Shootingstar Timothée Chalamet Hollywoods neue Männlichkeit

Sensibel, verträumt, gebildet: Timothée Chalamet gehört seit dem Liebesfilm "Call Me By Your Name" zu den gefragtesten Schauspielern - und hat eine wahre "Chalamania" ausgelöst.

NFP

Früher galt als Hollywood-Star, wer 20 Millionen Dollar pro Rolle bekam und mit jedem neuen Film die Massen vor die Leinwand lockte. Diese Zeiten sind vorbei; heute sind es meist nur noch Comic-Helden, die das breite Publikum anlocken. Entsprechend muss das Konzept Filmstar neu definiert werden - niemand tut das aktuell nachdrücklicher als Timothée Chalamet.

Sein neuer Film "Beautiful Boy", der am Donnerstag in Deutschland anläuft, mag insgesamt überschaubare Summen eingespielt haben. Doch blickt man nur auf das Startwochenende, zählt das Drogendrama zu den zehn erfolgreichsten Filmen 2018.

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Timothée Chalamet: Typ cooler Schwiegersohn

Dass so viele neugierig auf den Film waren, liegt vor allem an dem 23-jährigen Chalamet. 2017 verliebte er sich in dem von nostalgischer Sommerferienstimmung durchtränkten Liebesfilm "Call Me By Your Name" als 17-jähriger Elio in den älteren Oliver und erhielt dafür eine Oscar-Nominierung (während er 2019 zur Enttäuschung mancher leer ausging). Seitdem löst er eine Aufregung aus wie kein Schauspieler mehr seit Benedict Cumberbatch auf der Höhe des "Sherlock"-Hypes.

Entfacht wurde die "Chalamania" durch Promotionauftritte für "Call Me By Your Name", doch der Hype hat längst ein Eigenleben. Twitter-Memes und Instagram-Stories häufen sich, auf einem Fan-Account wird sein Gesicht in klassische Kunstwerke hineinkopiert, Modemagazine reißen sich um Shootings mit Chalamet.

Und dann gibt es natürlich noch die wachsende, zu weiten Teilen aus jungen Frauen bestehende Fanschar, derentwegen bei öffentlichen Auftritten wie etwa der "Beautiful Boy"-Premiere vergangenen September in Toronto zusätzliches Security-Personal hinzugezogen werden musste.

"Es wäre übertrieben zu behaupten, dass es mich überfordert, was seit 'Call Me By Your Name' in meinem Leben los ist", sagt Chalamet beim Interview-Termin in Los Angeles. "Schon allein weil ich in Manhattan in den Randbereichen des Showgeschäfts aufgewachsen bin und immer wieder mitangesehen habe, was es bedeuten kann, berühmt und erfolgreich zu sein."

Sensibel, verträumt, nachdenklich, gebildet

Bereits als Teenager spielte Chalamet eine Staffel lang in der Serie "Homeland" mit und war in "Interstellar" als Sohn von Matthew McConaughey zu sehen. Neu ist der Grad an Aufmerksamkeit trotzdem: "Gerade staune ich eher selbst, wie sehr ich die Situation genieße." Schnell schiebt er hinterher: "Wobei ich in allererster Linie dankbar bin. Dankbar, dass ich bereits am Broadway spielen durfte. Dankbar, dass ich als großer Fan von 'The Office' Steve Carell als Filmpapa haben durfte. Wer kann solche Dinge in meinem Alter schon von sich behaupten?"

Diese erstaunlich wenig peinliche Mischung aus wohlerzogener Bescheidenheit und Selbstbewusstsein entspricht genau dem Image, dem Chalamets Fans so zahlreich verfallen sind. Sensibel und verträumt, nachdenklich und gebildet, cool, aber doch brav genug, um als Klavier spielender Schwiegersohn durchzugehen.

Auf die Privatperson Chalamet - Sohn einer Bühnenschauspielerin und eines französischen Unicef-Mitarbeiters, mit einer Jugend aus Sommerferien in Europa, Besuch der legendären La Guardia High School of Music & Art and Performing Art - trifft diese Beschreibung ebenso zu wie auf seine Rolle als Elio in "Call Me By Your Name".

In Greta Gerwigs "Lady Bird" spielte er eine augenzwinkernd-ironische Version des gleichen Typs, in "Beautiful Boy" zeigt er nun die düstere Kehrseite: den Sohn aus gut situiertem Hause, der an seiner Crystal-Meth-Sucht fast zugrunde geht. Letzte Zweifel an Chalamets schauspielerischem Talent werden in dieser berührenden Geschichte im Übrigen ausgeräumt.

Dass dieses dünne Kerlchen mit dem dichten Lockenkopf nun allerdings - wie kürzlich von der US-Webseite Vulture - als "perfekter Filmstar für unsere Zeit" gefeiert wird, liegt natürlich nicht nur an seinem Können, sondern vor allem daran, dass er anders ist. Wo Blockbuster-Produzenten in erster Linie auf den Typ "Captain des Football-Teams" setzten, ist Chalamet in seiner knabenhaften Zartheit fernab jedes Aggressionspotentials das perfekte Gegenmodell.

