Tragikömödie "The Visitor" Das Leben der Aliens

Die Tragikomödie "Ein Sommer in New York - The Visitor", zeigt, wie ein frustrierter Professor zurück ins Leben findet: Er kämpft für ein Liebespaar, das von den Einwanderungsbehörden getrennt werden soll - und lernt dabei sogar das Trommeln mit nacktem Po.


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"Ein Sommer in New York": Mit Witz und Sensibilität
New York ist noch immer ein großes Versprechen, allen Krisen und den traumatischen Verwerfungen des 11. Septembers zum Trotz. In wohl keiner anderen Metropole der Welt begegnen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft mit vergleichbarer Selbstverständlichkeit, und Neuankommende hoffen wider politischer und sozialer Unbill auf die Chance eines Neubeginns. Auch deshalb ist die Stadt in "Ein Sommer in New York - The Visitor" keineswegs nur Kulisse, sondern nie ruhender Motor der Geschichte. Das ist umso bedeutender, da es dem Protagonisten in Thomas McCarthys wunderbarem Film zunächst an eigenem Antrieb mangelt.

Denn Walter Vale (Richard Jenkins), ein verwitweter Wirtschaftsprofessor aus Connecticut, hat sich abseits der Sollerfüllung weitgehend aus dem gesellschaftlichen Leben verabschiedet. Einsam sitzt er die Tage in seinem Büro, am häuslichen Esstisch oder vor dem Klavier seiner verstorbenen Frau ab, auf dem er ohnehin nie spielt. So hat er auch wenig Interesse an der Fachkonferenz in New York, zu welcher ihn der Dekan für einen Vortrag schicken will. Walters leisen Einwand, dass er nur pro forma Co-Autor des vorzustellenden Buches sei, wird allerdings nicht akzeptiert, so dass er sich widerwillig auf den Weg nach Manhattan machen muss.

Dort besitzt Walter eine Wohnung, in der er seit Jahren nicht mehr war. Als er das Apartment betritt, erwartet ihn jedoch eine Überraschung, denn ohne sein Wissen hat der Verwalter die Wohnung an ein junges Paar untervermietet: Der syrische Musiker Tarek (Haaz Sleiman) und seine Freundin Zainab (Danai Gurira) aus dem Senegal sind zunächst ebenso erschrocken und aufgebracht wie der überforderte Professor. Aber als das Missverständnis aufgeklärt ist, und Tarek mit Zainab schon auf der Suche nach einer Notunterkunft ist, lädt Walter zur eigenen Verwunderung die beiden spontan ein, in der Wohnung zu bleiben.

Unpeinliche Gelassenheit

Walters intuitive Entscheidung markiert den Beginn einer respektvollen Annäherung, die ohne Rückgriff auf gängige Klischees auskommt und auf Augenhöhe mit den Figuren inszeniert wird. Regisseur und Autor Thomas McCarthy, der seine Filmlaufbahn als Schauspieler begonnen hat, und weiterhin auch als Darsteller arbeitet, bewies bereits mit seiner hochgelobten Außenseiterballade "The Station Agent" (2003) ein sicheres Gespür für alternative Familienaufstellungen, die anrühren, ohne dabei im Schmalz zu versacken. Ging es in "The Station Agent" um die innige Dreiecks-Freundschaft zwischen einem kleinwüchsigen Eisenbahn-Experten, einem Imbissverkäufer und einer Künstlerin im ländlichen New Jersey, so findet nun Walter Vale in seinen fremden Hausgästen das Interesse an den Menschen wieder.

Was unter anderen Vorzeichen leicht ein kitschiges Kennenlernspiel mit ethnographischen Einschlag hätte werden können, berührt hier als unaufdringliches Drama. Das zudem einen unverbrauchten, lebensbejahenden Humor offenbart, an dem Hauptdarsteller Richard Jenkins wesentlichen Anteil hat. Der stille Fachmann für Charakterrollen - bei uns zuletzt etwa in "Burn After Reading" von den Coen-Brüdern zu sehen -, wurden denn auch gänzlich zu Recht für einen Oscar nominiert.

Walter und Tarek finden eingangs über das gemeinsame Trommelspiel zueinander, zu dem auch das Üben ohne Hose gehört. Was furchtbar nach neuzeitlichem Hippietum klingt, aber auf der Leinwand mit unpeinlicher Gelassenheit funktioniert. Und auch sonst schildert McCarthy die beginnende Freundschaft der WG-Bewohner ohne falsches Pathos, sondern mit stillem Witz und Sensibilität für prekäre Lebenssituationen.

Neu gefundene Wut

Denn dass Tarek und Zainab illegale Immigranten sind, wird gleich zu Beginn eher beiläufig konstatiert. Und die inhärente Ironie entgeht auch den Figuren nicht: Walter, der längst in der inneren Emigration war, lernt also ausgerechnet von den aus Überlebensgründen diskreten illegal aliens, sich seiner Umwelt gegenüber zu öffnen. Als Tarek aufgrund einer Lappalie inhaftiert wird, und ihm die Deportation aus den USA droht, rückt der rechtliche Status von Walters Freunden dramatisch in den Vordergrund. Der Professor legt sich in Folge mit gesichtslosen Behörden an und kümmert sich um Tareks aus Michigan angereiste Mutter Mouna (Hiam Abbass).

Einmal entlädt sich Walters neugefundene Wut in einer bewegenden, aus dem Stegreif gehaltenen Rede an die ungerührten Sicherheitsbeamten im privaten Abschiebeknast. Mehr noch als die aktuelle Ausweisungspraxis anzuprangern, ist es sein ganz persönliches Plädoyer für Solidarität und die Würde des Einzelnen. In diesem Moment ist klar, dass Walter Vale nie wieder in die Isolation zurückkehrt. Er ist nicht mehr nur ein Besucher in seinem eigenen Leben.

Selbst wenn New York sein Versprechen nicht halten sollte, wird er darum weiter für etwas Besseres trommeln. Für sich und seine Freunde, mit oder ohne Hose.



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