"Tödliches Vertrauen" Superdaddy schlägt Stiefvater

Irgendwer in Hollywood muss zu viel Geld übrig gehabt haben, sonst wäre dieser Film nie entstanden: Regisseur Harold Becker hat mit "Tödliches Vertrauen" einen Thriller von der Stange gedreht, in dem John Travolta einmal mehr eine äußerst dürftige Darstellung zeigt.

Von Oliver Hüttmann


"Tödliches Vertrauen": Frank (John Travolta, M.) glaubt seinem Sohn
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"Tödliches Vertrauen": Frank (John Travolta, M.) glaubt seinem Sohn

Man kann vielleicht noch mal das Kino neu erfinden, aber die Geschichten bleiben stets die alten. Das gilt vor allem für Genrefilme: Ein Thriller ist halt ein Thriller - alles läuft nach gewissen Mustern ab, und umso wichtiger werden daher die Nuancen des Drehbuchs und die Vision des Regisseurs. Beides ist heutzutage aber immer seltener der Fall, eben weil alles irgendwie schon mal erzählt wurde. Ein abschreckendes Beispiel ist Harolds Beckers "Tödliches Vertrauen", dessen deutscher Titel ausnahmsweise kaum banaler klingt als das Original ("Domestic Disturbance") und damit schon vieles verrät.

John Travolta, noch immer viel zu moppelig, spielt den knuddeligen Bootsbauer Frank Morrison. Die Kulisse ist natürlich eine kleine, idyllische und verschlafene Küstenstadt, damit auch ja niemand das Böse übersehen kann, wenn es sich zeigt. Frank kümmert sich mit seiner Ex-Frau Susan (Teri Polo) um den gemeinsamen Sohn Danny (Matthew O'Leary). Der Zwölfjährige ist als Scheidungskind ein Problemfall, der die Schule schwänzt und ständig schwindelt. Dannys kleine Lügen und das mangelnde Vertrauen seiner Eltern in seine Worte sind der Anfang eines Handlungsstranges, an dem entlang sich geradlinig eine große Lüge entwickelt.

Susan steht nämlich kurz vor der Heirat mit Rick Barnes (Vince Vaughn), einem reichen, aalglatten und attraktiven Unternehmer, der erst vor wenigen Monaten ins Örtchen gezogen ist ­ womit er nach den Gesetzmäßigkeiten des Thrillers schon mal suspekt ist. Selbstverständlich auch hat Danny keinen Bock auf den künftigen Stiefvater. Und spätestens bei der Trauung, als mit dem abgerissenen Ray (Steve Buscemi) eine Figur aus der Vergangenheit Ricks auftaucht, wissen selbst unbeleckte Zuschauer, dass der Bräutigam nicht ganz koscher ist. Ray und Rick haben zusammen einen Raub begannen und im Knast gesessen. Danach hat Rick die Kohle allein abgezockt und will sich damit nun eine saubere Existenz aufbauen. Klar, dass Ray ihn erpresst und deshalb mit seinem Leben zahlen muss.

Und dafür haben sie in Hollywood mal wieder drei Drehbuchautoren verschlissen

Notorischer Lügner: Danny (Matthew O'Leary)
UIP

Notorischer Lügner: Danny (Matthew O'Leary)

Nun könnte man subtil und mit etwas Raffinesse sowohl Trug als auch Mord entlarven. Doch leider ist Danny der einzige Zeuge der Meucheltat und also wegen seiner Flunkereien und bekannten Abneigung gegen Rick Barnes unglaubwürdig für die Polizei und seine Mutter. Superdaddy Frank aber möchte seinem Sprössling glauben, forscht nach, wird immer misstrauischer, erhält erst Besuchsverbot und am Ende doch noch Recht und einen dicken Kuss. Im Standardfinale muss dann die getrennte Kleinfamilie wieder vereint den kaum tot zu kriegenden Fiesling erledigen. Und dafür haben sie in Hollywood wieder mal drei Drehbuchautoren verschlissen.

Die Schlichtheit der Story wäre noch zu verzeihen, wenn Regisseur Becker ("Sea Of Love", "Malice") zumindest optisch eine originelle, verstörende Atmosphäre geschaffen hätte. Statt dessen wickelt er routiniert nur die üblichen Überraschungseffekte ab: Da ist Barnes plötzlich nach einem Schnitt ­ nur für Danny ­ im Spiegel zu sehen, beobachtet der verängstigte Junge seine Füße hinter dem Türspalt, werden Drohungen gezischelt und Telefonleitungen zertrennt - durchsichtiger und spannungsloser als jeder TV-Krimi.

Hauptdarsteller Travolta, derzeit der wohl am meisten überschätzte Star und Schauspieler, der sich in seiner zweiten Karriere befindet und jede mit einem Glücksfall begann, hilft hier mit seinem gewohnt blassen Spiel auch nicht groß weiter. Wie sich die Geschichte wiederholt: Schon Nach "Saturday Night Fever" (1977) zeigte Travolta fast nur Dilettantismus auf der Leinwand und war zu Recht bis in die neunziger Jahre hinein vergessen. Seit seinem Comeback mit der ­ zugegeben brillanten ­ Rolle als Killer in "Pulp Fiction" (1994) liefert er nun - gegen astronomische Gagen - fast jedes Mal den gleichen grenzdebilen Gesichtsausdruck ab. Das macht Steve Buscemi zwar ebenfalls, aber dafür mit Stil. Sein beiläufig angemerkter Frust darüber, dass es in dem beschaulichen Küstenort keinen Pornoshop gibt, ist die großartigste und gruseligste Szene des ganzen Films.

"Tödliches Vertrauen" ("Domestic Disturbance"). USA 2001. Regie: Harold Becker; Drehbuch: Lewis Colick, William S. Comanor, Gary Drucker; Darsteller: John Travolta, Vince Vaughn, Teri Polo, Steve Buscemi; Produktion: De Line Productions, Jonathan Krane Group, Paramount; Länge: 89 Minuten; Verleih: UIP; Start: 14. Februar 2002



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