US-Regisseur David Lynch "In Hollywood herrscht die Wut"

David Lynchs neuer Film "Inland Empire", der nächste Woche bei uns in die Kinos kommt, ließ in den USA Zuschauer wie Kritiker eher ratlos zurück. Im Interview mit dem SPIEGEL verrät der Regisseur seinen persönlichen Pfad zur Erleuchtung.

Frage: Mr Lynch, was haben Sie gerade gegessen?

David Lynch: Eine Gemüsesuppe und dann Lachs mit einer großartigen Sauce. Ein sehr leichtes Gericht. Warum fragen Sie?

Frage: Sie gelten inzwischen als großer Esoteriker Hollywoods und meditieren mehrmals täglich. Verlangt diese Lebensweise nicht eine bestimmte Ernährung?

Lynch: Nein. Meditation soll befreiend wirken und darf keine Zwänge ausüben. Man darf alles essen. Ich persönlich allerdings ziehe Speisen vor, die weder meinen Gaumen noch meine Augen beleidigen.

Frage: In Ihrem neuen Film "Inland Empire" erzählen Sie von einer Schauspielerin (Laura Dern), die für einen mysteriösen Film besetzt wird, von Osteuropäern, die im Wald hausen, und von Menschen mit Hasenköpfen. Selbst Fans von Ihnen geben zu, dass sie den Film kaum verstehen. Auch wir sind ziemlich ratlos. Können Sie uns helfen?

Lynch: Ich kann Ihr Dilemma nachvollziehen. Die meisten Filme sind ganz einfach zu verstehen. Aber ich erzähle nicht bloß Geschichten, sondern arbeite mit Abstraktionen. Das Kino kann die Zuschauer in eine Welt jenseits des Intellekts entführen, in der sie sich ganz und gar ihren eigenen Intuitionen anvertrauen müssen. Es geht nicht darum, etwas zu verstehen, sondern darum, etwas zu erfahren.

Frage: Was denn? Verwirrung?

Lynch: Verwirrung kann sehr stimulieren! Es gibt viele Zuschauer, die es lieben, sich in einen Film fallen zu lassen. Wenn sie aus dem Kino kommen, wirkt er in ihnen fort, sie versuchen, sich einen Reim auf das zu machen, was sie gerade erlebt haben. Andere sind frustriert, weil sie nichts kapieren, fühlen sich verloren. Aber für die gibt es ja auch andere Filme.

Frage: Das klassische Erzählkino?

Lynch: Genau. Es ist zeitlos, und ich liebe es sehr. Doch ich will seine Formen und Strukturen so weit wie möglich dehnen. Dazu braucht es allerdings immer wieder eine zündende Idee.

Frage: Was war denn die zündende Idee bei "Inland Empire"?

Lynch: Die Schauspielerin Laura Dern kam bei mir vorbei und sagte, dass sie in meine Nachbarschaft gezogen sei. Diese Begegnung war ein Schlüsselerlebnis für mich, sofort hatte ich das starke Bedürfnis, mit ihr einen weiteren Film zu drehen. Und als mir Laura erzählte, dass sie aus einer Gegend im Osten von Los Angeles stammte, die Inland Empire genannt wird, war auch der Titel schon gefunden.

Frage: Trägt das als Idee? Der Film wirkt auf uns wie ein wilder Gedankenstrom.

Lynch: Das ist er nicht! Dann wäre er ja willkürlich. Wenn mir eine Szene einfällt, habe ich den Raum, in dem sie spielt, und das Licht, das darin herrscht, genau vor Augen. Doch mit jeder guten Idee kommt leider auch immer eine Menge Müll mit, den muss ich dann wieder aussortieren.

Frage: Aber Sie zeigen den Zuschauern Bilder, die andere Regisseure sofort aussortieren würden. Warum sind manchmal die Gesichter der Schauspieler im Vordergrund unscharf, während die Wände hinter ihnen klar zu erkennen sind?

