US-Doku "Why We Fight" Futter für die verzagte Linke

Der New Yorker Nachwuchsregisseur Eugene Jarecki wird von der amerikanischen Linken gefeiert wie ein neuer, ernsthafter Michael Moore. Sein preisgekrönter Dokumentarfilm "Why We Fight" könnte die politische Debatte in den USA neu entfachen.

Von Sebastian Moll, New York


Der Vorhang ist schon seit über einer Stunde gefallen, doch Regisseur Eugene Jarecki steht noch immer in der Lobby des Kinos am oberen Broadway. Mehrere Dutzend Menschen belagern den adretten jungen Lockenkopf und wollen ihn überhaupt nicht mehr in die New Yorker Nacht entlassen. Sie haben gerade die Premiere von Jareckis Dokumentarfilm "Why We Fight" gesehen, und jetzt verlangen sie Antworten. "Was können wir tun, wie kann man das alles ändern?", möchten sie wissen, nachdem Jarecki ihnen 99 Minuten lang die Verflechtungen zwischen dem militärisch-industriellen Komplex und der amerikanischen Regierung vorgeführt hat und den daraus resultierenden unaufhaltsamen Drang der USA zum Kriegführen.

Regisseur Jarecki: "Jeder von euch kann etwas tun"
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Regisseur Jarecki: "Jeder von euch kann etwas tun"

Jarecki ist geduldig. Der smarte Mann aus Brooklyn, ein preisgekrönter Absolvent der besten Filmschulen des Landes, lässt niemanden im Regen stehen. "Wir dürfen nicht nach raschen Lösungen suchen", beschwichtigt er die sich um ihn drängelnden linksliberalen New Yorker, die um einen Ausweg aus ihrer nunmehr fünf Jahre währenden politischen Ohnmacht ringen. "Jeder von euch kann etwas tun", macht er ihnen Mut. Und: "Wir sind nicht so wenige, wie die Massenmedien euch glauben lassen wollen. Wir sind mehr als zur Vietnam-Zeit. Es sind 30 Millionen Menschen auf die Straße gegangen, bevor im Irak nur ein Schuss gefallen ist. Vor Vietnam haben in Washington gerade einmal vierzehn Quäker demonstriert."

Die Szene ist anrührend und befremdlich zugleich. Das als zynisch und kritisch bekannte New Yorker Kinopublikum ist zu einer Schar von scheinbar verzweifelten, politisch Orientierungslosen mutiert, die soeben von einem aufstrebenden Jungideologen eine Hoffnung spendende Botschaft erhalten haben. Jarecki, der im vergangenen Jahr mit seiner Dokumentation den großen Preis der Jury beim Sundance-Festival gewonnen hat, gefällt sich unterdessen in der Rolle des Agitators. Er scheut sich nicht vor Sätzen wie: "Unser Ziel ist es, Amerika wieder von einer imperialen Macht in eine Republik zu verwandeln."

Überfälliger Gegenschlag der Linken

Dass sich Jarecki als Filmemacher nicht weiter mit dem Feigenblatt der Ausgewogenheit aufhält, ist der Kritik freilich nicht entgangen. "Die politische Agenda des Films ist so klar wie die von Michael Moore in Fahrenheit 9/11", schreibt die "New York Times". Und selbst die linke "Village Voice", die zweifelsohne Jareckis Ansichten teilt, meint mit leiser Häme: "Vielleicht sollte Jarecki sich lieber um ein politisches Amt bemühen."

Erstaunlicherweise ruft offene Propaganda im Kino jedoch kaum mehr wirkliche Empörung in den USA hervor. Was bei Michael Moore noch Gegenstand heftiger Auseinandersetzung war, ist mittlerweile konsensfähig. Das im Irak-Krieg gewachsene Misstrauen gegenüber regierungsfreundlichen Mainstream-Medien wie Fox News hat die Schleusen geöffnet - schon Michael Moores oscarprämierter Film wurde letztlich als längst überfälliger Gegenschlag der Linken an der Medienfront des amerikanischen Kulturkriegs hingenommen.

Damals - im Sommer 2004 - schrieb Louis Menand im "New Yorker" einen hellsichtigen Aufsatz, in dem er historisch darlegte, dass das "Dokumentarische" des Dokumentarfilms noch nie darin bestanden hat, unverstellte Wahrheit zu zeigen. Der Dokumentarfilm sei seit seinen Anfängen polemisch und parteiisch. Um gut zu sein, müsse er nicht objektiv sein, sondern aufrütteln. Und das gelinge - dadurch zeichne sich der Dokumentarfilm aus -, indem er dem Zuschauer das Gefühl gibt, etwas zu sehen, was er eigentlich nicht sehen soll.

