"Tuvalu" Monochromes Kinokunstwerk

Die schönsten Filme sind stumm und schwarzweiß - ein Totschlag-Lob in Zeiten digitalisierter Effektespektakel. Und dennoch: Monochrom und dialogfrei rettet der deutsche Nachwuchs-Regisseur Veit Helmer mit "Tuvalu" den Charme der frühen Filmkunst ins neue Jahrtausend.
Von Christian Bartels

In einer baufälligen Badeanstalt hausen ein alter blinder Bademeister und sein Sohn Anton (Denis Lavant). Der Lebensinhalt des nicht mehr ganz so jungen Jungen ist es, dem gestrengen alten Herrn lebhaften Betrieb im Bad vorzugaukeln. Dabei ist es nur ein Tonband, von dem das Juchzen und Planschen klingt; tatsächlich vergnügt sich nurmehr eine Handvoll skuriller Greise dort. Antons gieriger Bruder Gregor geht mit der Zeit und sprengt die alten Gebäude der Umgebung weg. Auch das Hallenbad will er abreißen. Zur selben Zeit taucht dort die schöne Kapitänstochter Eva (Chulpan Hamatova) auf, in die Anton sich prompt verliebt. Kurz darauf wird ihr Vater im Schwimmbecken von einem Stein erschlagen, den Gregor durch die Decke wirft. Das ruft einen Inspektor auf den Plan. Um das brüchige Bad vor der Schließung und dem blinden Bademeister seine Illusion zu bewahren und überdies Evas Herz zu erobern, haben der Junge und ein paar beherzte Helfer alle Hände voll zu tun...

"Irgendwo zwischen Absurdistan und Balkanesien" liegt der Schauplatz, habe in seinem Drehbuch gestanden, sagt Veit Helmer. Froh also darf man sein, angesichts solch verbalsatirischer Bemühungen, dass sich der Regisseur und Autor (gemeinsam mit Michaela Beck) entschlossen hat, den Film ohne Dialog zu drehen. Nur wenige Worte stoßen die Figuren aus und die, "Profit! Technologie System!" etwa, fügen sich wie Sprechgesang ein in den permanent tönenden Schwimmbad-Soundtrack. Auf den sechskanaligen Digitalton seines Films hat Helmer ähnlich viel Sorgfalt verwandt wie auf die Bildebene. Das Schwarzweißmaterial wurde nachträglich in unterschiedlichen Farben monochrom eingefärbt, so dass sich der Look viragierter Stummfilme einstellt. Dank seines Kurzfilms "Surprise!", der weltweit 42 Preise errang, stieß der deutsche Regisseur bei internationalen Filmkünstlern auf Enthusiasmus. 1100 Akteure castete er in aller Welt, 70 Tage lang drehte er in Bulgarien, selbstredend für Gagen weit unter dem Durchschnitt. Mit 1,7 Millionen Mark hat "Tuvalu" halb so viel gekostet wie ein durchschnittlicher Fernsehfilm.

Die Ehrfurcht gebietende Entstehungsgeschichte ist eine Sache, die Handlung des ambitionierten Werks könnte durchaus eine andere sein. Zunächst lassen Momente einen zu lang geratenen Kurzfilm befürchten. Denis Lavant, der 1991 in "Die Liebenden von Pont-Neuf" bekannt und seither nicht jünger geworden ist, wirkt mitunter wie ein trauriger Zirkusclown, der trotz zurückweichenden Haaransatzes noch im Ringelhemd das Kind mimen muss.

Doch über die kritische Phase rettet sich Helmers Film souverän. Die ausdrucksstarken Akteure - unter denen besonders die Russin Chulpan Hamatova (demnächst auch neben Moritz Bleibtreu im quietschlebendigen Roadmovie "Luna Papa" zu sehen) auffällt - erzählen tatsächlich mit großen Augen und Gesten eine berührende Geschichte. Um sie herum kreiert Helmer staunenswerte Bilderwelten. Vor allem Maschinen haben es ihm angetan, und so wie die alte Dampfmaschine als das Herz des Hallenbads unverwüstlich stampft und rattert, so läuft auch die Handlung des Films. Zwischen alt ehrwürdiger Pantomime und Völkerverständigungs-Parabel, zwischen Schauspielerfilm und zitatbewusstem Cineastenopus, zwischen versonnenem Gutmenschen-Märchen und visionärer Bilderwelt mit morbidem Charme, gratwandert der Film faszinierend stilsicher.

Allein mit Tuvalu (jener Pazifikinsel, die bekannt wurde durch den millionenschweren Verkauf ihrer nationalen Internet-Domain ".tv"), hat er eigentlich gar nichts zu tun. Der Titel ist das einzige Element, das nicht so recht zu diesem verblüffenden Filmkunstwerk passt.

"Tuvalu": Deutschland 1999, Buch und Regie: Veit Helmer, Darsteller: Denis Lavant, Chulpan Hamatova, Philippe Clay, Terrence Gillespie, E.J. Callahan, Verleih: Buena Vista, Länge: 100 Minuten

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