Tolkien-Convention Die Ringkrieger sammeln sich am Rhein

Hollywood hat noch nicht die ganze Macht über den "Herrn der Ringe". Ein paar deutsche Fantasyfans organisieren dieser Tage fast ohne Unterstützung durch die mächtigen Studios den wahren Trip nach Mittelerde. In Bonn treffen sich die Tolkien-Jünger zur weltweit größten Ring-Convention.

Von Rüdiger Sturm


Als "Orks" verkleidete Tolkien-Fans (bei Filmpremiere von "Die Gefährten" in Essen): Unabhängig von Hollywoods Statthaltern
AP

Als "Orks" verkleidete Tolkien-Fans (bei Filmpremiere von "Die Gefährten" in Essen): Unabhängig von Hollywoods Statthaltern

Wenn sich Politiker verabschieden, entsteht Platz für die Phantasie. Am kommenden Wochenende wird die Ex-Bundeshauptstadt Bonn zur Metropole von Mittelerde. Zur weltweit größten Herr-der-Ringe-Veranstaltung werden neben rund 2500 Besuchern auch Hollywood-Schauspieler wie Brad Dourif ("Einer flog über das Kuckucksnest") erwartet.

Auf den ersten Blick lässt sich dahinter ein Marketingmanöver der deutschen Warner Bros. vermuten. Schließlich drückt der Verleiher in diesen Tagen eine neue DVD-Edition vom ersten "Herr der Ringe"-Kinospektakel "Die Gefährten" auf den Markt, wenige Wochen später startet der Tolkien-Verfilmung zweiter Teil, "Die zwei Türme." Doch Hollywoods Statthalter wollten mit der Convention nichts zu tun haben. Die Fans selbst nahmen die Sache in die Hand - verkehrte Verhältnisse in einer Medienwelt, die längst von den PR-Strategen der Studios regiert wird.

Vor einem Jahr hatten die Studenten Stefan Servos und Marcel Bülles die Idee, ihre Gesinnungsgenossen en masse zusammen zu rufen. Bisher hatte es der Gemeinde an lebenden Idolen gefehlt - die Nachkommen des "Herr der Ringe"-Schöpfers J.R.R. Tolkien entziehen sich nachhaltig dem Medienrummel. Sohn Christopher droht sogar, auf jeden Neugierigen die Hunde zu hetzen. Durch Peter Jacksons Filmreihe wurden aus den Phantasiefiguren der Mittelerde-Saga reale Stars, die man den Fans präsentieren konnte.

Plakat der ersten "Herr der Ringe"-Verfilmung: Aus Phantasiefiguren wurden reale Stars

Plakat der ersten "Herr der Ringe"-Verfilmung: Aus Phantasiefiguren wurden reale Stars

Vorbilder gibt es viele. Seit Jahren strömen die Jünger von "Star Trek" und "Star Wars" zu riesigen Treffen, so genannten "Conventions" oder "Cons", um dort ihre Schauspieler zu treffen. Die genießen das Bad in der Menge so sehr, dass sie sich regelrecht um eine Teilnahme balgen. Doch Bülles und Servos waren keine Veranstaltungs-Profis und die meisten Ring-Stars hatten noch nie ein solches Schaulaufen absolviert - denkbar ungünstige Voraussetzungen also. Zumal die beiden Tolkienianer hehre Ansprüche hatten: "Wir wollten keinen Marketing-Event, bei dem die Fans ausgebeutet werden", erklärt Servos.

Immerhin sind beide intime Kenner der Szene: Marcel Bülles ist Vorsitzender der Deutschen Tolkiengesellschaft, Stefan Servos betreibt in Eigenregie die größte deutsche Fansite zu den "Herr der Ringe"-Filmen. Deshalb wussten sie, wo sie den richtigen Partner zu suchen hatten: Die Fed Con GmbH organisierte seit Jahren in Bonn riesige "Star Trek"-Meetings. Der Brückenschlag zwischen Hyperraum und Hobbingen fiel leicht, und im Frühjahr 2002 begannen die Planungen. Allerdings war klar: Ohne Beteiligung der Film-Garde würde die Veranstaltung in etwa so interessant werden wie Bonn ohne Bundeskanzler.

