Trash-Kino-Bibel Götter des Gemetzels

B-Movies sind eine verdammt ernste Angelegenheit. Im Selbstversuch mit Hunderten von Chuck-Norris- und Steven-Seagal-Filmen zeigen uns Clemens Meyer und Claudius Nießen die Schönheit im Schrott.

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Das Bahnhofskino: In vergangenen Zeiten war es der Sehnsuchtsort für kranke Gelüste aller Art, eine Zufluchtsstätte gesellschaftlicher Randexistenzen jeder Couleur. Die Autoren Clemens Meyer und Claudius Nießen versuchen nun in ihrem Buch "Zwei Himmelhunde. Irre Filme, die man besser liest", Ordnung in den internationalen B-Movie-Erguss der letzten 60 Jahre zu bringen. Ein Selbstversuch mit Hunderten von Trashfilmen, ein Katalog des Nichtkatalogisierbaren.

Es geht, klar, um Chuck Norris, Steven Seagal und Dolph Lundgren. Es geht um obskure Frauengefängnisfilmperlen ("Women in Cages"!) und berühmte Surfnazidesaster ("Surf Nazis Must Die"!). Und um alle möglichen Genrekreuzungen dazwischen.

Runtergeschrieben im Duktus des derangierten B-Movie-Süchtigen, entwickelt das Dialogbuch, wohl durchaus gewollt, einen zwiespältigen Sog. Wunderbar, wie hier der betont eifrige Analysewillen oft von der hemmunglosen Hingabe ans Billo-Kino überwältigt wird.

Die Rache der geschändeten Frauen

Besonders schön funktioniert dieser Mechanismus zwischen den beiden Trieb-Cineasten in dem Kapitel über das Bahnhofskinomeisterwerk "Ich, die Nonne und die Schweinehunde", Bahnhofskinokennern möglicherweise auch bekannt unter den Titeln "Die Rache der geschändeten Frauen" oder "The Big Bust Out" oder "Crucified Girls of San Ramon" oder "Io monaca... per tre carogne e sette peccatrici", gedreht 1972 in Italien von Bahnhofskinoregielegende Ernst R. von Theumer (Hier der deutsche Trailer).

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Dieser Abschnitt im Buch beginnt mit einer übertrieben peniblen Genre-Einordnung: "ein subtiler Genremix. Nonnen-Action, Frauenknastfilm, Abenteuerfilm, Rape-and-Revenge-Movie, ein wirklicher Klassiker des Bahnhofskinos." Es folgt eine Reflexion über männliche Ausbeutung und weibliche Selbstermächtigung. Einer der "Himmelhunde" stammelt, die nackten, missbrauchten Protagonistinnen würden "die vom Mann ausgehende Gewalt... sagen wir... auf den Mann zurückschleudern". Der andere Himmelhund, vielleicht etwas überstimuliert nach der Sichtung, sekundiert: "Squirting beats ejaculation."

Claudius Nießen ist im Hauptberuf übrigens Leiter des renommierten Literaturinstituts Leipzig, Clemens Meyer hat zuletzt mit seinem zwielichtig schönen Roman "Im Stein" das große ostdeutsche Prostitutionspanorama vorgelegt. In "Zwei Himmelhunde" nähern sich die beiden ihrem Sujet ohne jede Ironiesicherung. Sie nehmen das B-Movie ernst. Im Gegensatz etwa zu den Verantwortlichen der Tele-5-Reihe "Die schlechtesten Filme aller Zeiten", wo man die größtmöglichen Verfehlungen und Unfälle der Filmgeschichte zum allgemeinen Ablachen freigibt. Langweilig, wohlfeil.

Ernst Jünger war Rambo-Fan

Sicher, auch die Leipziger lassen keine Pointe aus. In der Mitte ihres Buches gibt es eine Art Lexikon des Gewaltfilms. Unter E wie Ernst Jünger steht: "Der war der totale Rambo-Fan. Das weiß kaum einer. Die von Klett-Cotta haben das einfach aus den Tagebüchern rausgestrichen. Dabei war der nicht nur irgendein Fan. Der war der absolute Rambo-Maniac."

