US-Regisseur Michael Mann "L.A. gehört den Kojoten"

Thriller-Regisseur Michael Mann gilt als Perfektionist unter Hollywoods Filmemachern. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über seinen Film "Collateral", Hauptdarsteller Tom Cruise und die Zensur-Bestrebungen christlicher Fundamentalisten in Hollywood.


Regisseur Mann: "Ich bin fasziniert von Soziopathen"
AP

Regisseur Mann: "Ich bin fasziniert von Soziopathen"

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Mann, wieso sind Sie so vernarrt in tragische Männergeschichten?

Michael Mann: Schwer zu sagen. Mich fasziniert die Herausforderung des Lebens mit all seinen Widersprüchlichkeiten. Es sind gerade die Menschen, die mit scheinbar klarem Kopf leben und sich ihrer Sache sicher zu sein scheinen, welche mich interessieren. Der Vertragskiller Vincent in "Collateral" zum Beispiel hat zu Beginn des Films ein vollkommen intaktes, rationales Bild von sich selbst und der Welt um sich herum. Ebenso hat er eine klare Rechtfertigung für sein Tun. Ihn zeichnet eine Art überzeugter Nihilismus aus, gegründet auf der Überzeugung, der Kosmos sei im Grunde bedeutungslos. Für ihn ist egal, was geschieht. Zeit und Raum existieren ja sowieso weiterhin. Diese Lebensphilosophie hat sich in ihm eingebrannt. Doch am Ende des Films straft er eben diese Lügen, wenn er den Taxifahrer im übertragenen Sinne fragt: 'Wird irgendjemand bemerken, dass ich einmal hier war?' Damit fragt er, ob seine Existenz überhaupt etwas wert war.

"Collateral"-Star Cruise: "Es war nun wirklich nicht so, dass er Regie geführt hat"
UIP

"Collateral"-Star Cruise: "Es war nun wirklich nicht so, dass er Regie geführt hat"

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es bei Max, dem schwarzen Taxifahrer, der von Vincent gezwungen wird, ihn auf seiner mörderischen Tour zu begleiten?

Mann: Max wird gehemmt durch seine Aversion gegen plötzliche Regungen, sich gehen zu lassen. Wenn es einen Impuls gibt, auf den man reagieren müsste, wartet er erst einmal ab, er zögert und unterdrückt sein eigenes Handeln. Unterschiedliche Charaktere in Konfliktsituationen können also dramatischer nicht sein, weswegen mich solche Geschichten besonders anziehen. Ich bin fasziniert vom Soziopathen-Phänomen, wie die Menschen mit der Realität umgehen und wie sie sich von ihr entfernen.

SPIEGEL ONLINE: Der Film ist ja auch eine topografische Studie. Welche Großstadt bietet für Sie mehr filmischen Anreiz: New York oder Los Angeles?

Mann: Das ursprüngliche Drehbuch für "Collateral" war zuerst auf New York gemünzt und auch sonst ganz anders. Da ging es um russische Mafia und Max war kein Afroamerikaner. Die gesamte Geschichte war im Grunde viel zu abgedroschen. Wir machten also radikale Änderungen. Als ich Jamie Foxx sah, war ich überzeugt, dass er der Einzige war, der Max glaubhaft verkörpern konnte. Wir verlagerten die Handlung nach Los Angeles, weil diese Stadt meiner Meinung nach einfach traumhaft und magisch ist. Es ist cinematografisch die spannendste Stadt überhaupt. Ich rede nicht über Hollywood, sondern von der Stadt an sich, diesem Ballungsraum voll Industrie und Kongresszentren. Sie ist formbar, ich kann mit ihr alle möglichen Gefühle transportieren. Obwohl ich in Chicago aufgewachsen bin, hänge ich an L.A., weil sich dort Stimmungen nicht nur bestens abbilden, sondern auch erleben lassen.

SPIEGEL ONLINE: Hat ein Regisseur bei einem Star wie Tom Cruise überhaupt noch etwas zu melden?

Szene mit Jamie Foxx und Tom Cruise: "Den Kampf in ihrem eigenen Kopf ausfechten"

Szene mit Jamie Foxx und Tom Cruise: "Den Kampf in ihrem eigenen Kopf ausfechten"

Mann: Und wie! Es war nun wirklich nicht so, dass er Regie geführt hat. Seit ich Filme mache, also seit 1980, drehe ich jeden Film, wie ich es möchte: Jedes kleinste Detail, jedes Molekül der Geschichte wird so gedreht, wie ich es plane. Es kommt maßgeblich auf die Vorbereitung an, das ist das Wichtigste. Wenn wir mit dem Dreh beginnen, stecken alle Beteiligten schon mitten in ihren Charakteren. Das erwarte ich von jedem. Wir bereiteten uns zusammen fünf Monate lang vor, machten uns Gedanken über Fähigkeiten Vincents, die im fertigen Film überhaupt nicht vorkommen: Wie spioniert er seinem Opfer nach, wo parkt er sein Auto, wenn er ins Fitnesstudio geht? Kleinigkeiten eben. Es gab sogar Improvisationsübungen, bei denen Tom mir einige Anekdoten aus Vincents Kindheit erzählen sollte. Das hatte mit dem Film direkt zwar nichts zu tun, sorgte aber für eine engere Verbundenheit mit dem Charakter.