Lynch: Das war keine Absicht, das lag an der Kamera! Doch als ich diese Bilder sah, bei denen der Zuschauer nicht genau weiß, worauf er sein Augenmerk richten soll, gefielen sie mir.

Frage: Früher fanden Sie mit Filmen wie "Blue Velvet" (1986) oder "Wild at Heart" (1990) und Stars wie Isabella Rossellini oder Nicolas Cage ein Millionenpublikum. "Inland Empire" sahen in den USA noch nicht mal 100.000 Zuschauer. Kann Ihnen das Publikum nicht mehr folgen?

Lynch: Je abstrakter ein Film ist, desto weniger Zuschauer findet er, das war schon immer so. Ich glaube aber, die Zuschauer verstehen von "Inland Empire" viel mehr, als sie selber ahnen. Und ich bin überzeugt, dass wir gerade in einer Zeit des Umbruchs leben. Mehr und mehr Zuschauer sind die immergleichen Hollywood-Filme leid, und es könnte sein, dass das Arthouse-Kino deshalb größeren Zulauf erhält.

Frage: Ist das nicht reichlich optimistisch? In diesem Jahr schickt sich Hollywood an, wieder Rekorde zu brechen.

Lynch: Vielleicht, aber wir haben heute ein wahrhaft globales Kino. Wir sehen Filme aus Asien oder aus Afrika. Jeder kann heute eine Kamera in die Hand nehmen, einen Film drehen und vertreiben. Hollywood hat nicht mehr die totale Kontrolle.

Frage: Wirklich? Hat Hollywood den Avantgardefilm nicht schon vereinnahmt? Immer mehr Großproduktionen wie "Babel" oder "Syriana" arbeiten mit einer non-linearen Erzählweise.

Lynch: Aber das können Sie doch nicht mit meinen Filmen vergleichen! Da wird doch nur eine lineare Geschichte in veränderter Reihenfolge montiert. Das ist nicht innovativ, sondern bloß eine Mode.

Gibt es ein Geheimrezept gegen die Angst vor dem Tod? Lesen Sie hier David Lynchs Antwort

Frage: Wo wird das innovative Kino in Zukunft stattfinden? Im Internet?

Lynch: Gewiss. Da werden wir Künstler mit völlig neuen Ausdrucksformen entdecken.

Frage: Nutzen Sie das Internet selbst als künstlerische Spielwiese? Schon auf Ihrer Homepage zeigen Sie in einer Sitcom Menschen mit Hasenköpfen.

Lynch: Ja, aber ich habe das nicht bewusst erst im Internet ausprobiert und dann später im Film verwandt. Viele meiner Ideen entwickeln ein Eigenleben. So sehe ich "Inland Empire" zwar als Pendant zu "Mulholland Drive", aber ich kann Ihnen auch nicht sagen, warum beide Filme von Hollywood handeln. Ich weiß nicht, wie ich auf meine Ideen komme. Vielleicht kommen sie eher auf mich zu.

Frage: Sie haben sich mit einer Kuh mitten in Los Angeles an der Ecke Hollywood Boulevard/La Brea Avenue hingesetzt, um Werbung für "Inland Empire" zu machen. Keinen Schimmer, warum?

Lynch: Doch. Ich hatte herausgefunden, dass die Leute Kühe sehr mögen. Die Kuh und ich hatten mehrere Auftritte, einmal mit einem Pianisten, ein anderes Mal mit der Blaskapelle einer Highschool und einigen Cheerleadern. Ich wollte Laura Dern damit zu einer Oscar-Nominierung verhelfen. Hat leider nicht geklappt.

