US-Schauspieler Morgan Freeman "Obama kann es schaffen"

Er hat sogar Gott gespielt: Morgan Freeman gilt als Garant für Gravität auf der Leinwand. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der 70-Jährige, warum ihn nicht einmal die Rolle eines Todkranken in "Das Beste kommt zum Schluss" aus der Ruhe brachte - und begründet seine Wahlempfehlung.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Freeman, hat Barack Obama es Ihnen zu verdanken, dass er als Präsidentschaftskandidat in Frage kommt? In "Deep Impact" waren Sie einst so überzeugend, dass ein schwarzer US-Präsident jetzt ganz selbstverständlich wirkt.

Freeman: Ich erinnere mich noch, dass mich damals alle gefragt haben, wann ich denn meine Kandidatur bekannt geben würde. Sehr lustig. Aber Dennis Haysbert, der Präsidentendarsteller in der TV-Serie "24", war viel entscheidender: Niemand zuckte mehr mit der Wimper, weil er so authentisch wirkte.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn eigentlich mal darüber nachgedacht, für ein politisches Amt zu kandidieren?

Freeman: Sie meinen im echten Leben? Himmel, nein! Für ein Politikerleben wäre ich viel zu ungeduldig!

SPIEGEL ONLINE: Aber die Leute würden Sie wählen, glauben Sie nicht? Mit ihrer schon fast sprichwörtlichen Ruhe, ihrem väterlichen Image und dieser sonoren Erzählstimme...

Freeman: Das ist ja gerade das Unglück. Wenn es nach der Bevölkerung geht, scheint man überhaupt keine Begabung für den Job zu brauchen, ein bekannter Name reicht schon. Und bei der Wahl stimmen sie dann alle für Dich, weil du ein bekanntes Gesicht hast. Alles nur Fassade! Klar wäre ich überzeugend: Geben Sie mir ein gutes Drehbuch und ich zeig's Ihnen. Aber keine Sorge: Ich kandidiere nicht. Ganz sicher nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen Sie denn Barack Obamas Chancen ein, Präsident der USA zu werden.

Freeman: Sehr gut! Ich bin absolut für ihn. Es wird ein sehr knappes Rennen zwischen ihm und Hillary Clinton geben, und ich wäre mit beiden einverstanden. Aber die Atmosphäre, die ganze Stimmung im Land spricht für Obama.

SPIEGEL ONLINE: Ein schwarzer Präsident, das wäre ein ziemlich großer Sprung für Amerika.

Freeman: Nicht so groß wie er früher einmal gewesen wäre. Es geht heute nicht mehr so sehr um Rassenfragen, sondern darum, wer der Beste für den Job ist. Schauen Sie sich die amerikanischen Sportszene an: Wer dominiert die meisten Disziplinen?

SPIEGEL ONLINE: Schwarze Athleten?

Freeman: Richtig! Basketball, Football, Golf, sogar Tennis. Und beim Sport geht es darum, wer der Beste ist, nicht, welche Farbe er hat. So ist es auch in der Politik: Wichtig ist nicht, ob der nächste Präsident weiß oder schwarz, weiblich oder männlich ist, sondern dass er seine Sache gut macht.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Optimismus in allen Ehren, aber es gibt auch Stimmen, die Obama - unabhängig von seiner Hautfarbe - für noch nicht erfahren genug halten.

Freeman: Ich glaube, dass er bereit ist. Man muss sich da nicht so große Sorgen machen. Der Präsident der USA ist ja kein König oder so etwas, er ist nur eine Repräsentationsfigur. Regiert wird das Land vom Parlament, vom Kongress und vom Senat, von Leuten, die beraten und bewilligen und Konsens suchen. Konsens, das ist ein wichtiges Wort in der Politik. Leute wie George W. Bush neigen dazu, es zu ignorieren, dann bekommt die Präsidentschaft etwas Imperialistisches. Aber so ist es nicht gedacht, und es kommt auch nichts Gutes dabei heraus. Das haben wir ja in den letzten Jahren erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Sprechen wir über Ihren neuen Film. An der Seite von Jack Nicholson spielen Sie einen einfachen Mann, der nur noch sechs Monate zu leben hat und eine so genannte "Löffel-Liste" erstellt, mit teils haarsträubenden Dingen, die er unbedingt noch erledigen will, bevor er - nun ja - den Löffel abgibt. Ist das nicht ganz schön unrealistisch?