Das habe Moore meisterhaft gemacht, schrieb Menand. Der quälende Closeup in Echtzeit von George Bushs Gesicht, während er sich vor einer Schulklasse sitzend minutenlang eine angemessene Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September überlegt, ist nur das eindringlichste Beispiel. Eugene Jarecki hingegen befriedigt keinerlei Voyeurismus und verfügt wohl auch deshalb über keine rhetorische Kraft. Jareckis Film, schreibt etwa der "New Yorker", sei ein nacktes politisches Argument, präsentiert als bloße Collage aus Archivmaterial. Der Zuschauer erlebe nichts, das ihn überrasche und das ihn somit wirklich von etwas überzeugen könnte, was er nicht ohnehin bereit sei zu glauben.

Debatte auf abstraktem Niveau

Die Kritik an "Why We Fight", im Titel absichtlich an Frank Capras berühmt-berüchtigte Propaganda-Filme aus dem Zweiten Weltkrieg angelehnt, ist so richtig wie unfair. Denn Jarecki versucht sich an einer deutlich komplexeren Argumentation als Michael Moore, einer, die mit den mooreschen Effekten nicht zu vermitteln ist. Anstatt sich die Bush-Administration persönlich zum Ziel zu nehmen, bemüht sich der New Yorker Nachwuchsregisseur, die Debatte auf ein abstraktes Niveau zu heben. Die fatale Eigendynamik der milliardenschweren amerikanischen Rüstungsindustrie darzustellen, die Mechanismen offen zu legen, mittels derer dieser Wirtschaftssektor seit 1945 immer wieder den ihr immanenten Drang zum Krieg durchzusetzen weiß, ist schwieriger, als Bush, Cheney oder Wolfowitz im besten Fall als Unsympathen und fahrlässige Dummköpfe, im schlimmsten Fall als gefährliche Kriegstreiber darzustellen.

Jarecki stellt die amerikanische Verstrickung im Irak in einen Zusammenhang, der bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zurückreicht. Ausgangspunkt seines Films ist die Abtrittsrede von Präsident Dwight D. Eisenhower 1961, der sichtlich über das Monster erschrocken ist, das er selbst mit erschaffen hatte. Eisenhower nennt diese Kreatur bei jenem Namen, den es seither in jeder linken Systemkritik trägt: den militärisch industriellen Komplex. Zugleich stellt der scheidende Präsident und Ex-General mit beängstigender Klarheit die Bedrohung für jegliche dem Bürger verantwortliche Politik dar, die dieses Monster darstellt.

Im Folgenden zeigt Jarecki, wie das gierige Tier seither unerbittlich danach verlangt, gefüttert zu werden. Seine Rekonstruktion der Erschaffung eines Frankensteins namens "Kalter Krieg", der die Politik sukzessive zur Geisel nimmt, ist durchaus zwingend. Das abstrakte Feindbild des militärisch-industriellen Komplexes mag ein linkes Klischee sein, aber es wird in "Why We Fight" so detailliert ausgemalt, dass es nicht in den Ruch einer Verschwörungstheorie gerät. Es erfährt zudem durch das Medium Film eine Verbreitung, die es in akademischen Zirkeln und politischen Journalen nicht bekäme.

So hat der am Freitag in den US-Kinos gestartete Film das Potenzial, die politische Debatte in den USA auf eine neue Ebene zu heben, den Blick von Personen auf Strukturen zu lenken. Die Hoffnung, dass sich die Probleme lösen, wenn nur George W. Bush weg ist, schwindet damit freilich. Und der Weg Amerikas vom Empire zurück zu einer Republik, in der es noch Männer vom Schlage eines "Ike" Eisenhower gab, bleibt nebulös.

Deshalb ist "Why We Fight" wohl auch deutlich weniger befriedigend, als es "Fahrenheit 9/11" war. Michael Moores Film war erlösend wie der Rundensieg eines Underdogs gegen den arroganten und fett gewordenen Titelverteidiger im Boxring. Jarecki hingegen verharrt im Studium eines übermächtigen Kontrahenten. Eine wirkliche Lücke in dessen Deckung findet er nicht.



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