Filme der Woche Um Dumbledores Geheimnisse? Geht es nur am Rande

Unsere Filme der Woche: Der dritte Teil von »Phantastische Tierwesen« wäre mit weniger Personal noch unterhaltsamer, ein Film entdeckt Paris als Stadt der Liebe neu, ein anderer die Sechzigerjahre.
Szene aus »Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse«: Zu wenig Arbeit für zu viele Helden

Szene aus »Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse«: Zu wenig Arbeit für zu viele Helden

Foto: Warner Bros.

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Im Kino:

»Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse«

Vielfalt ist an sich eine gute Sache. Diesem Film jedoch wäre es möglicherweise ganz gut bekommen, hätte er sich mit etwas weniger Tierwesen und deutlich weniger Menschenwesen begnügt. »Dumbledores Geheimnisse«, der dritte Teil von J. K. Rowlings Harry-Potter-Ablegern, nimmt sein Publikum rasch mit einem spannungsreichen und emotionalen Dialog zwischen dem von Jude Law gespielten Titelhelden und seinem Gegenspieler Gellert Grindelwald (Mads Mikkelsen) für sich ein. Diesem Anfang wohnt ein Zauber inne. Dann aber fährt der Film mehr und mehr Personal auf, das er mit seiner vergleichsweise schlichten Handlung leider nur unzureichend beschäftigen kann.

Um die Pläne von Grindelwald, der mit fiesen Tricks und ein paar Häschern die Herrschaft in der Magierwelt an sich reißen will, zu durchkreuzen, schart Dumbledore ein Team von Weggefährten um sich. Auf einer Zugfahrt zum Einsatzort treten sie sich im Waggon fast auf die Füße, ein Gruppenticket hätte sich da auf jeden Fall gelohnt. Einer der Gründe für die vielen Figuren ist das Bemühen um Diversität. Der Film wirkt wie ein unmissverständliches Dementi der umstrittenen Äußerungen, die Rowling 2020 in der Transgender-Debatte von sich gab. Das ist löblich, lenkt aber vom Kern ab: nämlich von Dumbledores Geheimnissen.

Auch wenn der Handlungsstrom etwas träge ist, lässt man sich aber schon gern mittreiben. Rowling, ihr Co-Autor Steve Kloves und Regisseur David Yates setzen mehr auf Thrillerspannung statt auf Spektakel. Es geht ins Berlin der Dreißigerjahre. Die Internationale Konföderation der Zauberer will ein neues Oberhaupt wählen, den Nachfolger des Deutschen Anton Vogel, der von Oliver Masucci gespielt wird und Mads Mikkelsen verdächtig ähnlich sieht. Mal werden Reden geschwungen, mal Zauberstäbe. Nach knalligem Finale findet der Film zur schönen, stillen Intimität seines Anfangs zurück. Lars-Olav Beier

»Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse«, Großbritannien/USA 2022. Regie: David Yates. Drehbuch: J. K. Rowling, Steve Kloves. Mit Jude Law, Mads Mikkelsen, Eddie Redmayne, Jessica Williams, Alison Sudol, Oliver Masucci. 142 Minuten.

»Wo in Paris die Sonne aufgeht«

Sein Film solle »ein Diskurs über die Liebe« sein, sagt der Regisseur Jacques Audiard, dafür sind seine Protagonisten erstaunlich viel mit Sex beschäftigt. Unterhaltsame Praxis statt öder Theorie also.

Szene aus »Wo in Paris die Sonne aufgeht«: Verspieltes Zeitgeistdrama

Szene aus »Wo in Paris die Sonne aufgeht«: Verspieltes Zeitgeistdrama

Foto: Neue Visionen

Die aus Taiwan stammende Émilie (Lucie Zhang) schlägt sich mit dürftigen Jobs durch, sucht sich aus Geldnot den smarten Lehrer Camille (Makita Samba) als Wohngemeinschaftspartner aus – und fängt ruckzuck mit ihm eine Affäre an.

