Trash-Kino Sittlich deformierte Männer

Das Weihnachtsgeschenk für den Trash-Connaisseur: Die beiden ersten Filme des österreichischen Sixties-Schundfilmers Eddy Saller, jetzt auf DVD erschienen, beeindrucken mit einer Mischung aus Gewaltbereitschaft und sexueller Zügellosigkeit.

Donau Film

Von Andreas Banaski


Sallers Debütfilm von 1965, "Geißel des Fleisches", inspiriert vom authentischen Fall des "Opernmörders" Josef Weinwurm, führt in die Abgründe schmuddeliger Verderbtheit. Leitmotivisch beklagt der Vorspanntext die "erschreckende" Zunahme von Sexualdelikten und die "fast schon abstoßende Zurschaustellung sexueller Reize im alltäglichen Leben": "Ist es eine Krankheit unserer satten Wohlstandszeit?" Anschaulich guckt die Kamera gleich mal jungen Damen reihenweise voyeuristisch unter den Rock (zur Abschreckung?).

In der Ballettschule gehen anschließend die Mädchen herausfordernd erst in den Spreizschritt und dann nackt unter die Dusche, was den Triebtäter Jablonsky, einen zum Caféhaus- und "Playboy Bar"-Pianisten heruntergekommenen Wiener Klaviermaestro, zu einer kruden Hommage an Hitchcocks Duschmord aus "Psycho" animiert. Vor einer Justiz, die im Volksgerichtshof-Kasernenton gegen ihn verhandelt, muss er sich dann für seine Schandtaten, die per Rückblenden immer wieder in seinen Prozess eingespielt werden, verantworten.

Herbert Fux, legendärer Schurken-Charge und später Politikstar der Grünen in Österreich, spielt in "Geißel des Fleisches" den Sexstrolch großartig als armen Tropf, als Opfer einer trost- und freudlosen Sozialisation, seltsam entrückt, sperrig und wortkarg zwischen brütender Stumpfheit und erregter Transpiration, ein fast schon Brechtscher Verfremdungseffekt, der noch dadurch verstärkt wird, dass Fux nicht mit seiner Originalstimme, sondern in dieser Fassung für den bundesdeutschen Markt synchronisiert zu hören ist.

Inszeniert ist "Geißel des Fleisches" noch vorwiegend im Stil von Opas Kino, Jürgen Roland hat ungefähr zeitgleich seine Hamburger Milieu-Krimis ("Polizeirevier Davidswache", "4 Schlüssel") ähnlich angelegt, wenn auch braver und konformistischer. Saller verteilt die Niedertracht paritätisch: Die Frauen sind Schlampen, die Männer ebenso sittlich deformiert.

Rüdes, fast schon psychedelisch montiertes Werk

Durchgeknallter, ruppiger und noch fatalistischer ist Sallers zweiter Film, "Schamlos" von 1968. Auch dieses rüde, fast schon psychedelisch montierte Werk ist, laut Schrifttafel, "einer wahren Begebenheit nachgestaltet", und der "Realistik des Milieus" wegen wirken "echte Angehörige der Unterwelt" mit. Die irrsinnige Handlung dieser Premium-Schundgranate: Der 20-jährige Strizzi Alexander Pohlmann (Udo Kier als Westentaschen-Delon und ebenso wie Herbert Fux von fremder Stimme nachsynchronisiert), vormals Messerwerfer und Kunstschütze im Zirkus, hat sich in Frankfurt "'ne junge Gang aufgebaut", erpresst Schutzgelder und hat "ein paar Bienen laufen".

Seine Bettgespielin, die Striptänzerin Annabella, ein Flittchen so "heiß wie 'ne leergeschossene MPi", verschachert er an einen Barbesitzer. Sie landet in den Fängen des Gangsterbosses Kowalski (Lebemann Rolf Eden), der sein Zuhälter-Geschäft in Campinganhängern betreibt. Im Salon eines schwulen, rauschgiftsüchtigen Filmaltstars, an den sich Annabella rangemacht hat, um ihre Schauspielkarriere zu lancieren, wird sie schließlich erwürgt. Die Suche nach ihrem Meuchelmörder gipfelt in einer endlosen Unterweltsselbstjustiz-Gerichtsverhandlung und der völlig unlogischen, surrealen Abrechnung.

Mittendrin wird auch noch eine Original-Ferkelperformance des Aktionskünstlers Otto Mühl verwurstet. Und der in Kennerkreisen geschätzte Groove-Meister Gerhard Heinz, der schon in "Geißel des Fleisches" mit hypnotischem Lounge-Jazz den degoutanten Nervenkitzel zusätzlich auf die Spitze getrieben hat, hat all das in ekstatischen Billig-Beat gepackt.

Detlef Kuhlbrodt war in der "taz" anlässlich einer Wiederaufführung vor acht Jahren entsprechend begeistert: "Der Halbstarkenfilm 'Schamlos' ist durchgehend großartig und von einer Härte und Coolness, die zuweilen an 'Clockwork Orange' erinnert und später vielleicht nur noch von Roland Klick im deutschsprachigen Kino erreicht wurde." Ein sympathischer, aber natürlich aberwitziger Vergleich.

Vom Bahnhofskino ins intellektuelle Programmkino

"Geißel des Fleisches" und mehr noch "Schamlos" gehören eher in die Reihe jener nachträglich cineastisch geadelten Genre-Billigfilme der Sechziger und frühen Siebziger, die erst in Proll-Bahnhofskinos nicht jugendfrei ab 18 liefen und später dann in Intellektuellen-Programmkinos wiederentdeckt wurden: Italo-Western, Motorrad-Rockerfilme, Blaxploitation, japanische Yakuza-Streifen von Seijun Suzuki, die Busenobsessionen des amerikanischen Primitiven Russ Meyer oder die Mafia-Gewaltexzesse eines Fernando Di Leo.

Im DVD-Bonusmaterial, einem knapp 20-minütigen Ausschnitt (auf beiden DVDs derselbe) aus einer Doku von 1992 über den österreichischen Film, präsentieren sich einige damalige Mitwirkende jovial, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Und Saller, ein bebrillter Biedermann ("Es ist ja dezent gezeigt worden, nicht mit brutaler Nacktheit"), der nach seinem furiosen Regie-Auftakt nur noch zwei derbe Softsex-Klamotten ("Liebe durch die Autotür" und "Monique - mein heißer Schoß") in den Siebzigern drehte, ansonsten Theater und Oper machte und in untergeordneter Funktion im Filmgeschäft beschäftigt war, will das natürlich alles gar nicht so böse gemeint haben: "Ich habe nie behauptet Kunst zu machen, sondern ich mache Unterhaltungsfilme."


DVDs:
"Geißel des Fleisches". Regie: Eddy Saller, Österreich 1965, Laufzeit 77 Minuten (Hauptfilm);
"Schamlos". Regie: Eddy Saller, Österreich 1968, Laufzeit 73 Minuten (Hauptfilm). Donau Film / Alive, FSK ab 18, UVP je 16,95 Euro.



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