Lars-von-Trier-Film "Nymphomaniac" Vor dem Höhepunkt

Mit Häppchen-Infos, Gerüchten über Mitwirkende und Skandalbildern wirbt Lars von Trier für seinen neuen Film "Nymphomaniac". Mit der bombastischen PR-Kampagne zu dem Epos wirbelt der Däne den strengen Takt des Kinojahres durcheinander.
Lars-von-Trier-Film "Nymphomaniac": Vor dem Höhepunkt

Lars-von-Trier-Film "Nymphomaniac": Vor dem Höhepunkt

Foto: Concorde

Von jetzt an sollten nur noch seine Filme für ihn sprechen. Mit diesen Worten verkündete Lars von Trier im Herbst 2011 seinen Abschied vom PR-Rummel, der Filmstarts normalerweise begleitet. Das mediale Ausscheren war nur halb freiwillig. Zuvor hatte sich von Trier während einer Pressekonferenz bei den Filmfestspielen von Cannes, bei der er von Sympathien mit Adolf Hitler fabulierte, fast um seine Karriere, zumindest aber um einen Hauptpreis des Filmfestivals geredet. Die Festivalleitung hatte ihn in der Folge zur Persona non grata erklärt - ergänzte aber später, das hätte nur für das aktuelle Jahr gegolten. Die dänische Polizei hatte ihn wegen des Verdachts auf Verharmlosung von Kriegsverbrechen verhört - und die Anklage wegen fehlender Beweise kurze Zeit später fallengelassen.

Auch zweieinhalb Jahre nach dem Skandal ist nicht zu erwarten, dass von Trier Interviews zum Start seines neuen Films "Nymphomaniac" geben wird. Aber der Regisseur wäre nicht der größte Trickster des Gegenwartskinos, wenn es ihm nicht gelänge, auch schweigend genau das Gegenteil von dem zu tun, was er angekündigt hatte - nämlich "Nymphomaniac" für sich selbst sprechen zu lassen. Stattdessen hat von Trier eine PR-Kampagne gestartet, wie sie sich Hollywood für seine größten Blockbuster vorbehält.

  • Über Monate streute er Mitteilungen, wer nun in seinem Epos über das Sexualleben einer Frau vom Kindesalter bis Mitte 40 mitspielen würde (Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Shia LaBeouf, Uma Thurman, Christian Slater),
  • Ankündigungen, welches der acht Kapitel des Films mittlerweile fertig gestellt sei (laut Website  fehlt aktuell nur noch "Chapter 8: The Gun),
  • ein kunstvoll arrangiertes Panoramabild vom Cast, auf dem die Schauspieler entweder damit beschäftigt sind, ihre primären und sekundären Geschlechtsmerkmale zur Schau zu stellen oder sie von anderen bearbeitet zu bekommen,
  • anschließend eine Reihe von Filmpostern, auf denen die Hauptcharaktere mit nacktem Oberkörper und vom sexuellen Höhepunkt verzerrten Gesichtern zu sehen sind,
  • und Anfang Dezember eine Pressevorführung des fertigen Films in Kopenhagen, zu der eine Handvoll internationaler Journalisten eingeladen wurde, die aber per Embargo nicht von der Veranstaltung berichten durften und ihre Kritiken bis nach dem Jahreswechsel aufsparen müssen.

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Lars von Triers "Nymphomaniac": Obsessionen einer Frau

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Lars von Trier setzt auf PR-Spezialeffekte

Wie jede minutiös getaktete PR-Kampagne, die sich über Monate hinzieht, begann auch die zu "Nymphomaniac" schnell zu nerven. Sollten Meldungen, dass es sich um einen Hardcore-Film mit höchster Altersbeschränkung handeln würde, nicht ausreichen, um genug öffentliches Interesse zu entfachen? Mussten es immer neue Info-Häppchen und Bilder-Teaser sein?

Nüchtern betrachtet hatte von Trier jedoch wenig andere Möglichkeiten, als auf diese PR-Spezialeffekte zu setzen. Zum einen wird es nur unter größten Anstrengungen möglich sein, dass "Nymphomaniac" ein bisschen Geld einspielen wird. Zwar ist der Film mit rund 9,5 Millionen Euro in etwa so teuer geworden wie "Dancer in the Dark" (2000). Der Cannes-Gewinnerfilm spielte weltweit mehr als 40 Millionen Dollar ein und gilt als von Triers profitabelste Arbeit. Die Kinofassung von "Nymphomaniac" soll jedoch rund vier Stunden lang sein und zweigeteilt werden. Schwer vorstellbar, dass so ein Filmbrocken auf sein Geld kommt, wenn nur der enge Kreis der Arthouse-Fans von ihm weiß.

Zum anderen ist "Nymphomaniac" der erste Film seit mehr als 20 Jahren, den von Trier nicht in Cannes präsentiert. Ohne den Buzz, den die A-List-Festivals mit ihren prestigereichen Wettbewerben kreieren, ist es für unabhängig produzierte Filme fast unmöglich, Presse und Publikum auf sich aufmerksam zu machen. Der PR-Wirbel um "Nymphomaniac" ist damit gleich doppelt überlebenswichtig für von Trier und seine Produktionsfirma Zentropa.

Das Kinojahr zerfällt immer mehr in zwei Hälften

So durchbricht die ausufernde PR-Kampagne zu "Nymphomaniac" die Mechanik des von Festivals bestimmten Kinojahrs. Denn das Kinojahr zerfällt immer mehr in zwei Hälften. Die eine beginnt mit der Berlinale Anfang Februar und endet mit den Filmfestspielen von Venedig Ende August. Sie ist die gewissermaßen europäische Hälfte, denn in diesem Halbjahr kriegt vor allem das kontinentaleuropäische Arthouse-Kino die Möglichkeit zu glänzen. Mit dem Festival von Toronto Anfang September beginnt die amerikanische Hälfte, die mit der Oscar-Verleihung Ende Februar abschließt und in der vor allem das englischsprachige Kino mit seinen wuchtigen Themen und profilierten Stars um die Aufmerksamkeit der Academy kämpft.

In diese amerikanische Hälfte platzt nun "Nymphomaniac" hinein - mit einer Weltpremiere kurz vor Weihnachten in Kopenhagen und einem internationalen Release mitten in die sogenannte Awards Season gestreut. Man muss von Trier nicht mögen, um diese Anmaßung und diese Herausforderung eines eingefahrenen Systems aus Festivals, Preisen und Berichterstattung sympathisch zu finden. Vielleicht gelingt der Coup ja, und "Nymphomaniac" wird ganz ohne Festivalpräsenz zum Hit. So gesehen könnte es ausgerechnet diese bombastische PR-Kampagne sein, die dafür sorgt, dass sich die Aufmerksamkeit von Kinofans und Filmkritikern wieder auf die Filme und nicht auf ihre Präsentation bei den Festspielen dieser Welt konzentriert.

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