Film über "Herr der Ringe"-Autor Tolkien In Mittelerde war mehr los

Der Erfinder von "Herr der Ringe" und "Hobbit" bekommt seinen eigenen Film. Problem: Am Leben von J.R.R. Tolkien war nichts annähernd so aufregend wie seine Fantasy-Schöpfungen.

20th Century Fox

Von Sven von Reden


Fans und Interpreten hat es John Ronald Reuel Tolkien nie leicht gemacht. Seine amerikanischen Hippie-Anhänger der Sechzigerjahre bezeichnete er einmal als "bedauernswerten Kult"; seine Deuter, die sogar eine Warnung vor dem Atomkrieg in den "Herrn der Ringe" lesen wollten, mahnte er: "Ich habe eine herzliche Abneigung gegen Allegorien in all ihren Manifestationen."

Kaum verwunderlich also, dass seine Nachlassverwalter streng über das Werk des Mythenschöpfers wachen und sich kategorisch auch von Dome Karukoskis Filmbiografie distanziert haben - ohne vorherige Sichtung. Und um es gleich vorwegzunehmen: Es lässt sich schwer vorstellen, dass ihr Urteil anders ausgefallen wäre, wenn sie "Tolkien" gesehen hätten.

Der Finne Karukoski ("Tom of Finland") und sein englisch-irisches Drehbuchteam Stephen Beresford und John Gleeson standen vor zwei dramaturgischen Problemen: Zum einen fehlt es in Tolkiens Leben an den Skandalzutaten, die Künstlerbiografien gemeinhin würzen: Es gibt keine Sex-Eskapaden, keine Drogen, kein radikales politisches Engagement usw. Kurz: Es lässt sich kaum jemand vorstellen, der weiter weg war von einem "Rocketman" als Tolkien. Zum anderen fallen die Zeit seines Ruhms als Schriftsteller und die Zeit, in dem in seinem Leben dramatische, kinoreife Ereignisse stattfanden, nicht zusammen.

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Filmbiografie "Tolkien": Der Autor und seine Gefährten

1925 wurde Tolkien als Professor auf den Rawlinson und Bosworth Stuhl für Angelsächsisch der Universität Oxford berufen, damals war er 33 und die Veröffentlichung seines ersten Fantasyromans "Der Hobbit" noch zwölf Jahre entfernt. Und doch schreibt sein Biograf Humphrey Carpenter über das Jahr 1925: "Hiernach, kann man sagen, ist nicht mehr viel passiert." Tolkien blieb bis zu seiner Emeritierung 1959 in Oxford und trat als Wissenschaftler nicht mehr sonderlich in Erscheinung. Stattdessen arbeitete er unablässig an der Schöpfung seiner mythischen Welt Mittelerde, die ihn berühmt machen sollte. Ein Ruhm, der allerdings auf sein Leben keinen größeren Einfluss hatte.

Kein Wunder also, dass sich "Tolkien" auf die Jahre vor 1925 konzentriert, auf seine Kindheit, in der er beide Elternteile verlor, auf die Zeit unter der Obhut von Pater Francis Morgan, in der er Edith, die Liebe seines Lebens, kennenlernte, auf seine guten Schulfreunde, mit denen er einen intellektuellen Tea Club gründete. Und natürlich auf seine Zeit in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, in denen zwei seiner Freunde ihr Leben verloren.


"Tolkien"
USA 2019

Regie: Dome Karukoski
Buch: David Gleeson, Stephen Beresford
Darsteller: Nicholas Hoult, Lily Collins, Colm Meaney
Produktion: Fox Searchlight Pictures, Chernin Entertainment
Verleih: 20th Century Fox
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 20. Juni 2019


Dramatische Ereignisse, aber ohne Tolkiens späteren Weltruhm als Schriftsteller auch nicht einzigartig. Wohl deshalb versucht das Biopic, zwanghaft Entsprechungen zwischen frühem Leben und literarischem Werk zu finden. So wird im Film aus dem Flammenwerfer eines deutschen Soldaten in Tolkiens senfgasbenebelter Imagination ein Feuer speiender Drache, aus dem Besuch einer Vorführung von "Das Rheingold" aus Richard Wagners Ringzyklus ein Schlüsselerlebnis.

