"V wie Vendetta" Gesichtsverlust für Hollywood

Wem bereits beim philosophischen Buhei von "Matrix" der Atem stockte, sollte jetzt tief durchatmen: Andy und Larry Wachowski haben den politischen Action-Comic "V wie Vendetta" fürs Kino adaptiert. Auch diesmal gibt es verquaste Systemkritik - und jede Menge Plattitüden.

Von Daniel Haas


In den "Matrix"-Filmen war er Agent Smith, ein verkniffener Gestapo-Mann, der in der digitalen Welt für Unrecht und Ordnung sorgte. Tausendfach dupliziert, stellte er dem Erlöser Neo nach, der ihn am Ende mit einer Mischung aus Metaphysik und Muskelkraft entsorgte. Hugo Weaving war das Gesicht vom Schläger Schmidt, und je mehr seiner virtuellen Klone über die Leinwand turnten, umso leerer wurde diese Visage. Am Ende war sie kaum mehr als ein Zeichen für die gesichtslose Masse selbst, Ikone der Gleichmacherei durch das System.

Fotostrecke

5  Bilder
"V wie Vendetta": Naivität mit System

Das System und wie man es loswird, das ist ein Leib- und Magenthema der Wachowski-Brüder, und dass sie die schwere Kost der Gesellschaftskritik, die sie in ihre Filme einspeisen, nicht einmal annähernd verdaut haben, beweist nach der Matrix-Trilogie auch ihr neuer, von James McTeigue inszenierter Film "V wie Vendetta". Weaving wird hier ebenfalls mit sich selber multipliziert bei gleichzeitiger Auslöschung: Als Action-Held V tritt er maskiert gegen ein Terrorregime an; zum Schluss wird das von ihm befreite Volk eben jene Maske tragen zum Zeichen, das in uns allen ein Nonkonformist versteckt ist.

Die Vorlage stammt von Alan Moore, dem die Wachowskis ihr Drehbuch schickten, worauf der Comic-Zeichner "Bullshit!" sagte und sich jegliche Assoziation mit dem Projekt verbat. Die Autoren hat es dennoch nicht an der Umsetzung gehindert. Die Geschichte ist einfach perfekt zugeschnitten auf das verblasen-allegorische Kalkül der Schreiber, die schon mit "Matrix" 2 und 3 demonstrierten, wie man simple Science-Fiction zum grotesken Ideen-Kino aufbläst.

Der Terrorist V, der in Anlehnung an den katholischen Verschwörer Guy Fawkes das englische Parlament in die Luft sprengen will, ist der neue Neo der Wachowskis. Das Unrechtssystem der Matrix wird ersetzt durch einen orwellschen Staatsapparat, der nach einem vorgetäuschten Virenattentat die Bürger vor sich selbst beschützt. Homosexuelle, Muslime und wer sonst noch als freies Individuum fungiert im Vendetta-Kosmos, werden gejagt und eingesperrt. Chef dieser Diktatur ist Kanzler Sutler (John Hurt); gemeinsam mit TV-Moderator Prothero (Roger Allam), seinem medialen Einpeitscher, und einem Rollkommando namens The Fingermen hält er das Land im Dornröschenschlaf der Unmündigkeit.

Wachgeküsst wird dieses Volk mit Attentaten von besagtem V und der schönen Evey (Natalie Portman), die sich von der artigen Beamtin zur Kämpferin im Sinead-O'Connor-Look mausert. Gemeinsam hausen die beiden in einem Londoner Kellergewölbe, eine Art Terror-WG, bestens ausgestattet mit jenen Kunstwerken, die V vor der staatlichen Zensur gerettet hat. Hier frönt der Maskenmann auch regelmäßig dem Genuss einer frühen Kinofassung des Grafen von Monte Christo, und so romantisch wie dessen Rachefeldzug ist auch das politische Programm des Films.

Mit Maske, ohne Profil

Auf der einen Seite ein eigentlich rechtschaffenes Volk, auf der andern eine Clique verführerischer Demagogen: An dieser Symmetrie ist so ziemlich alles schief. Dass Diktaturen nicht vom Himmel fallen, sondern in kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhängen entstehen, passt den Manichäern Andy und Larry Wachowski nicht ins Konzept. Lieber huldigen sie, wie auch in "Matrix", der naiven Idee vom schuldlosen Kollektiv, das ein Aggressor von außen zum falschen Leben im wahren zwingt.

In "V for Vendetta" wird die breite Masse von herzigen, vorm Fernseher sitzenden Familien präsentiert, die einen kritischen Scherz durchaus zu schätzen wissen. Da verulkt der schwule Entertainer Deitrich (Stephen Fry) in seiner Sendung die Regierung und alle schmunzeln wissend mit. Dieselben Leute werden später dem Vorbild Vs folgen und mit Guy-Fawkes-Maske auf die Straße gehen. Dass sie davor Teil eines Schuldzusammenhangs gewesen sein müssen, der Deportationen und Enteignungen duldete, dass sie etwas gehabt haben könnten vom staatlichen Terror, diese Frage taucht nicht auf.

Stattdessen darf V seine Schülerin in einen fiktiven Knast entführen und dort so lange foltern, bis sie reif ist für die Revolte. Wenn Evey, im Glauben, sie werde von Sutlers Schergen misshandelt, standhaft bleibt, findet der Film sein Modell für politische Erziehung. Strukturell wird aber dieselbe obszöne Logik bedient, mit der US-Serien wie "The Shield" und "24" operieren: Folter ist okay, der korrekte Zweck heiligt das inkorrekte Mittel. Dass derart jene Grundlagen der Rechstaatlichkeit untergraben werden, für die V angeblich ins Feld zieht, damit hat der Film kein Problem.

Die maskierte Menge, die im Finale den explodierenden Big Ben bestaunt, ist letztlich also ein Schreckensbild, kein Szenario der Befreiung. Die Revolution hat ein Gesicht, aber wie die Maske ist sie nur aufgesetzt. Nicht ein Gemeinwesen hat sich hier zur Freiheit ermächtigt, sondern ein Mob hat den besseren Showmaster erkannt. Gefolgt wird dem, der für Bombenstimmung sorgt.

Hugo Weaving musste erneut sein Gesicht verlieren - als Agent jener Matrix, in der zwei Filmschreiber ihre apolitische Naivität verwursten.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.