Frage: Sie wirken immer sehr gelassen. Haben Sie eigentlich vor nichts Angst? Vieles in Ihren Filmen, auch in "Inland Empire", rührt an Urängste, vor dem Altern, dem Tod, der Desorientierung …

Lynch: Es spielt keine Rolle, wovor ich persönlich Angst habe, das sind die ganz normalen Dinge. Wir alle müssen einmal abtreten und dabei den Körper zurücklassen, und damit sind Ängste verbunden. Aber da gibt es eine Stimme, eine Person in uns, mit der wir uns austauschen, und die ist alterslos. Sicher: Es ist seltsam, wie schnell manchmal die Zeit vergeht, aber wenn man sich auf all die Ideen und Dinge, die im Leben zu tun sind, konzentriert, dann fällt es nicht so auf.

Frage: Blinder Aktionismus als Geheimrezept gegen die Angst vor dem Tod?

Lynch: Nein, nein! Es reicht nicht, nur irgend etwas zu tun. Ängste und alle negativen Dinge verschwinden nur, wenn man mit dem großen Feld der puren Glückseligkeit Kontakt aufnimmt, das für jeden Menschen jederzeit erreichbar ist.

Frage: Wie bitte?

Lynch: Ich spreche hier von Transzendenz. Sie wissen, dass wir nur Bruchteile unserer Gehirnkapazität nutzen. Das Ziel meiner Meditationen ist aber, es voll auszunützen.

Frage: Klingt verlockend. Wie geht das?

Lynch: Es ist eine uralte Methode: Das Mantra richtet den Geist nach innen! Und wir tauchen bereitwillig ein, denn es entspricht unserer Natur, nach höherem Glück zu streben. Jede intellektuelle Ebene, die wir durch die Meditation erreichen, birgt mehr Glücksgefühl, also stoßen wir immer weiter vor, transzendieren immer mehr. Das ist eine mentale Technik. Und je weiter wir auf diesem Pfad der Erleuchtung vordringen, desto mehr Kapazitäten setzen wir frei. Wir schöpfen das volle Potential, die ganze Schönheit des menschlichen Wesens aus. Wir werden kreativer, lebendiger, ausgeglichener. Und im Gegenzug verschwindet alles Negative.

Frage: Sie betreiben diese Art der Meditation seit Anfang der siebziger Jahre. Sind Sie bereits erleuchtet?

Lynch: Nein, ich bin überzeugt, dass die Erleuchtung real ist, aber sie ist auch eine sehr große, sehr erhabene Sache. Ich befinde mich auf dem Weg dorthin. Das Schöne ist: Mit jedem Schritt wird es heller, das merke ich jeden Tag.

Frage: Mit Verlaub, in Ihren Filmen ist davon nicht viel zu spüren. Im Gegenteil, dort scheint es immer klaustrophobischer und beklemmender zu werden. Gibt es da einen Zusammenhang?

Lynch: Ich verliebe mich in Geschichten über widerstrebende Emotionen, Konflikte, Horror, das ist ganz normal, weil es menschlich ist. Aber der Filmemacher muss nicht selbst leiden, um Leid zu zeigen. Im Gegenteil: Je weniger ich leide, desto kreativer bin ich und kann genießen, was ich tue. Immer, wenn man sich über etwas ärgert oder wütend ist, kommt der kreative Fluss ins Stocken, weil sich der ganze Geist nur mit den negativen Dingen beschäftigt.

Frage: Davon gibt es im Filmgeschäft bekanntlich eine ganze Menge.

Lynch: Ja! Und es macht so viele Leute in diesem Geschäft krank! Sie arbeiten nicht, sie haben Angst, Sie werden depressiv. In Hollywood herrscht die Wut: Stellen Sie sich vor, jemand piesackt Sie den ganzen Tag: Sie müssen das Budget einhalten, Sie haben nicht das letzte Wort beim Schnitt – alles ist nur noch Druck, Druck Druck!

Frage: Dafür, dass Sie für weniger Angst und mehr Erleuchtung plädieren, geraten Sie jetzt aber ganz schön in Rage …

Lynch: Ich rege mich doch nicht auf! Ich bin etwas lebhaft, aber ich rege mich nicht auf. Dafür ist das alles doch viel zu schön!

Das Interview führten Lars-Olav Beier und Andreas Borcholte