US-Comedy-Pionierin Joan Rivers Ein Leben voller Zoten und Narben
"Ich werde nie in den Ruhestand gehen", schwört Joan Rivers. "Ich bin nur dann wirklich glücklich, wenn ich auf der Bühne stehe." Das ist zwar ein Klischee, Schauspieler, Komödianten, Sänger, Tänzer, sie alle behaupten gern, dass die Bühne ihre einzige wahre Heimat sei. Die 76-jährige Rivers muss man aber beim Wort nehmen. "Es wird Schleifspuren auf dem roten Teppich geben, bevor sie abdankt", sagt ihr langjähriger Manager Billy Sammeth. "Wenn's sein muss, mache ich Fernsehwerbung für Seniorenwindeln", sagt Rivers selbst.
In den USA ist Rivers eine Ikone und traurige Witzfigur zugleich. Beide Rollen spielt sie mit Gusto - schließlich ist sie die Pionierin: die älteste Comedienne der Nation; die erste Frau, die die legendäre Männerbastion der "Tonight Show" eroberte; die erste weibliche Stand-up-Sensation. Sie riss schon Zoten über Vaginas, als das Wort "fuck" noch unter Strafe stand, kalauerte über Abtreibung, als das Fernsehen schwarzweiß war.
Dann wurde sie zur tragischen Gestalt, abgestürzt und geächtet. Und erfand sich selbst neu - als Karikatur ihrer selbst, als Schreckgespenst der Schönheitschirurgie, als Oscar-Nervensäge, als Anti-Celebrity.
"Joan Rivers - A Piece of Work" heißt der Dokumentarfilm, der ihr wechselhaftes Leben nachzeichnet und am Montag auf dem Tribeca Film Festival in New York gezeigt wird. Joan Rivers, eine ganz schöne Nummer. Oder: Ein schweres Stück Arbeit. Ein knappes Jahr haben die Autorinnen Ricki Stern und Anne Sundberg Rivers begleitet, von den dunklen Kellerclubs im West Village bis auf die grelle Riesenbühne von Las Vegas, vom Shopping-Kanal QVC bis zu Donald Trumps alberner TV-Realityshow, von ihrem 25-Millionen-Dollar-Penthouse auf der Upper East Side bis in einsame Flughafen-Lounges.
Die allererste Einstellung zeigt ihr Gesicht in brutaler Nahaufnahme, ungeschminkt, unkenntlich, eine Kraterlandschaft, die nur langsam, mit jedem Puderschlag, zu "Joan Rivers" wird, der Drag-Queen-Version dessen, was sie mal war.
"Es ist vorbei, es ist vorbei"
Doch hinter der längst bis zur Unkenntlichkeit gelifteten, grotesken Maske steckt eine Person voller Selbstzweifel und lang gehegter Wut - unverwüstlich, doch zerbrechlich. "Letztes Jahr war das härteste Jahr", lamentiert Rivers zu Beginn und blättert durch ein leeres Terminbuch. Früher hatte sie mehrere Auftritte am Tag. Plötzlich war alles weg. "Diese Angst", sagt sie. "Die Angst, dass ich völlig vergessen werde."
Das 90-minütige, schonungslose und oft schockierende Porträt wird beim Tribeca Film Festival erstmals einem breiteren Publikum vorgeführt. Der Film hat zwar schon in Sundance für Furore gesorgt. Doch New York ist ihre Heimatstadt, hier hat sie ihre treueste Fangemeinde - und deren Akzeptanz ist ihr wichtiger als alles.
Das zeigt sich auch in einer Passage des Films, als Rivers' jüngstes, autobiografisches Theaterstück zwar in London mäßigen Erfolg hat, es aber nicht an den Broadway schafft. Da sinkt sie demoralisiert in ihrer Limousine zusammen, wirkt plötzlich wie die Greisin, die sie ist. "Es ist vorbei, es ist vorbei", murmelt sie. "Niemand wird mich je ernst nehmen."
Eine seltsame Klage für eine professionelle Lachnummer. Doch Jammern war für Rivers immer auch ein Akt der Selbstdarstellung - und Komik ein Mittel, sich den Respekt der Welt zu erarbeiten. Vor allem den der Männerwelt.
