Deutscher Oscar-Kandidat "Und morgen die ganze Welt" Bleierne Zeiten

Wann wird aus Widerstand blinde Gewalt? Julia von Heinz erzählt in "Und morgen die ganze Welt" intensiv und klug von der Radikalisierung junger Linker. Kurz vor dem Shutdown kommt der deutsche Oscar-Kandidat nun ins Kino.
Szene aus "Und morgen die ganze Welt" mit Hauptdarstellern Heinze, Emde, Saveedra: Hadern mit der Gewaltbereitschaft

Szene aus "Und morgen die ganze Welt" mit Hauptdarstellern Heinze, Emde, Saveedra: Hadern mit der Gewaltbereitschaft

Foto: Oliver Wolff/ Alamode

Gegen jeden, der es unternimmt, die verfassungsgemäße Ordnung des demokratischen und sozialen Bundestaats Deutschland zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand - wenn andere Abhilfe nicht möglich ist. So steht es, zusammengefasst, in Artikel 20 des Grundgesetzes. Ein Satz, auf den sich zurzeit wohl viele beziehen: Rechte, die in der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung einen Verfassungsbruch sehen; sogenannte Querdenker, die in der Coronakrise wütend gegen die Einschränkung ihrer Grundrechte protestieren – und Linke, die fürchten, dass die Organe des Staatsschutzes und die vollziehende Gewalt, Polizei und Armee, längst von rechts unterwandert sind.

Aber links und rechts, diese ideologischen Lager lösen sich im allgemeinen Widerstandsgetümmel mehr und mehr auf, wenn Rechtsextreme auf Demonstrationen gegen Maskenpflicht und Ausgangsbeschränkung Seite an Seite mit Hippies marschieren. Wenn Hufeisen-Theoretiker linke und rechte Gewalt als gleichermaßen zersetzend aneinanderrücken. Es ist unübersichtlich geworden in diesem deutschen Herbst. Einfache Antworten auf alte Fragen sind weniger denn je zu haben.

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"Und morgen die ganze Welt"

Foto: Oliver Wolff/ Alamode

Wie ein Fieberthermometer hält Julia von Heinz ihren Film "Und morgen die ganze Welt" in den bleiernen Aggregatzustand dieses deutschen Herbstes. Sie erzählt darin von einer jungen Frau aus gutbürgerlichem Hause, die sich in der Antifa engagiert, zunächst im alternativen, politischen Milieu, dann mehr und mehr im Radikalen. Die Regisseurin, die bisher eher Unterhaltungskino gedreht hat, schöpft für ihre fiktionale Problemstellung auch aus ihrer eigenen Biografie  als junge Antifaschistin im Bonn der frühen Neunzigerjahre.

Ihr nüchterner, aber intensiver Autorenfilm, der seine Premiere im Wettbewerb der Filmfestspiele in Venedig feierte und nun als deutsche Einreichung ins Oscar-Rennen geht, ist also grundsätzlich parteiisch. Er lässt aber bereits im Titel die politischen Dinge provokant in der Schwebe: "Und morgen die ganze Welt" ist ein Zitat aus dem propagandistischen Liedtext "Es zittern die morschen Knochen" des Nationalsozialisten Hans Baumann.

Natürlich ist das als Mahnung zu verstehen: Wann, wenn nicht jetzt wäre die Zeit für linken Widerstand gegen das reaktionäre Framing, die neue Salonfähigkeit der Rechten? Luisa (Mala Emde), die in Mannheim Jura im ersten Semester studiert, wird in einer Vorlesung damit konfrontiert, wie ein offensichtlich rechtsgerichteter Kommilitone jenen oben zitierten Grundgesetz-Paragrafen für seine rassistische Agenda deutet – und wird wütend.

So wütend, dass sie sich in ihrer neuen WG, einem linksalternativen Wohnprojekt, das sich gerade um Legalisierung durch die Stadt bemüht, schnell auf die Seite einiger Aktivisten um den nassforschen Alfa (Noah Saveedra) und den introvertierten Lenor (Tonio Heinze) schlägt.

