Ulrich Mühe Im Getriebe der Welt

Zwischen seinem und dem Leben der anderen: Ulrich Mühe ist tot - Erinnerungen an einen Besuch bei dem Schauspieler, der zu den größten seiner Generation gehörte.


Im Regal standen die Gedichte von Rilke, auf dem Schreibtisch verstaubte ein Lexikon "Deutsche Geschichte", draußen im Garten jagten die Kinder dem Ball hinterher und auf dem Sofa beugte sich Ulrich Mühe über einen Stapel Papier in seiner Hand und suchte nach Worten. "Die Wahrheit", sagte er schließlich, "ist unteilbar".

Draußen kämpfte der Frühling um sein Recht, drinnen rang Mühe mit sich und der Welt. Sein Wochenendhaus, die Fluchtburg im Grünen, stand im ehemaligen deutschen Grenzgebiet. Und auch bei der Suche nach Worten bewegte er sich immer auf einer Grenze, auf vermintem Gelände, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Meinungsfreiheit und Persönlichkeitsrechten, zwischen Dichtung und Wahrheit, seinem Leben und dem Leben der anderen.

Ulrich Mühe wägte Worte, aus Respekt vor ihrer Bedeutung, ihrer Wirkung. Seine Lieblingsfrage lautete: "Warum?" "Warum machen wir das?" Wenn er darauf keine Antwort bekam oder selber keine fand, brach er eine Arbeit lieber ab, wie am Burgtheater in Wien, wo andere sogar den Kartenabreißer gespielt hätten, nur um dort zu sein.

Das "Warum?", so erklärte er es, trotz enger Lederhose im Schneidersitz auf dem Sofa hockend, sprengt die Oberfläche, sucht nach dem Verborgenen. "Warum?" ist die Sinnfrage schlechthin.

Die einfachen, die schnellen Antworten nicht zu akzeptieren, das hatte ihn mit Heiner Müller verbunden: Sein Mentor, später auch sein Freund. Un der hat sich oft gefragt: Was hätte Heiner jetzt gesagt – oder getan?

Das freie Wort war ihm heilig

Es war ihm viel unterstellt worden im Zusammenhang mit dem Stasi-Streit um seine Ex-Frau Jenny Gröllmann: PR für den Film, Geltungssucht. Aber die Entwicklungsgeschichte dieses eigentlich privaten Dramas widerlegt alle. Mühe sah in Jenny Gröllmann nie den klassischen opportunistischen IM. Er hatte böse, sehr böse Briefe bekommen von Schauspiel- und Regiekollegen, denen eines gemeinsam war: Sie fragten nie "Warum"?

Verboten wurde das Interview mit Ulrich Mühe im Buch zum Film, dem Nukleus des "Skandals", weil die verkürzte Wiedergabe lautete: Er bezichtigt seine Ex-Frau der Stasi-Mitarbeit. Dabei war das Interview alles andere als anklagend, selbstgerecht, sondern zweifelnd, suchend, verständnisvoll. Es erzählte viel mehr von Mühe als über Gröllmann. Dass es nur noch geschwärzt zu lesen war, traf Mühe ins Mark. Denn das Wort, das freie Wort, das klare Wort war ihm heilig.

Er wollte die Freiheit über seine Gedanken, Gefühle und Worte zurückerlangen, sagte er, offen reden dürfen über das, was passiert ist, "sonst hätte ich das Gefühl, vor der eigenen Geschichte zu kneifen". Er nannte das ein DDR-Gefühl.

Im Film "Das Leben der anderen" fällt der Satz: "Irgendwann musst du Position beziehen. Sonst bist du kein Mensch". Der Unterlassungserklärung, die er unterschreiben musste, gab er privat den bitteren ironischen Titel: "Verpflichtungserklärung". In dem Buch-Interview stand die schöne Passage: "Das Perfide an Gewaltsystemen ist ja, dass sie mit der Scham ihrer Opfer arbeiten. Es gibt nichts, wofür ich mich schämen müsste, und deshalb möchte ich es erzählen dürfen, wenn ich denn möchte. Alles andere wäre ungesund."

Mühe wollte nie Mitleid

Ungesund, also. Es wird nun viel hineinpsychologisiert ins Mühes Krankheit, den Magenkrebs: Über das, was er in sich hineingefressen hat, was er nicht verdauen konnte. Das hätte ihm nicht gefallen, weil darüber vergessen wird, dass er auch als Kranker, als Sterbender seine Würde, seine Selbstbestimmung wahren wollte. Er wusste um solche medialen, öffentlichen und privaten Effekte, die dem Kranken das Leben raubt, weil er nur noch als Kranker gesehen wird. Er hatte sich bis zuletzt dagegen gewehrt, dass sein Krebs die Bühne betritt und von allen begafft und interpretiert wird. Mühe wollte nie Mitleid, auch dafür war er zu unprätentiös. Mühes Ziel war immer Klarheit.

Er wollte lieber noch Zeit mit seiner Familie, seinen Kindern haben. Denn der kleine große Mann Mühe trug seine Kindheit immer in sich. Als er zur Oscar-Verleihung zu seinem größten Triumph in die neue Welt aufbrach, trug er in Hollywood ein T-Shirt mit dem Schriftzug: "Grimma-Sachsen". Wenn er von Grimma sprach, über Kindheit, wurden die wasserblauen Augen noch tiefer: "Wir knallten mittags unsere Ranzen in die Ecke und verschwanden bis zur Dämmerung im Wald von Grimma. Im Sommer badeten wir im Steinbruch, ohne Bademeister oder Wasserqualitätskontrolle, packten uns ins Gras und überlegten uns: Was jetzt? Eine Fahrradjagd auf der autofreien Kreuzung? Aus Schilf gedrehte Zigarren rauchen? Pfennige auf Bahngleise legen und warten, bis der nächste Zug kommt? Oder lungern wir lieber rum und langweilen uns 'ne Runde?"

Den Luxus Langeweile kannte er kaum noch in den Jahren seines Erfolgs, aber dafür und für seine Kinder hatte er dieses versteckte schöne Haus auf dem Dorf in Sachsen-Anhalt gefunden, wo Arbeit eine andere Farbe bekam. Denn der stille, scheue Mann arbeitete hart, auch an sich: Und sein Lieblingssatz von Heiner Müller, dessen Stück "Auftrag" er 2004 inszenierte, war der Spruch eines Dieners in "Macbeth": "Arbeit, die wir gern tun, ist keine" - worauf Macbeth antwortet: "Arbeit ist Arbeit."

Heiner Müller hatte er auch zitiert zum Abschluss des Rechtstreits mit Jenny Gröllmann, der ihm die Worte nahm:

"Nämlich die Worte müssen rein bleiben. Denn
Ein Schwert kann zerbrochen werden, aber die Worte
Fallen in das Getriebe der Welt uneinholbar
Kenntlich machend die Dinge oder unkenntlich.
Tödlich dem Menschen ist das Unkenntliche."

Ulrich Mühe starb am vergangenen Sonntag in seinem Landhaus.

Die Frage "Warum?" stellt sich nicht.



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