Und damit auch ja niemand die Parallelen zwischen den vier Hobbits aus dem "Herrn der Ringe" sowie Tolkien und seinen drei besten Schulfreunden verpasst, werden sie betont als "Gefährten" ("fellowship") bezeichnet - so wie in "Der Herr der Ringe" die Gemeinschaft, die sich mit dem Ringträger gen Mordor aufmacht.

Dass Tolkien nichts für Wagner übrighatte, dass er ganz explizit sein Werk nicht in Verbindung mit "modernen Kriegen" gebracht haben wollte, das müssen die Autoren dieses ansonsten völlig braven Biopics nicht respektieren. Aber mit ihren sklavischen Spiegelungen von Leben und Werk nehmen sie dem Zuschauer den Raum, selbst Verbindungen zu ziehen.

Im Video: Der Trailer zu "Tolkien"

20th Century Fox

Im anfangs angeführten Zitat von Tolkien, in dem er sich gegen Allegorien wendet, heißt es weiter: "Ich bevorzuge Geschichtsschreibung - wahr oder fiktiv - mit ihrer verschiedenartigen Anwendbarkeit auf die Gedanken und Erfahrungen der Leser. Ich denke, viele verwechseln Übertragbarkeit mit Allegorie, erstere gründet in der Freiheit des Lesers, letztere in der absichtlichen Dominanz des Autors."