Bei einer Demonstration gegen eine lokale AfD-Politikerin, die mit Farbeier- und Tortenwürfen eskaliert, klaut sie einem Nazi-Aufpasser das Handy. Sie wird verfolgt und von dem Glatzenmann brutal durchsucht. Es ist als Vergewaltigung inszeniert und auch so gemeint – die Szene dient als drastische persönliche Motivation und als plakatives Symbol für die gesellschaftliche Übergriffigkeit der Rechten, bleibt aber ambivalent: Gewalt erzeugt Gegengewalt, das ewige Dilemma.

Entsprechend sauer ist Batte (Luisa-Céline Gaffron) auf ihre alte Schulfreundin, von der sie dachte, dass sie sich eher diskursiv, im Plenum und zivilen Protestumfeld der Antifa engagieren würde, statt sich und das ganze Projekt durch radikale Aktionen in Gefahr zu bringen. Doch Luisa ist agitiert und vom attraktiven Rebellen Alfa romantisiert.

"Und morgen die ganze Welt"
Deutschland, Frankreich 2020
Regie: Julia von Heinz
Drehbuch: John Quester, Julia von Heinz
Darstellende: Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider, Luisa-Céline Gaffron, Andreas Lust
Verleih: Alamode Film
Länge: 111 Minuten
FSK: Ab 12 Jahren
Start: 29. Oktober 2020

Die Parallelen zu Andreas Baader und Ulrike Meinhof oder Gudrun Ensslin sind unübersehbar, doch der Schulterschluss mit dem RAF-Mythos wird von Julia von Heinz und Drehbuchautor John Quester vehement ausgebremst: Als das Trio nach einer eskalierten Aktion gegen Nazis, bei der Luisa eine Schnittwunde am Bein zugefügt wird, beim Ex-Terroristen Dietmar (Andreas Lust) Unterschlupf sucht, gibt sich der Altlinke abgeklärt: Nazis verkloppen, das sei doch wie die Fassade eines maroden Hauses immer wieder weiß überzutünchen, sagt er. Früher sei es noch ums große Ganze gegangen. Also um den Systemsturz, das falsche Leben im Kapitalismus, eine Reform der Lebensverhältnisse.

Dietmar ist die interessanteste Figur, weil sie zeigt, wie desillusioniert und einsam der Kampf gegen rechts letztlich auch durch den Schritt in die Illegalität machen kann. Das junge Personal des Films trägt diese Müdigkeit, ein postmodernes Wissen um die Risiken ihres Tuns und die postideologische Komplexität der neuen Zeit, bereits in sich: Mala Emde, eine Entdeckung fürs Kino, ist grandios darin, ihr Gesicht in eine nervöse Maske des ständigen Haderns und Zweifelns zu verwandeln.

Selbst als es zum Sex zwischen ihr und Alfa kommt, ist da kaum Lust, keinerlei Euphorie, nur vorsichtiges Abtasten. "Wenn du es ernst meinst, meine ich es auch ernst", sagt er. Ihr tief melancholischer Blick scheint bereits zu antizipieren, dass sie am Ende, bei einem Nazivolksfest, mit einem Jagdgewehr auf der Lauer liegend, ganz allein eine Entscheidung treffen muss.

"Breite Bündnisse" mit Grünen, Linkspartei und der Öffentlichkeit schließen, wie Lenor es vorschlägt – oder die Wut explodieren lassen, das zivilisierte Terrain verlassen, Konsens und Vernunft? War es nicht immer das, was das linke Projekt von "denen" unterschieden hat? Das ist auch so eine dieser quälenden Fragen, die dieser wichtige Film in die Stille vor dem Schuss stellt, der fallen könnte.

Beantworten muss man sie – als mündiger Bürger – selbst.

Anmerkung der Redaktion: Nach Angaben des Verleihs startet der Film am 29. Oktober in den Kinos und wird nach der Corona-bedingten Zwangspause ab dem 2. November ab dem 3. Dezember erneut in die Kinos kommen.

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