Die aus der französischen Provinz frisch nach Paris gezogene Nora (Noémie Merlant) will ihr Jurastudium fortsetzen, stülpt sich für eine Party eine blonde Perücke auf den Kopf und wird von ihren Kommilitonen mit einer populären Internet-Sexposerin verwechselt. Bald darauf meldet sie sich auf der Sexchat-Website ihrer angeblichen Doppelgängerin als zahlende Kundin zum Date an.

Es sind lose, eher beiläufig als mit dramatischem Furor erzählte Geschichten, die der Filmemacher Audiard souverän verknüpft. Als Vorlagen für das Drehbuch, an dem unter anderem die Regisseurin Céline Sciamma mitgeschrieben hat, dienten drei Storys des Comic-Künstlers Adrian Tomine. Der Film erzählt in wunderschönen Schwarz-Weiß-Bildern von gerade noch jungen Menschen um die 30, die in der Hochhauswelt des 13. Arrondissements im Pariser Süden leben. Die Kamera scheint durch die Schlafzimmer und WG-Küchen der Stadt zu schweben. So entsteht ein verspieltes, elegantes, herzerwärmendes Zeitgeistdrama. Den Mythos von der Welthauptstadt der Liebe belebt »Wo in Paris die Sonne aufgeht« auf amüsant überraschende Weise neu. Wolfgang Höbel

»Wo in Paris die Sonne aufgeht«, Frankreich 2021. Regie: Jacques Audiard. Drehbuch: Léa Mysius, Céline Sciamma, Jacques Audiard. Mit: Noémie Merlant, Lucie Zhang, Jehnny Beth, Makita Samba. 106 Minuten.

»Death of a Ladies’ Man«

Auf sympathische, wenngleich durchaus selbstverliebte Weise heruntergekommen ist der Held dieses mit ergreifenden Leonard-Cohen-Songs vollgepackten Herzensbrecherporträts. Gabriel Byrne verkörpert mit Witz und Charme einen in Montreal arbeitenden Literaturprofessor. Der Kerl trinkt zu viel, stammelt vor seinen Studenten herum und erwischt seine aktuelle Ehefrau beim Fremdgehen. Vor allem aber sieht er Gespenster. Mal erscheint ihm sein vor vielen Jahren verstorbener Vater Ben (Brian Gleeson), mal glaubt er im Restaurant eine Kellnerin mit Raubtierkopf zu erblicken.

Byrne, Paré in »Death of a Ladies’ Man«: Mut zur Sentimentalität

Byrne, Paré in »Death of a Ladies’ Man«: Mut zur Sentimentalität

Foto: MFA

Weil er offenbar krank ist, sucht der Professor die Nähe seiner erwachsenen Kinder und reist irgendwann allein zum Haus seiner Kindheit an der irischen Westküste. Dort grübelt er über sein Scheitern nach und darf erleben, dass eine von Jessica Paré gespielte strahlend schöne Dorfladenverkäuferin ihm ihre Aufmerksamkeit schenkt.

Der Regisseur Matt Bissonette zeigt viel Mut zur Sentimentalität. Er folgt seinem Helden, der aus einer vergangenen Zeit der geistreichen Hallodris zu stammen scheint, mit liebenswerter Konsequenz. Es liegt eine heitere Müdigkeit über den Bildern von »Death of a Ladies’ Man«, eine hübsche Patina aus nicht mehr ganz frischem Humor und überlebten Machoallüren. Vielleicht ist dieser Film für manche vom Feminismus begeisterte Kinofans etwas anstrengend. Aber das Ziel, mit den Mitteln des Kinos dem Zauber der Songs von Leonard Cohen nahezukommen, erreicht Bissonette nahezu perfekt. Wolfgang Höbel

»Death of a Ladies’ Man«, Kanada/ Irland 2020. Regie und Drehbuch: Matt Bissonnette. Mit: Gabriel Byrne, Jessica Paré, Brian Gleeson, Suzanne Clement. 100 Minuten.

»Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?«

Der neue Film des georgischen Regisseurs Alexandre »Sandro« Koberidze stellt eine Frage, die eigentlich jede und jeder für sich beantworten kann, ohne eine Anleitung dafür zu brauchen. Aber wenn man mit Koberidzes Augen und der Kamera von Faraz Fesharaki auf die Dinge blickt, fängt man an, sie anders zu sehen und zu verstehen. Man erkennt etwa plötzlich die Magie eines mit Käse gefüllten Fladenbrots, und man lässt sich mühelos auf Absurditäten ein. Etwa darauf, dass eine Überwachungskamera, das Gestrüpp einer Straßenkreuzung, ein Abflussrohr und der Wind beschließen, ein junges Liebespaar mit einem Fluch zu belegen.

Szene aus »Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?«: Die Magie eines mit Käse gefüllten Fladenbrots

Szene aus »Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?«: Die Magie eines mit Käse gefüllten Fladenbrots

Foto: Grandfilm

Nach ihrem allerersten Treffen werden der Fußballer Giorgi und die Apothe­kerin Lisa also dazu verdammt, mit neuen Gesichtern und ganz anderen Fähigkeiten aufzu­wachen und sich ein zweites Leben aufbauen zu müssen. Doch ganz so schlecht meint es das Schicksal dann doch nicht mit den beiden. Ihre neuen Tätigkeiten, Lisa arbeitet als Kellnerin, Giorgi als Schausteller, bringen sie räumlich nah zueinander – und mit nur ein klein wenig mehr Magie können sie ihr Glück doch noch finden.

Das herrlich verschrobene Märchen von den verfluchten Liebenden macht den Kern der Geschichte des Films aus, aber drum herum wuchert Koberidzes Erzählzauber mindestens genauso schön. In der georgischen Stadt Kutaissi, die hier für die ganze Welt steht, gibt es so viel zu entdecken, zum Beispiel Fußball-WM schauende Hunde, dass zweieinhalb Stunden Laufzeit keine Minute zu lang sind. Wie sehr staunen wir, wenn wir diesen Film sehen? Sehr. Hannah Pilarczyk

»Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?«, Deutschland/Georgien 2021. Buch und Regie: Alexandre Koberidze. Mit Ani Karseladze, Giorgi Botschorischwili. 151 Minuten.

Streaming:

»Apollo 10 ½: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter«, bei Netflix

Der amerikanische Regisseur Richard Linklater wird für Filme geliebt, die den Zuschauer wie eine warme Decke umhüllen, indem sie von der Liebe und der Kindheit erzählen, ohne kitschig zu sein. Doch mithilfe digitaler Verfremdungstechniken schuf er auch düster-versponnene Fantastereien wie »Waking Life« und »A Scanner Darkly«.

Szene aus »Apollo 10 1/2«: Wunderbarer Nostalgietrip

Szene aus »Apollo 10 1/2«: Wunderbarer Nostalgietrip

Foto: Netflix

In »Apollo 10 ½« nutzt er die Animationstechnik der Rotoskopie, für die Szenen mit Schauspielern gefilmt und später digital bearbeitet werden, nun für eine bedingungslos warmherzige Erinnerung an seine Kindheit in Texas, in unmittelbarer Nähe des Nasa Space Centers in Houston. Erzählt wird dies als amüsante Fantasie, in der Linklaters Alter Ego Stan als Junge von der Nasa als Kinder-Astronaut für einen Probeflug zum Mond trainiert wird, weil das Mondlandevehikel versehentlich zu klein für Erwachsene konstruiert wurde.

Vor allem aber bietet dieser wunderbare Nostalgietrip eine beinahe enzyklopädische Darstellung des Alltagslebens der späten Sechzigerjahre, von der Gefahr blutiger Füße durch weggeworfene Laschen von Getränkedosen über die vielen populären Serien der Zeit bis zur ganz selbstverständlich noch verbreiteten Prügelstrafe an Schulen. Die Genauigkeit des Zeitbildes ermöglicht aber nicht nur ein Eintauchen in die Vergangenheit, sondern auch Vergleiche mit der Gegenwart. Dass Weltuntergangsängste und ein verzweifelter Zukunftsoptimismus unvermittelt nebeneinanderstehen können, ist nicht allein ein Merkmal unserer Zeit. Oliver Kaever

»Apollo 10 ½: A Space Age Childhood«, USA 2022. Buch und Regie: Richard Linklater. Mit Glen Powell, Zachary Levi, Jack Black. 98 Minuten.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.