SPIEGEL ONLINE: Selbst die Kojoten, die in einer Szene die Straße passieren, scheinen Sie fest im Griff gehabt zu haben. Wie dreht man eine solche Szene?

Mann: Kojoten lassen sich nur sehr schlecht trainieren. Aber das brauchten wir auch gar nicht. Wenn man in L.A. lebt, sieht man sie regelmäßig auf den Straßen. Vor etwa einem halben Jahr fuhren wir gegen 19 Uhr zum Abendessen nach Hancock Park und sahen ein ganzes Rudel, das eine Katze verspeiste. Und das ist keine Ausnahme. Als ich in einer Dienstagnacht um ein Uhr morgens eine Babysitterin nach Hause fuhr, sah ich drei Kojoten mitten auf dem Sunset Boulevard. Ich machte das Licht aus und ließ sie passieren. Die Stadt gehört einfach ihnen.

Mann-Film "Ali" (mit Will Smith): "Eine schwarze Figur muss nicht immer das gesamte kulturelle Paket, das mit Afroamerikanern verbunden wird, mitschleppen"
20th Century Fox

Mann-Film "Ali" (mit Will Smith): "Eine schwarze Figur muss nicht immer das gesamte kulturelle Paket, das mit Afroamerikanern verbunden wird, mitschleppen"

SPIEGEL ONLINE: Die Szene ist in ihrer Intensität beispielhaft für den gesamten Film. Wie ist Ihre Abkehr von lauten Schießereien und Actionsequenzen zu erklären?

Mann: Es war immer mein Ziel, die tiefsten emotionalen Situationen eines Menschen auf die Leinwand zu bannen. Es ist eine große Herausforderung, aus einem drohenden Konflikt zwischen zwei Individuen heraus einen Moment zu erschaffen, in dem beide Charaktere zusammen und doch unabhängig voneinander in sich kehren und einen Kampf in ihrem eigenen Kopf ausfechten. Das ist zum Beispiel die Szene, in der die Kojoten die Straße überqueren.

SPIEGEL ONLINE: Im Laufe Ihrer Karriere kamen und gingen einige amerikanische Präsidenten. Wie hat die Ära George W. Bush Hollywood verändert?

Mann: Bush weiß, dass es für ihn in Kalifornien wenig zu holen gibt. Die Filmindustrie ist schon fast traditionell demokratisch. Daher konzentriert er sich lieber auf Iowa und Florida. Aber einen Einfluss gibt es schon: Es gibt eine sehr starke Bewegung seitens rechter, christlicher Fundamentalisten, welche die Inhalte von Filmen kontrollieren wollen. Es gibt einen erbitterten Kampf. Ich selbst, zehn andere Regisseure und die Directors Guild haben diese Firmen verklagt. Und die klagen natürlich zurück. Zusammen mit Steven Spielberg und Martin Scorsese werde ich bald bei einem Gerichtsverfahren teilnehmen. Diese rechten Fundamentalisten hätten es schwieriger, gäbe es eine demokratische Regierung. Die wollen sich einen Film wie "Ali" nehmen und tatsächlich jegliche vulgären Ausdrücke, Sexualität und rassistische Bemerkungen rausstreichen, ob es nun für die Handlung sinnvoll ist oder nicht. Das ist die gleiche Debatte, die John Milton auslöste, als er im 17. Jahrhundert sein Pamphlet "Areopagitica" über Zensur verfaßte.

Männer-Thriller "The Insider" (mit Al Pacino, Russell Crowe): "Ich habe keine Abneigung gegen Frauen"
CONSTANTIN

Männer-Thriller "The Insider" (mit Al Pacino, Russell Crowe): "Ich habe keine Abneigung gegen Frauen"

SPIEGEL ONLINE: Will Smith sprach neulich von einem neuen Rassismus in Hollywood. Ihr Hauptdarsteller Jamie Foxx ist schwarz. Wie beurteilen Sie die Situation?

Mann: Ich habe mich immer sehr für dieses Problem interessiert, auch für Stereo- und Archetypisierung im Allgemeinen. Ich bin beispielsweise nicht der Überzeugung, dass eine Rolle zwangsweise afroamerikanisch angelegt sein muss, damit ein Afroamerikaner sie spielen kann. Eine schwarze Figur muss nicht immer das gesamte kulturelle Paket, das mit Afroamerikanern verbunden wird, mitschleppen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind immer sehr stark auf männliche Protagonisten fixiert. Mögen Sie etwa keine Darstellerinnen?

Mann: Ich liebe Schauspielerinnen! Es ist nicht meine Schuld, dass dieser Eindruck entsteht. Es ist ja auch nicht so, dass es in meinen Filmen keine Frauen gäbe. Zum Beispiel kam es mir bei "Heat" auch mehr auf die Beziehungen zwischen Val Kilmer und Ashley Judd, Robert de Niro und Amy Brenneman sowie Al Pacino und Diane Venora, als auf die Actionszenen an. Deswegen wollte ich danach auch ein reines Charakter-Drama wie "Insider" drehen. Ich habe keine Abneigung gegen Frauen. Demnächst plane ich einen Film über Janis Joplin. Und die Hauptrolle wird sicherlich nicht von Tom Cruise übernommen.

Interview: Leif Kramp



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.