Modischer Mut

Eine Position, der er sich selbst durchaus bewusst ist. "Ich würde gerne wissen, ob die Rollen, die ich spiele, für eine gewisse Veränderung sorgen", sagte er im Gespräch mit Popstar Harry Styles für das Magazin i-D. "Männlichkeit wird nicht von einer bestimmten Hosengröße, Muskelshirts, Sexvorlieben oder Drogenmissbrauch definiert. Das ist aufregend, eine schöne neue Welt. Und unsere Generation ist froh darüber, Dinge auf neue Art zu machen."

Er selbst geht lässig mit gutem Beispiel voran. So hat er öffentlich bedauert, mit Woody Allen gearbeitet zu haben (der seit Herbst 2017 abgedrehte Film "A Rainy Day in New York" liegt derzeit auf Eis) und sein Honorar wohltätigen Organisationen wie Time's Up gespendet. Zur Golden Globe-Verleihung, wo er als bester Nebendarsteller nominiert war, erschien er nicht nur in Begleitung seiner Mutter statt seiner angeblichen Freundin Lily-Rose Depp. Er trug eine glitzerbesetzte Mischung aus Harness und Hosenlatz von Louis Vuitton - modisch mindestens so mutig wie der Blumenanzug von Alexander McQueen, den er zur Londoner Premiere von "Beautiful Boy" anhatte.

Timothée Chalamet bei den Golden Globes 2019
AFP

Timothée Chalamet bei den Golden Globes 2019

Dass er bei allem Spiel mit Androgynität und Queerness trotzdem weit weniger exzentrisch-avantgardistisch und vor allem heteronormativer auftritt als sein Kollege Ezra Miller ("Phantastische Tierwesen"), ist der öffentlichen Begeisterung zuträglich.

Wird es Chalamet gelingen, den Rummel um seine Person in eine dauerhafte Karriere zu verwandeln? An Comicverfilmungen hat er - anders als vor ein paar Jahren Cumberbatch - scheinbar kein Interesse. "Mir ist es nicht wichtig, ob meine Filme Hunderte Millionen Dollar einspielen. Mich interessieren spannende Rollen - und vor allem die Arbeit mit den besten Filmemacher*innen der Welt. Wenn ich also doch mal in einer dieser Riesenproduktionen mitspiele, dann muss schon jemand ganz besonderes auf dem Regiestuhl sitzen", so Chalamet.

Im Video: Die Rezension zu "Beautiful Boy"

Gerade steht er noch mit Bill Murray und Tilda Swinton vor der Kamera von Wes Anderson. Doch danach beginnen die Dreharbeiten für die mit Spannung erwartete Neuverfilmung des Science-Fiction-Klassikers "Dune" durch Denis Villeneuve. Ein Film durchaus mit Blockbuster-Potenzial.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
whitewisent 24.01.2019
1.
Dieser "Mann" ist gerade mal 23! Und entspricht dem Aussehen und Gehabe nach eher dem Mitglieder einer der üblichen gecasteten Boybands. Damit mag er alles Mögliche sein, bestimmt aber nicht für "neue Männlichkeit" stehen. Davon gibt es immer wieder welche, egal ob sie nun River Phoenix, Leonardo Di Caprio oder Shia LaBeouf waren. Auch jemanden wie Johnny Depp wurde schon früh als sexuell attraktiv eingestuft, "männlich" jenseits vorn Jugendwahn und üblichem Potenzgehabe wurde er erst in seinen Filmen jenseits der 30. Man kann als SPON nur sehr schlecht den Medienrummel kritisieren, wenn man nicht nur über diesen berichtet, sondern sich mit solch reißerischer Überschrift selbst zum Teil dessen macht.
virginia 24.01.2019
2. mehr PR
und Gesuelze geht kaum!
Avagin Ste des infertiles 24.01.2019
3. Beautiful Boy
Der Antagonist zum schauderhaften Ben is back. Hier sieht man zu, wie sich Eros in Thanatos verwandelt. Niemand greift ein, weil die Verwandlung zu atemberaubend ist. Das Dilemma der Ästhetik ist ihre Verachtung für die Moral. Sehr europäisch. Extrem verfeinert. Fast schon japanisch.
Newspeak 24.01.2019
4. ....
Chalamet ist enorm ausdrucks- und wandlungsfaehig und nebenbei huesch anzuschauen. Was interessiert mich da die Maennlichkeit? Ich weiss nicht, wie es anderen geht, aber mir erscheinen diese Diskussionen als Ausdruck eines dunklen Zeitalters, in dem wir leben. Gibt es wirklich nichts Wichtigeres in der menschlichen Kultur, als diese Identitaetsdiskussionen? Es reicht doch eigentlich aus, dass die Postmoderne alles beliebig gemacht hat. Muss man sich in diesem Schlamm noch suhlen? Das Traurige ist doch, dass am Ende gar keine tiefere und verbindende Erkenntnis mehr steht, ueber den Menschen, als das Koelsche "Jeder Jeck ist anders". Insofern freue ich mich ueber junge Leute, die das alles nicht so wichtig nehmen. Ich hoffe die postmodernen Alten sind irgendwann Geschichte und man kann wieder etwas Vernuenftiges in der Kultur erleben.
bhang 24.01.2019
5. Er ist halt der nächste flavor du jour...
Gibt es nicht immer mal zwischendurch diese feminin wirkenden Anti-Hollywood-Macho-Blockbuster-Typen?
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