"Schlangenzunge"- Darsteller Dourif: Ohne Film-Garde kein Glanz
Warner Bros.

"Schlangenzunge"- Darsteller Dourif: Ohne Film-Garde kein Glanz

Dem deutschen Verleiher passte das Fan-Geklüngel nicht ins Konzept, Unterstützung von Warner-Seite war also nicht zu erwarten. Die Hoffnungen ruhten daher auf Servos, der ein ganzes Netz von Kontakten zu Agenturen und Pressestellen gesponnen hatte. In einem großen Rundumschlag schrieb er etliche Schauspieler an. Zu seiner Überraschung zeigten die sich gegenüber einem Trip an den Rhein nicht abgeneigt. Nur war ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Sie waren vertraglich verpflichtet, dem Ring-Finanzier New Line Cinema für PR-Maßnahmen zur Verfügung zu stehen. Als der von Servos' Umtrieben erfuhr, stellte er freundlich, aber bestimmt die wahren Machtverhältnisse klar: Kein Buhlen um Schauspieler ohne offizielles Plazet.

Billy Boyd alias Hobbit Pippin, der voreilig zugesagt hatte, musste sich von seinen Deutschlandplänen prompt wieder verabschieden. Und auch Richard Taylor, zweifacher Oscar-Preisträger für "Gefährten"-Makeup und Spezialeffekte, bekam kein Okay für seinen Auftritt.

"Herr der Ringe"-Fans (in Berlin): Vollversammlung am Rhein
DPA

"Herr der Ringe"-Fans (in Berlin): Vollversammlung am Rhein

Doch mit dem Segen von New Line kam trotzdem eine Reisegruppe zusammen. Vor allem Darsteller von Kleinrollen waren darunter, wie etwa Craig Parker (Elbenkrieger Haldir) oder Sarah McLeod, die als Rosie Hüttinger die Hormone von Sam Gamdschie befeuert. Mit Brad Dourif, der den heimtückischen Berater Schlangenzunge spielt, und John Rhys-Davies, dem Gimli-Mimen, fanden sich aber auch renommierte Namen. Sie werden nun am Podium den Teilnehmern Rede und Antwort stehen.

Trotzdem wollen die Veranstalter nicht der Film-Hysterie in die Hände spielen. Unter anderem wurden Fachvorträge angesetzt, die den wissenschaftlich-literarischen Anspruch hochhalten sollten. So kamen zu Stars und Sternchen auch Akademiker wie Tolkien-Experte Helmut Pesch. Obwohl die Vorbereitungen nun glatt liefen, ging es doch nicht ohne Reibungsverluste. Mitte Oktober musste VIP-Gast Rhys-Davies wegen Drehplänen aus dem Vorhaben aussteigen. Auch merkten die Organisatoren bald, dass mit dem Ring-Con nicht der große Reibach zu machen war. "Das hatten wir auch nicht erwartet", beteuert Servos. Dafür spricht, dass sie auf Anfragen bei Großsponsoren verzichteten. Das Tolkien-Festival wird nur von Firmen unterstützt, die direkt mit der Fantasyszene zu tun haben. Jeder Extra-Euro, der dadurch herein kam, wurde laut Servos wieder reinvestiert. Schließlich reist auch die Schauspieler-Crew - große Namen hin oder her - nicht umsonst an.

Die Veranstaltung hat aber auch ihre subversiven Züge. In einem Nebenprogramm werden von Fans gedrehte Fantasy-Filme gezeigt - einer davon mit sechsstelligem Budget. Vielleicht kommt der Tag, da Tolkiens Gemeinde nicht mehr auf Hollywood angewiesen ist. Das wäre die wahre Revolution von Mittelerde.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.