Freeman: Nein, wieso? Natürlich muss man sich die Ausgangssituation vor Augen führen: Mein Charakter findet sich in einem Krankenhaus wieder, in einem Zimmer mit einem Multimillionär, der die Idee dieser "Löffel-Liste" faszinierend findet. So kommt eins zum anderen.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie das gemacht? Ihre besorgte Familie zurückgelassen, um mit einem Wildfremden auf Abenteuertour zu gehen?

Freeman: Natürlich hätte ich das gemacht, sofort! Schauen Sie: Sie haben Krebs und nicht mal mehr ein halbes Jahr zu leben. Man braucht eine Weile, um das zu verarbeiten, aber dann, was kommt dann? Jack Nicholsons Charakter stellt im Film die entscheidende Frage: "Willst du hier liegen und auf ein Wunder warten, während deine Familie zum Verabschieden aufläuft? Oder willst du noch mal alles rausholen, was geht? Und lass uns nicht über Geld nachdenken, denn davon habe ich genug!" Wenn das nicht verführerisch ist.

SPIEGEL ONLINE: Was stünde denn ganz oben auf Ihrer "Löffel-Liste"?

Freeman: Oh, ich habe kürzlich angefangen, Golf zu spielen. Mein größtes Anliegen wäre, 10 Punkte auf einmal von meinem Handicap abgezogen zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist ja ganz schön bescheiden. Ich dachte, Sie würden vielleicht, wie Ihr Filmcharakter, einmal einen 65er Mustang Shelby fahren wollen...

Freeman: Ach was, da bin ich schon weitaus schnellere Autos gefahren, damals, als ich noch jung war und bei Nascar-Rennen mitgefahren bin.

SPIEGEL ONLINE: Alle Achtung! Heißt das etwa, Sie haben in der betreffenden Szene, als Sie mit dem Mustang gegen Nicholson im Dodge Charger antreten, selbst am Steuer gesessen?

Freeman: Nein, dafür gibt es ja heutzutage Stuntfahrer. Ich habe auch ein Double, Geoffrey, das immer dann einspringt, wenn ich eine Action-Szene nicht selbst machen möchte. Wissen Sie, ich bin 70 Jahre alt: Es tut inzwischen ganz schön weh, wenn ich hinfalle.

SPIEGEL ONLINE: In "Das Beste kommt zum Schluss" spielen Sie einen Todkranken. Fühlten Sie sich da manchmal auch an Ihr fortgeschrittenes Alter erinnert?

Freeman: Nein, das hatte eigentlich keinen Effekt auf Morgan, den Schauspieler. Das war wie alles andere auch: Von einer Klippe springen, ein Pferd reiten oder an einem Baum aufgeknüpft werden - es ist ein Film und du spielst eine Rolle. Showtime!

SPIEGEL ONLINE: Mit Verlaub: So ganz glauben mag man Ihnen das nicht.

Freeman: Es ist aber so: Alles nur Karneval! Man darf sich da einfach nicht zu ernst nehmen, das ist alles nur Schauspielerei. Ich weiß ja, worauf Sie hinauswollen: Ob ich durch die Rolle mehr über meine eigene Sterblichkeit nachdenke und so weiter. Aber warum zum Teufel sollte ich denn jetzt mehr über meine Sterblichkeit nachdenken als vor 30 Jahren?

SPIEGEL ONLINE: Nun, wie gesagt, wegen dieser Rolle...

Freeman: Ich bin immer noch in einer Phase meines Lebens, in der ich Sterben nicht für eine Option halte. Ich bin immer noch unbesiegbar!

Das Interview führte Andreas Borcholte

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