Tragikomödie "Happy-Go-Lucky” Li-La-Launebärin in London

Wie soll man das Leben lieben, wenn es nur Tiefschläge parat hält? Als Gute-Laune-Bündel lächelt Sally Hawkins in "Happy-Go-Lucky” oscarverdächtig einfach alle Tristesse hinweg - und macht Mike Leighs Film zum Anti-"Amélie"-Meisterwerk.

Von


Mit einem fröhlichen 1000-Watt-Strahlen im Gesicht tritt sie ihren Mitmenschen entgegen – doch meistens gibt es retour nicht mal ein 20-Watt-Funzeln. Nein, die Welt lächelt nicht immer in dem Maße zurück, wie du sie anlächelst. Aber das ist Poppy (Sally Hawkins), der ewig gut gelaunten Grundschullehrerin mit Helferkomplex, ziemlich egal. Die versucht, die Grimmigkeit der Anderen einfach weg zu lächeln und tot zu kichern.

Einen ausgesprochen depressionsresistenten Film hat Mike Leigh, der schonungslose Working-Class-Chronist, mit "Happy-Go-Lucky" gedreht. Das Soziotop hat sich gar nicht so sehr geändert; eigensinnige, unglamouröse und mäßig erfolgsverwöhnte Menschen zeigt Leigh auch hier. Aber der Tonfall, in dem er über sie berichtet, ist ein ganz anderer als zum Beispiel noch in seinem letzten Film, dem Oscar-nominierten, klinkerbautrüben Abtreibungsdrama "Vera Drake".

Eine sonderbare Leichtigkeit macht sich in diesem bunt gecheckten Film breit – gerade deshalb, weil Leigh nichts verschweigt und alles zeigt. Wie kann man das Leben lieben, wenn das Leben doch nur Tiefschläge für einen parat hält? In einer Szene tanzt sich Poppy mit ihren Freundinnen mit Zuckerstangenohrringen und grellem Make-Up im Gesicht den Frust von der Seele: common people, die am Wochenende zu Pulps Hit "Common People" die Sau rauslassen.

Li-La-Laune in der Londoner Tristesse: Schon in der ersten Szene sieht man Poppy mit dem Fahrrad durch die Stadt düsen. Schöne Frauen auf alten Fahrrädern – etwas Aufregenderes hat das Kino eigentlich nicht hervorgebracht, wie man seit der französischen Nouvelle Vague ahnt, wo die Kamera ja immer wieder auf experimentierfreudige Weise Schritt zu halten versuchte mit den rasant ins Glück oder Unglück radelnden Heldinnen. Und ein bisschen was von dieser abenteuerlichen französischen Leichtigkeit hat sich nun auch der britische Realist Leigh in seinen Film geholt.

Das Fahrrad, soviel Pessimismus muss allerdings doch sein, ist natürlich ganz schnell weg. Gleich zu Anfang – Poppy versucht gerade erfolglos, einen griesgrämigen Buchhändler in ein Gespräch zu verwickeln – wird es geklaut. Die Freundinnen schäumen und fordern Rache, Poppy aber arrangiert sich sofort wieder gut gelaunt mit den Verhältnissen. Alles halb so schlimm, sie wolle sich ja sowieso ein Auto anschaffen.

Blöd nur, dass die Mittdreißigerin keinen Führerschein hat. Also nimmt sie Fahrstunden – und zwar ausgerechnet bei dem verdächtig schmallippigen Scotty (Eddie Marsan). Relativ schnell entpuppt der sich als Phobiker und Rassist, der darauf besteht mit offenen Fenstern im Fahrschulauto zu fahren, weil zuvor ungewaschene Ausländer darin gesessen hätten, und der seiner Schülerin die Kunst des Abbiegens mit satanistischen Verweisen erklärt. Scotty, möchte man meinen, ist ein hoffnungsloser Fall. Aber nicht für Poppy, die noch unter der geballten Schlechtigkeit ihrer Mitmenschen den guten Kern zu erkennen glaubt.

Einer Radikal-Optimistin wie Poppy könnte einem leicht auf die Nerven gehen – würde sie Sally Hawkins, die für diese Rolle in Berlin mit dem Silbernen Bären geehrt wurde und sich nun durchaus Hoffnung auf einen Oscar machen darf, nicht mit einer solch präzisen Doppelbödigkeit spielen. Im Gute-Laune-Bündel Poppy spiegelt sich das Scheitern ihrer Mitmenschen nur umso brutaler.

So pariserisch die Londoner Tragikomödie "Happy-Go-Lucky" über Strecken auch anmutet, so frohgemut und frei von Egoismus sich die Filmheldin an die anderen heranflötet – mit dem Konfektionsoptimismus des französischen Filmhits "Die fabelhafte Welt der Amélie" hat sie aber zum Glück nichts gemein.

Noch in der heitersten Szene brechen Schmerz, Wut und Neurosen in Poppys Umfeld durch. Grandios die Tanzschulen-Szene, in der eine Flamenco-Lehrerin den blassen Engländerinnen vor dem großen Spiegel Leidenschaft beibringen will – und dabei, wie sich nach und nach herausstellt, mit der stampfenden Hacke offensichtlich ihren Ex-Freund zermalmen will. Musikalität und Authentizität gehen in den Szenen, die Leigh improvisierend mit seinen Schauspielern erarbeitet hat, oft auf zauberhafte Art Hand in Hand.

Die elegante Rhythmisierung, die "Happy-Go-Lucky" auszeichnet, dient aber zugleich dazu, das wandelnde Antidepressivum Poppy nur umso schneller in die Hilflosigkeit zu treiben: So muss sie bald den Fahrschullehrer Scotty, der im Auto immer manischer sein Höllen-Mantra anstimmt, hinter sich lassen. Und auch den irren Four-letter-word-Tiraden eines Obdachlosen, dem sie sich nachts auf der Straße nähert, hat sie nicht mehr entgegenzusetzen als Floskeln des Verstehens.

Und doch gibt es eben auch Momente in dieser ganz und gar unverlogenen Tragikomödie, in denen die Heldin durch den Panzer aus Wut und Verzweiflung zu den Menschen vordringt. Da wirkt ihr so unökonomisch ausgeschütteter Optimismus beinahe wie eine ausgefeilte Technik, vielleicht doch noch den einen oder anderen Halbtoten zurückzuholen in die Welt der Lebenden.

Der Umstand, dass jemand wie Poppy dabei die sonst so sorgsam gepflegte Distanz zu anderen Menschen überwindet, wird in Mike Leighs Anti-"Amélie"-Meisterwerk durchaus zweischneidig in Szene gesetzt. Nähe gibt es eben nicht ohne Risiko, sie ist immer Bedrohung und Erlösung zugleich.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.