So rackerte sie sich durch eine 62-jährige Karriere voller Rekorde und Rückschläge, eine One-Woman-Dampfwalze im All-Boys-Club. "Ich bin eine Firma", sagt sie und archiviert ihre Witze penibel in markierten Karteikästen: "Mein Sexleben", "politisch inkorrekt", "Juden". Es gibt in der Tat wenig, was sie nicht schon mal versucht hat. Schauspielerin, Talkmasterin, Drehbuchautorin, Dramatikerin, Regisseurin, Kolumnistin, Modekritikerin, Schmuckdesignerin, Oscar-Kommentatorin. Doch eins war sie immer: Comedienne.
Ihre lange Odyssee begann in den Kurhotels der Provinz und Manhattans halbseidenen Cabarets, eines davon hieß trefflich "The Bitter End" und existiert noch heute. Furchtlos nahm die Tochter russischer Immigranten dort schon in den fünfziger Jahren jede Erniedrigung in Kauf, jedes Buhen, um dem Trend jener Zeit zu trotzen: Frauen machen keine Witze. Schon gar nicht solche. "Ich bin die lustigste Jüdin, die nicht in den Gaskammern gelandet ist", krächzt die gebürtige Joan Alexandra Molinsky. Ein klassischer Rivers-Ausspruch, bei dem sich das Publikum biegt - und windet. Jack Lemmon stürmte einmal angeekelt aus dem Saal.
Schönheitsoperationen als Publicity-Gag
Ihren Durchbruch hatte Rivers 1965: Johnny Carson, der Pate des amerikanischen TV-Talks, lud sie in seine "Tonight Show" ein. "Du wirst ein großer Star sein", prophezeite der. Bald sprang sie als erste Frau regelmäßig für Carson ein, 1986 bekam sie ihre eigene Konkurrenzshow, die "Late Show" - erneut als erste (und bis heute einzige) Frau auf einem US-Network. Carson nahm ihr das so übel, dass er kein Wort mehr mit ihr sprach, bis zu seinem Tod 2005.
Dieser fast nahtlose Wechsel von Erfolg und Absturz sollte ein Omen sein. Altmeister Carson belegte sie beim populärsten Sender NBC mit einem Bannfluch. Und NBC-Rivale Fox, auf dem ihre "Late Show" lief, setzte Rivers nach nicht einmal einem Jahr auf die Straße. Nur wenige Monate später, im August 1987, nahm sich ihr Ehemann, Manager und Produzent Edgar Rosenberg das Leben. Rivers wurde magersüchtig, als wollte sie sich selbst tothungern. Dann begann sie von vorne.
Und eines Tages war sie wieder da: Nachmittags, mit der "Joan Rivers Show", zu der sie nicht nur Promis bat, sondern auch mal einem angeblich schwangeren Transsexuellen live im Studio einen Ultraschalltest verpasste. Die Sendung brachte ihr einen Emmy ein - und einen Stern auf dem Hollywood Boulevard, wenngleich abseits der Größen des Geschäfts.
Aber auch damit war 1994 wieder Schluss. Rivers wechselte in die Abteilung Glamour, begann ihre legendären Red-Carpet-Shows, bei denen sie gemeinsam mit Tochter Melissa den Stars auf dem roten Teppich auflauerte. Doch ihre anfangs harmlose Frage "Who are you wearing?" ("Welchen Designer tragen Sie?") eskalierte zu einem solch despektierlichen Spießrutenlaufen für die Befragten, dass der Sender Rivers' Modekritik 2007 absetzte.
Trotzdem hat sie nie aufgegeben. Begann, ihre endlosen, immer unglücklicheren Schönheitsoperationen fröhlich als Publicity-Gag zu vermarkten, machte ihre Lästerzunge zum Markenzeichen, ist zum Freak mutiert. "Ich tanze", sagt Rivers, "so schnell ich kann."
Zurzeit ist sie wieder ganz oben. Sie gewann Donald Trumps Reality-TV-Show "Celebrity Apprentice". Sie hat zwei eigene Fernsehserien in Produktion. Sie ist ein gefragter Talkgast. Ihr Terminbuch ist voll. "Hier war ich schon mal", sagt sie dann aber. "Und ich weiß: Nichts gehört auf Dauer dir."