Transgender-Komödie "Tangerine L.A." Frohe Weihnachten, Bitch!

Zwei Transgender-Sexarbeiterinnen, mit dem Handy gefilmt auf den Straßen Hollywoods: Sean Bakers "Tangerine L.A." ist eine energiegeladene Verjüngungskur fürs Kino - und herrlich altmodisch zugleich.
Transgender-Komödie "Tangerine L.A.": Frohe Weihnachten, Bitch!

Transgender-Komödie "Tangerine L.A.": Frohe Weihnachten, Bitch!

Foto: Kool

28 Tage war Sin-Dee im Knast, weil sie die Drogen ihres Freunds und Zuhälters Chester versteckt hatte. Jetzt, am frühen Nachmittag des Heiligabend, ist sie wieder draußen, wieder in L.A., wieder auf der Straße.

Gleißend orangefarben steht die Wintersonne am Himmel und überspült die unscheinbare Kreuzung Santa Monica Boulevard und Highland Avenue, wo sie und die anderen Transfrauen der Sexarbeit nachgehen. Chester hat sie nicht vom Gefängnis abholt. Ihre letzten zwei Dollar gingen für den Bus in die Stadt und einen Weihnachtsdonut drauf, den sie sich mit ihrer besten Freundin Alexandra teilt. Von ihr erfährt sie jetzt, dass Chester was mit einer anderen hatte. Viel schlimmer: mit einer weißen Cis-Frau, "mit Möse und allem".

Der Donut mit seinen bunten Streuseln liegt auf einer knallorangenen Tischplatte, Sin-Dee schaut in den orangefarbenen Himmel, ihr Körper unter der Leopardenmusterbluse bebt, eine nicht mehr aufzuhaltende Erregung erfasst sie, und sie stürmt aus dem Donut-Time-Café. Sie wird diese "real bitch" finden, von der sie nur weiß, dass ihr Vorname mit "D" anfängt, sie wird sie an den Haaren zu Chester schleppen und ihn zur Rede stellen.

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"Tangerine L.A.": Two Stars Are Born

Foto: Kool

So viel Drama. Sean Bakers Sundance-Hit "Tangerine L.A." verschreibt sich mit Bits und Bytes der Erregung seiner Protagonistinnen. Mit bis an die Schmerzgrenze geschraubter Farbsättigung hetzt er mit Sin-Dee durch den Nachmittag, heftet sich aber auch Alexandra an die Fersen, die sich mit zahlungsunwilligen Kunden prügelt, Scherereien mit der Polizei hat und Flyer verteilt für ihren Auftritt am Abend, wo sie in einer Bar Weihnachtslieder singen will.

Schließlich begleitet er noch den armenischen Taxifahrer Razmik, einen Stammkunden von Sin-Dee und Alexandra, durch die Straßen West Hollywoods, auch seine Kunden sind aufgeregt, weil sie am Heiligabend noch irgendwo hinmüssen. Auf der Tonspur überlagern sich schnelle Dialoge mit krawalligen Electro-Songs, gerne auch mal mit bombastischem Beethoven. Der Film saugt die Energie der Straße auf, schneidet schnell zwischen den drei Figuren hin und her, führt sie am Ende wieder im Donut Time zusammen, mit Chester, seiner neuen Freundin, Razmiks Ehefrau und seiner Schwiegermutter, da ist es draußen schon dunkel, alle Weihnachtslieder gesungen, aber das richtige Drama beginnt erst.

Der unfassbar lebendige "Tangerine L.A." ist komplett auf einem iPhone 5 gedreht. Regisseur Sean Baker hatte diese Information in den Schlusstiteln versteckt, nach 85 Minuten rasend schnellen Cinemascope-Bildern in leuchtenden Farben. Seit der Sundance-Premiere 2015 spricht man nun von nichts anderem mehr, wenn man seinen Film erwähnt, es steht groß auf den Plakaten, und die Filmhochschulen der ganzen Welt haben ihre Einladungen verschickt.

Ein ausgesprochen altmodischer Film

Die Rhetorik vom technisch innovativen Kino, das mit Smartphones, einem anamorphotischen Adapter im Experimentierstadium, einer Postproduktionsapp und einfachen Steadycam-Geräten, dem alten Hollywoodsystem mit seiner grotesk budgetierten Superhelden-Sequel-Langeweile noch mal Beine macht, bevor es sein erregungssüchtiges Publikum komplett an Netflix und HBO verliert, verdeckt dabei, dass "Tangerine L.A." ein ausgesprochen altmodischer Film ist.

Natürlich, die Geschichten von Sin-Dee, Alexandra und Razmik liegen auf der Straße, man braucht sie nur abzufilmen. Baker hat sie in langer Recherche und vielen Gesprächen mit den Sexarbeiterinnen im Viertel um das Donut Time herum destilliert, hat die Smartphones dazu benutzt, ganz nah an sie heranzurücken, sich in ihrer Welt zu bewegen, ohne bemerkt oder belangt zu werden - mit professionellen Kameras hätte er Sets absperren oder Persönlichkeitsrechte abklären müssen.

