Spielfilm "Timbuktu" Die Schrecken der Scharia
Spielfilm "Timbuktu": Die Schrecken der Scharia
Foto: Arsenal
Spielfilm "Timbuktu": Die Schrecken der Scharia
Foto: ArsenalLeise klingt Musik durch das nächtliche Timbuktu. Entgegen dem Verbot islamistischer Rebellengruppen, die sich als die neuen Herren der Wüstenstadt in Mali betrachten. Bewaffnete Männer schwärmen aus, um in den verwinkelten Gassen die Quelle des lästerlichen Lärms auszumachen. Die Suche dauert lange. Schließlich findet ein junger Mann das Haus, aber er bleibt unschlüssig davor stehen. Er ruft seinen Vorgesetzten auf dem Handy an: "Es handelt sich um Lobgesänge an Gott. Soll ich sie verhaften lassen?"
"Timbuktu", der Film des mauretanischen Regisseurs Abderrahmane Sissako, steckt voller Beobachtungen des Alltags, die die Absurdität des islamistischen Regimes in der Stadt zeigen. Eine Fischverkäuferin weigert sich, bei der Arbeit auf dem Markt zusätzlich zur Burka auch noch Handschuhe zu tragen. Schimpfend wird sie abgeführt. Eine Gruppe von Islamisten will sich Zutritt zu einer Moschee verschaffen - bewaffnet und mit Schuhen. Entsetzt putzt sie der Imam herunter: "Ist Euch nicht klar, dass Ihr das Haus Gottes betretet?" Kleinlaut trollen die Männer sich. Und während in der ganzen Stadt Rauchverbot herrscht, lässt sich ein Rebellenanführer regelmäßig von seinem Untergebenen in die Wüste kutschieren, um hinter einer Düne eine Zigarettenpause einzulegen.
Sissakos Film geht von Begebenheiten aus, die sich von April 2012 bis Anfang 2013 in Timbuktu ereigneten, als die Stadt am Rand der Sahara in die Hände von al-Qaida und Ansar Dine fiel. Die islamistischen Gruppen versuchten, eine strenge Form der Scharia einzuführen, und begannen mit der Zerstörung von Gebäuden, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören.
Sissako beobachtet das Geschehen distanziert, fast ein wenig belustigt. Gelassen entlarvt er die Islamisten als unfähig; beinahe werden sie vor seiner Kamera zu Hampelmännern. Während die Bande sich untereinander kaum verständigen kann und immer wieder auf Französisch kommuniziert, weil viele Rebellen kein Arabisch beherrschen, zeigt Sissako die Bewohner Timbuktus als entspannte, stolze Menschen, die tief in ihrer Kultur verankert sind. Dazu gehört ganz selbstverständlich die Musik des Maghreb. Immer wieder sieht man Männer, die selbstvergessen Gitarre spielen, und Frauen, die dazu singen.
Angriff auf Kultur und Menschen
Auch der Film selbst wurzelt in dieser Kultur. Die episodenhafte Dramaturgie der Geschichte führt keineswegs zu einer von westlichen Vorbildern inspirierten neorealistischen Inszenierung. Vielmehr prägt "Timbuktu" eine traumwandlerische Bildsprache, die immer eine Spur neben der Wirklichkeit zu liegen scheint. Weil Fußball verboten ist, üben Jungs das Spiel ohne Ball - ein aberwitziges Ballett im Wüstenstaub. Eine verrückte Alte mit Hahn unterm Arm und einem in bunten Farben wehenden Kleid beschimpft die Islamisten, wird von ihnen aber in Ruhe gelassen.
Dazu stellt der Regisseur gewaltige Panorama-Einstellungen, die die endlose Wüste in changierenden Ocker-Farbtönen leuchten lassen, und Aufnahmen aus der Stadt mit ihrer einzigartigen Lehm- und Kalkstein-Architektur. Schließlich entzieht Sissako seinem Film, der im Wettbewerb von Cannes Premiere feierte und von Mauretanien für die Oscars eingereicht wurde, deutlich das Tempo. Er lässt ihn in der Montage wie Quecksilber zusammenfließen und filmt dramatische Höhepunkte gleich ganz ohne Schnitt in langen, distanzierten Einstellungen.
