen, betört "The Corpse Bride" nun durch eine samtig-morbide Eleganz. Das liegt nicht zuletzt an der Weiterentwicklung der an sich altmodischen Stop-Motion-Technik unter Zuhilfenahme digitaler Verfeinerungen und einer verbesserten Mimik der Puppen, bedingt durch neuartige Motoren im Kopf.

Die Synchronstimmen wurden zudem schon vor der Animation aufgenommen. Entsprechend mussten sich die Stimmen nicht nach der vorgefertigten Materie richten, sondern wirkten selbst formgebend. Die beste Methode übrigens, diesen belebenden Effekt wieder zunichte zu machen, ist, sich den Film in der deutschen Synchronisation anzusehen.

Regisseur Burton: Der große Makabere
REUTERS

Regisseur Burton: Der große Makabere

Viel Magie entsteht auch durch die Szenerie. "The Corpse Bride" spielt in einer ästhetisierten Welt zu einer viktorianischen Zeit: Blass sind die Gesichter, streng die Kleiderordnung. Das Reich der Lebenden ist grau und hart, Lebenslust ist dieser Welt fern. Hier herrscht eine düstere und stille Romantik, die den Toten sterbenslangweilig erscheint. Denn nur im Totenreich pulsiert das Leben, burlesk sind hier die Scherze und die farbenfrohen Figuren, es wird gefeiert und - mal wieder - kräftig gesungen.

So scheint Tim Burton in seinen Puppenfilmen nicht ohne musikalische Einlagen auskommen zu wollen. Schade, denn eigentlich ist der nekrophile Kitsch allein schon zauberhaft genug. Eine verwesende Braut mit Liebeskummer und einer vorwitzigen Made im Auge; ein Geister-Hund, der zwar die Pfote geben mag, aber missbilligend winselt, wenn er das Kunststück vorführen soll, sich tot zu stellen; und zwei lebende Liebende, die wieder zueinander finden wollen.

Doch da es nach Regisseur mit den schrägsten Ideen geht, müssen eben alle singen. Auch, wenn sie schon längst gestorben sind.


The Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche

USA, 2005. Regie: Tim Burton, Mike Johnson. Buch: John August, Caroline Thompson, Pamela Pettler. Sprecher: Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Emily Watson, Tracey Ullman, Albert Finney, Christopher Lee. Produktion: Tim Burton, Laika Entertainment. Verleih: Warner Brothers. Länge: 75 Minuten. Start: 3. November 2005



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