Filmpleite "Traumfabrik" Elefanten! Statisten! Regnende Rosenblätter!

Mit der Ost-West-Liebesgeschichte "Traumfabrik", die irgendetwas mit der Magie des Kinos zu tun haben soll, zeigt der deutsche Film eine alte Schwäche: Er eifert Hollywood nach, ohne es zu verstehen.
Filmpleite "Traumfabrik": Elefanten! Statisten! Regnende Rosenblätter!

Filmpleite "Traumfabrik": Elefanten! Statisten! Regnende Rosenblätter!

Foto: Julia Terjung/ Tobis Film

Der Mauerbau ist in Martin Schreiers "Traumfabrik" zunächst einmal eine erotische Enttäuschung: Der junge Komparse Emil (Dennis Mojen) hat sich im DEFA-Studio Babelsberg mit Milou (Emilia Schüle), der Assistentin einer berühmten französischen Filmdiva, verabredet.

Weil aber das Stelldichein für den Morgen des 13. August 1961 angesetzt ist und Milou in einem Hotel in Westberlin wohnt, kommt das Treffen nie zustande. Diesen Interruptus will Emil jedoch nicht hinnehmen: Er gibt sich unter falschem Namen als Produzent aus und initiiert ein Großfilmprojekt über Kleopatra, das die französische Diva - und ihre Assistentin - zurück nach Babelsberg locken soll.

Natürlich rückt Schreiers Film den erotischen Egoismus seiner Hauptfigur nicht wirklich derart in den Vordergrund, denn in seiner Vision des Kinos gibt es nichts außer der vom ersten Moment an einzigen und ewigen Liebe. Überhaupt will "Traumfabrik" all seine narrativen Verrenkungen und stilistischen Eigenheiten vor allem als Ausdruck einer übergroßen Leidenschaft für das Kino verstanden wissen.

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"Traumfabrik": Kino ungekonnt

Foto: Julia Terjung/ Tobis Film

Doch von dem Kino hat dieser Film nicht wirklich eine Ahnung, ja, er scheint sich nicht einmal wirklich dafür zu interessieren. Das Einzige, was ihm einfällt, wenn es um die "Magie" des Kinos geht, ist das monumentale Ausstattungskino der Fünfziger- und Sechzigerjahre - ein Kino, das heutzutage wohl nur mehr wenige in Euphorie versetzt. Vor allem aber wird über die bloße Aufzählung der eingesetzten Produktionsmittel hinaus - Elefanten! Statisten! Regnende Rosenblätter! - zu keinem Moment greifbar, was den besonderen Reiz, was das tatsächlich "Magische" dieser Filme ausmachen könnte.

Wenn doch einmal Ausschnitte aus dem produzierten Kleopatra-Film über eine Leinwand flimmern, schneidet "Traumfabrik" schon nach wenigen Momenten weg und flüchtet sich in den Anblick eines hochergriffenen Gesichts. Die Wirkungsmacht des Kinos bleibt bloß eine leere Geste und das Kino selbst nur ein zu strategischen Zwecken hervorgezerrtes Stück Staffage.


"Traumfrabrik"
D 2019
Regie: Martin Schreier
Drehbuch: Arend Remmers
Darsteller: Dennis Mojen, Emilia Schüle, Heiner Lauterbach, Ken Duken, Nikolai Kinski, Ellenie Salvo González, Michael Gwisdek, Wilfried Hochholdinger
Produktion: Tobis Filmproduktion , Arri Media , herbX Film , Pantaleon Films , Telepool
Verleih: Tobis Film
Länge: 128 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 4. Juli 2019


Denn tatsächlich funktioniert Schreiers Film über weite Teile wie ein Imagefilm, der die Marke der neu gegründeten Produktionsgesellschaft "Traumfabrik Babelsberg" etablieren soll (deren erster Film "Traumfabrik" ist). Und eine neue Marke etabliert man am effizientesten, indem man so tut, als wäre sie gar nicht neu, sondern als würde in ihr lediglich eine bereits bestehende, weit in die Vergangenheit zurückreichende Traditionslinie wiederaufleben. Deshalb werden die Studios Babelsberg hier als Heimstätte eines aufwendigen Unterhaltungskinos inszeniert, das sämtliche historische Umbrüche völlig unbeschadet überstanden hat - als ein deutsches Hollywood.

Diese historische Fantasie wäre nur in der Reibung mit der tatsächlich viel turbulenteren deutschen Filmgeschichte wirklich interessant. "Traumfabrik" jedoch verwendet seine ganze Energie darauf, sich mit den äußeren Merkmalen eines opulenten Unterhaltungskinos Hollywood'scher Prägung auszustaffieren: große Schauspiel-Gesten, emphatische Emotionalität und ein feierliches Umherschweifen, in den ständigen Kranfahrten wie in der aufbrausenden Filmmusik.

Gerade in der Verbissenheit, mit der Schreiers Film an die Tradition Hollywoods anschließen will, offenbart er, dass ihm die entscheidende Voraussetzung dafür fehlt: jene informelle, nur durch Beobachtung, Nachahmung und Übung erwerbbare Praxis, die einen wahrhaft souveränen (und das heißt: auch mal respektlosen) Umgang mit den übernommenen Stilelementen erlaubt.

"Traumfabrik" kann die mögliche Wirkungsmacht der eingesetzten Versatzstücke zu keinem Moment freisetzen, er kann vor allem auch keinerlei Lust an ihnen entwickeln, eben weil er in jeder Szene bis zum Überdruss immer nur eines beweisen muss: dass er "das auch kann".

Im Video: Der Trailer zu "Traumfabrik"

So ist "Traumfabrik" vor allem das Symptom einer Neurose, die gerade den populären deutschen Film immer wieder befällt: Man will an stilistische Traditionen anschließen, die man nicht zur Gänze verinnerlicht hat, und unterwirft sich deshalb ihren vermeintlichen Vorgaben so vollständig, dass jeder Funke eigenständigen Lebens ausgelöscht wird.

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