Zugleich wollen Nießen und Meyer aber in ihrer Poetik des Bahnhofkinos den gefährlichen, den glücklichmachenden Sog der Filme erfahrbar machen, Rezeption und Abstraktion zusammenbringen. Was natürlich misslingt. Grandios misslingt. Etwa wenn der eine nörgelt, dass in einem Frauengefängnisfilm der Gitterstab wie ein schwarzer Balken die Scham der nackten Insassin verdeckt, und der andere in einer pornoseminartauglichen Einlassung ergänzt: "Da wird ganz subtil mit dem Auge und der Lust des Betrachters gespielt." Voyeurismus als Kulturtechnik.

Zu dieser Sicht auf das Trash-Kino gehört auch, dass die Autoren die sich verändernden Rezeptionsweisen der Trash-Junkies nachzeichnen - von der schummrigen Schuhkarton-Atmosphäre im Bahnhofskino der Sechziger- und Siebzigerjahre über leiernde und ausleiernde Videokassetten der Achtziger- und Neunzigerjahre bis zur DVD mit ihren mannigfachen Möglichkeiten der fetischisierenden Feineinstellung in der nicht mehr ganz so jungen Vergangenheit.

Nießen und Meyer berichten darüber, wie sie bei den verschiedenen Teilen von Wes Cravens "Nightmare on Elm Street"-Horrorsaga versucht haben, der Hauptdarstellerin Heather Langencamp durch Zeitlupe und Zoom näherzukommen. Im Buch heißt es: "Mit der Erfindung der DVD entdeckten die Himmelhunde das Zoomen. Früher waren wir Spuler, nun wurden wir Zoomer."

Dieses niemals geschmäcklerische, immer detailgenaue Buch liefert also vielmehr als eine Listung besonders kranker Filme. Es ist auch und vor allem eine Sittengeschichte des Spannens geworden.



insgesamt 3 Beiträge
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MeckerSeb 31.05.2016
1. Echt?
SchleFaZ langweilig? Wie kommt man als Hochintellektueller dann dazu, ein Buch über B-Filme zu loben? Oder weß man einfach langsam nicht mehr, was man ernst nehmen darf / muss, um noch cool und hip zu sein?
fleischzerleger 31.05.2016
2.
Zitat von MeckerSebSchleFaZ langweilig? Wie kommt man als Hochintellektueller dann dazu, ein Buch über B-Filme zu loben? Oder weß man einfach langsam nicht mehr, was man ernst nehmen darf / muss, um noch cool und hip zu sein?
Trashfilme können durchaus sehr cool sein. Einige dieser Filme überbieten problemlos das Höchstniveau des ZDF.
torsten_raab 01.06.2016
3.
Zitat von fleischzerlegerTrashfilme können durchaus sehr cool sein. Einige dieser Filme überbieten problemlos das Höchstniveau des ZDF.
Das ist auch wirklich keine Kunst! Vor allem hat die B-Ware meistens halbwegs Tempo und zumindest eine der Grundzutaten für "Unterhaltung": Sex (ab halbnackte Frauen aufwärts) oder Action/Gewalt. Während vieles, was im deutschen TV läuft und vergleichbares "Direct to TV/DVD"-Niveau hat, einfach langatmig daher kommt. Weswegen z.B. seinerzeit ein "Schimanski" so einen Kultstatus errungen hat - oder kennt noch jemand andere Tatort-Kommissare aus den 80ern? Und eins noch - die Einstufung als B-Movies sind kein absolutes Qualitätsmerkmal, sondern beziehen sich in erster Linie auf das Budget (keine Stars, Effekte eine Nummer kleiner und billiger). Mit etwas Glück bei den sonstigen Zutaten wie Regie und Script und einer soliden Schauspielerleistung kann dennoch ein gutes Produkt rumkommen. Zumindest an der Grenze zum B-Movie schrammt "Rocky" entlang (Stallone war damals unbekannt, Budget ~1 Million USD - im Vergleich zu 7 Millionen für "JAWS" im selben Jahr). Im Gegenzug ist die Einstufung "Blockbuster" auch nicht gleichbedeutend mit "guter Film" - ich denke da gerade an die letzten Klopper aus USA wie "Battleship" oder "Transformers". Riesenbudget, teilweise auch Stars dabei, aber mehr als seicht.
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