Trotz des anfangs fast schon beiläufigen Tons lässt Sissako keinen Zweifel daran, dass die islamistischen Rebellen einen Angriff auf Kultur und Menschen führen. Gleich zu Beginn hetzen sie, auf der Tragfläche eines Pick-ups stehend, johlend eine kleine Herde Antilopen vor sich her. Kurz darauf feuern die Männer auf traditionelle Holzpuppen und zerfetzen sie.
Dabei bleibt es nicht. Langsam und unerbittlich entfaltet das Regime der Islamisten seinen Schrecken. Sie zwingen junge Frauen zur Heirat. Musiker werden zu Peitschenhieben verurteilt. Die Kleiderpolizei terrorisiert Passanten, ständige Lautsprecherdurchsagen mahnen die Einhaltung der unzähligen neuen Verbote an. Ein Liebespaar wird bis zum Hals eingegraben und gesteinigt.
Gleichzeitig konzentriert Sissako den bis dahin mäandernden Erzählfluss und dramatisiert das Geschehen. Die Geschichte kreist jetzt um einen Viehhirten, der mit seiner Familie außerhalb der Stadt in einem Zelt lebt und aufgrund eines dramatischen Zwischenfalls von einem Scharia-Gericht der Islamisten zum Tod verurteilt wird.
Das furiose Finale von "Timbuktu" zerfetzt die trancehafte Ruhe des Beginns: In einer rätselhaften Parallelmontage schneidet Sissako schnell zwischen verschiedenen dramatischen Schauplätzen hin und her. Überall rennen Menschen und Tiere, besinnungslose Bewegung überall. Aber niemand kommt irgendwo an.
Filmtrailer: "Timbuktu"
Frankreich/Mauretanien 2014
Drehbuch: Abderrahmane Sissako, Kessen Tall
Regie: Abderrahmane Sissako
Darsteller: Ibrahim Ahmed, Toulou Kiki, Abel Jafri, Fatoumata Diawara, Hichem Yacoubi
Produktion: Sylvie Pialat
Verleih: Arsenal
Länge: 97 Minuten
Start: 11. Dezember 2014
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Eine Frau allein unterwegs durch die Stadt? Unter den islamistischen Milizen, die Timbuktu neun Monate besetzt hielten, durfte das nicht mehr sein.
Wie der mauretanische Regisseur Abderrahmane Sissako nach wahren Begebenheiten zeigt, erstickt das perfide Regime der Ultrareligiösen nahezu alles Leben in der Stadt.
Auch Fußball ist verboten - weshalb sich im Film die Spieler mit einem imaginären Ball behelfen.
Musizieren und Singen gehört zu den verbotenen Handlungen. Besonders verwerflich ist dabei das Zusammentreffen von unverheirateten Männern und Frauen.
Der Widerstand der Menschen gegen das unterdrückerische Regime ist oft subtil, weil die Konsequenzen so harsch sind. Nur eine verrückte Alte mit Hahn unterm Arm beschimpft die Islamisten lauthals.
Sissako zeigt ein Panorama der Stadt während der Unterdrückung, nach und nach stellt sich aber heraus, dass die Familie von Kidane (Ibrahim Ahmed) mit seiner Frau Satima (Toulou Kiki) und Tochter Toya (Layla Walet Mohamed) im Mittelpunkt steht.
Zwar sind alle Nachbarn wegen der Milizen weggezogen, aber Kidane mag das harmonische Leben mit seiner Familie samt ihres Viehhüters Issan (Mehdi Mohamed), den er wie einen Sohn behandelt, noch nicht aufgeben.
Doch dann entwickelt sich aus einer Auseinandersetzung mit einem Fischer schnell ein ernsthafter Streit mit unabsehbaren Konsequenzen für Kidane.
Der Streit eskaliert so sehr, dass er sich schließlich vor einem Scharia-Gericht wiederfindet.
Zwar sind alle Nachbarn wegen der Milizen weggezogen, aber Kidane mag das harmonische Leben mit seiner Familie samt ihres Viehhüters Issan (Mehdi Mohamed), den er wie einen Sohn behandelt, noch nicht aufgeben.
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