Doch einen sozialrealistischen Film im dokumentarischen Stil zu drehen, der die Lebenswirklichkeit von marginalisierten Menschen beobachtet, war weder in Bakers Interesse noch in dem seiner Protagonistinnen: "Film das so, dass alles stimmt, aber sorg auch dafür, dass wir was zu lachen haben, sonst schauen wir uns das nicht an", haben Mya Taylor (Alexandra) und Kitana Kiki Rodriguez (Sin-Dee) angeblich zu Baker gesagt, und er hat sich daran gehalten. Schließlich arbeiten sie zwar auf der Straße, aber es sind eben auch die Straßen Hollywoods.

Der Bezug von "Tangerine L.A." auf Hollywood, das Viertel und den Geisteszustand ist außerordentlich komplex. Schon während die Anfangstitel in verschnörkelter Schrift über den orangefarbenen Tisch des Donut Time laufen, hört man eine alte Aufnahme von "Toyland", einem schmalzigen Operetten-Weihnachtssong über Kinder, die in einer Traumwelt verloren gehen. Später, in einer der schönsten Szenen des Films, wird Alexandra diesen Song in einer leeren Bar singen, von Sin-Dee zum Star geschminkt, von der Kamera in leuchtenden Großaufnahmen in Szene gesetzt, als unmissverständliche Verbeugung vor dem Selbstdarstellungstalent derer, für die im Alltag keine Bühne bereitsteht. In einer anderen Szene sieht man Sin-Dee auf ihrem großen Rachefeldzug gegen die Männer, die eine "real bitch" ihrer Schönheit und ihrem Witz vorziehen, über den Walk of Fame laufen, über den Stern eines vergessenen Stummfilmstars.

Sean Baker will großes Kino machen, ohne seine Heldinnen zu verraten. Schon in seinen vorherigen Filmen hat er Figuren am Rande des bürgerlichen Sichtfelds als Stars behandelt und mit ihnen Hollywoodgeschichten erzählt: ein sich illegal in den USA aufhaltender chinesischer Fast-Food-Kurier, der einen Tag Zeit hat, um seine Schulden bei der Mafia zu begleichen ("Take Out", 2004). Ein afroamerikanischer Kleindealer, der sich plötzlich um ein kleines Kind kümmern muss ("Prince of Broadway", 2008). Eine Pornodarstellerin, die sich mit einer alten Frau anfreundet ("Starlet", 2012). Sie alle sind Ausdruck von Bakers Sehnsüchten, Welten zu verbinden, die sich sonst nie berühren, Menschen in ihrer Komplexität zu zeichnen, die ansonsten allenfalls als Abziehbilder in den Medien auftauchen.

Der Straßenstrich als Bühne und hartes Pflaster

Nun also Sin-Dee und Alexandra, in einer grellen Screwball-Komödie, die noch dazu an Heiligabend spielt. Der Straßenstrich als Bühne und hartes Pflaster. Der Film täuscht kein bisschen darüber hinweg, dass allein 2015 in den USA 21 Transgender-Frauen ermordet wurden, die meisten von ihnen, wie Sin-Dee und Alexandra beziehungsweise ihre Darstellerinnen Taylor und Rodriguez people of color.

Er möchte aber auch ihren Träumen, ihrer Schönheit und ihrem Witz gerecht werden - ihr großes Drama in großen Bildern, deshalb Leopardenmuster in Cinemascope, glitzernde Straßen mit falschem Filmkorn und Häuserwände in Orange. "Flammende Bilder" hat der hollywoodaffine Avantgardist Jack Smith das mal genannt, Bilder, an die nur diejenigen glauben, die noch glauben können.

Das Traumsystem Hollywoods wird so durch einen Filmemacher wieder zum Leben erweckt, der sich keine teuren Kameras leisten kann, und durch Darstellerinnen, die niemals auf Filmpartys eingeladen werden, selbst dann nicht, wenn die Filme, die dort gefeiert werden, von Transgender-Menschen handeln.

Und so findet ein unabhängig produzierter Film, der mit dem Taschengeld eines Studiofilms hergestellt worden ist, zur Substanz und zum flammendsten Ausdruck dessen, was Hollywood ausmacht. Man muss nicht bis zur berührenden Schlussszene warten, in der der Film zu sich kommt und ganz ruhig wird, um zu sehen, wie viel Leben vorher in "Tangerine L.A." steckte. Um noch einmal Jack Smith zu zitieren: "Ein schlechter Film ist einer, der nicht flimmert."

Im Video: Der Trailer von "Tangerine L.A."

"Tangerine L.A."

Originaltitel: Tangerine

USA 2015

Regie: Sean Baker

Drehbuch: Sean Baker, Chris Bergoch

Darsteller: Kitana Kiki Rodriguez, Mya Taylor, Mickey O'Hagan, James Ransone, Karren Karagulian, Clu Gulager

Produktion: Duplass Brothers Productions

Verleih: Kool

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 16 Jahren

Start: 7. Juli 2016

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