Hätten die Macher von "Tolkien" diese Erkenntnis beherzigt, ihnen wäre ein besserer Film gelungen.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
scoopx 20.06.2019
1. Sauron der Hunne
"Herr der Ringe" ist nicht nur, aber auch und vor allem ein Kriegsroman. Das ganze Werk ist außerdem von einem manichäischen Dualismus durchzogen. Sauron ist durch und durch böse. Das Land Mordor, wo die Schatten droh'n, das sind grauen, vom nicht endenden Regen durchweichten Gräben und Granattrichter Flanderns. Auf der anderen Seite sind die "grauen Kolonnen" deutscher Soldaten, die für die Orks stehen. "Hunnen" nannte man sie in England. Sauron ist ein Hunne. England wartete 1918 auf ein Wunder, das nicht kam. Es gab keine Elben und kein Auenland. Der vermeintliche Sieg war ein mühsam erkämpftes Unentschieden. Das stolze Britannien taumelte von einer Wirtschaftskrise in die nächste, mußte aus Schwäche Irland in die Unabhängigkeit ziehen lassen und den Türken die Revision des Vertrags von Sevres konzedieren. Es gab einen Hunger nach strahlenden Helden. Das ist nur allzu verständlich. Das Selbstopfer, das verwandelt, aus dem kleinen Hobbit wird fast eine Art Elb. Tolkien hat diesen Hunger gestillt.
telarien 20.06.2019
2. Realer Bezug?
Ich habe da Zweifel. Tolkiens Werk habe ich viele Male gelesen, einen Bezug auf reale Kriege vermag ich nicht zu erkennen. Und er wäre auch nicht wichtig. Es ist eine unglaublich dicht erzählte Geschichte. Fast ein Märchen, denn am Ende siegt das Gute, wenn auch zu einem hohen Preis. Für mich eine kleine Flucht beim drin schmökern und durchaus auch ein kleiner Wertekompass.
scoopx 21.06.2019
3. Tolkiens Zauber...
Zitat von telarienIch habe da Zweifel. Tolkiens Werk habe ich viele Male gelesen, einen Bezug auf reale Kriege vermag ich nicht zu erkennen. Und er wäre auch nicht wichtig. Es ist eine unglaublich dicht erzählte Geschichte. Fast ein Märchen, denn am Ende siegt das Gute, wenn auch zu einem hohen Preis. Für mich eine kleine Flucht beim drin schmökern und durchaus auch ein kleiner Wertekompass.
...konnte ich mich auch nicht entziehen. Trotzdem denke ich, es gibt einen starken Zeitbezug zum ersten Weltkrieg und der Zeit danach. Nicht nur Krieg ist ein Thema, auch ein Niedergang, der stark an Oswald Spengler erinnert (dessen Werk auch in England populär war). So heißt es im "Silmarillion" über das Ende des "Zweiten Zeitalters": "Unter den Flüchtlingen glaubten viele, der Gipfel des Meneltarma, des Himmelspfeilers, sei nicht für immer versunken, sondern erhebe sich wieder über die Wellen, eine einsame Insel, verloren in den weiten Wassern ... Auch nach dem Untergang blieben die Herzen der Dúnedain immer nach Westen gekehrt; und wenn sie gleich wußten, daß die Welt anders geworden war, so sagten sie doch: "Avallóne ist von der Erde verschwunden, und das Land Aman ist entrückt, und in diesem Dunkel der Welt sind sie nicht mehr zu finden. Doch einst waren sie da, und deshalb sind sie immer noch da, im wahren Dasein und in der echten Gestalt der Welt, wie sie im Anfang erschaffen wurde." Denn die Dúnedain glaubten, daß selbst sterbliche Menschen, wenn es ihr Segen so wolle, andre Zeiten erblicken könnten als die Lebzeiten ihres Leibes; und immer war es ihre Sehnsucht, aus dem Schatten ihres Exils zu fliehen und auf irgendeinem Weg an das Licht zu kommen, das nicht stirbt; und das Leid, an den Tod zu denken, war ihnen über die Tiefen der See gefolgt. So kam es, daß große Seefahrer unter ihnen noch immer die leeren Meere absuchten, in der Hoffnung, die Insel des Meneltarma zu finden und dort ein Gesicht der Dinge von einst zu sehen. Aber sie fanden sie nicht. Und jene, die weit fuhren, kamen bloß zu den neuen Ländern und fanden, sie waren wie die alten und kannten den Tod. Und jene, die am weitesten fuhren, beschrieben bloß einen Kreis um die Erde und kehrten am Ende müd wieder dahin zurück, wo sie abgefahren; und sie sagten: "Alle Wege sind krumm heutzutage." Krumme Wege - so empfanden die Menschen nach 1918 die Welt, die ihnen der "Great War" übriggelassen hatte.
MondVogel 21.06.2019
4.
Zitat von scoopx"Herr der Ringe" ist nicht nur, aber auch und vor allem ein Kriegsroman. Das ganze Werk ist außerdem von einem manichäischen Dualismus durchzogen. Sauron ist durch und durch böse. Das Land Mordor, wo die Schatten droh'n, das sind grauen, vom nicht endenden Regen durchweichten Gräben und Granattrichter Flanderns. Auf der anderen Seite sind die "grauen Kolonnen" deutscher Soldaten, die für die Orks stehen. "Hunnen" nannte man sie in England. Sauron ist ein Hunne. England wartete 1918 auf ein Wunder, das nicht kam. Es gab keine Elben und kein Auenland. Der vermeintliche Sieg war ein mühsam erkämpftes Unentschieden. Das stolze Britannien taumelte von einer Wirtschaftskrise in die nächste, mußte aus Schwäche Irland in die Unabhängigkeit ziehen lassen und den Türken die Revision des Vertrags von Sevres konzedieren. Es gab einen Hunger nach strahlenden Helden. Das ist nur allzu verständlich. Das Selbstopfer, das verwandelt, aus dem kleinen Hobbit wird fast eine Art Elb. Tolkien hat diesen Hunger gestillt.
das ist eben genau falsch und war NICHT die Absicht Tolkiens. explizit von ihm wieder und wieder verneint.
scoopx 22.06.2019
5. Aha?
Zitat von MondVogeldas ist eben genau falsch und war NICHT die Absicht Tolkiens. explizit von ihm wieder und wieder verneint.
Mich würde doch interessieren, was genau Tolkien "wieder und wieder verneint" hat und aus welchem Anlaß. "Herr der Ringe" ist 1954 erschienen, da war die Erinnerung an den ersten Weltkrieg verblaßt und von der Katastrophe des zweiten überlagert. Es gab damals Leser, die tatsächlich Sauron mit Stalin identifizierten. Aber wie auch immer, das Weltendrama in Tolkiens Universum ist der Krieg. Der Gegensatz zwischen Gut und Böse ist unerbittlich und zieht jeden hinein. Jeder muß sich deklarieren, so etwas wie Neutralität ist unmöglich. Aus Gandalf der Graue wird Gandalf der Weiße. Bei Saruman ist es umgekehrt. Da gibt es nichts zu verneinen.
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