Vampir-Romanze "New Moon" Schmusegrusel für Sittenwächter

Keuschheit kommt an: Mit "New Moon", der schon jetzt enorm erfolgreichen Fortsetzung des Bestsellers "Twilight", hat Regisseur Chris Weitz den Wohlfühl-Blockbuster der Wintersaison abgeliefert. Zahnloser und blutärmer hat man Vampire allerdings selten auf der Leinwand gesehen.
Vampir-Romanze "New Moon": Schmusegrusel für Sittenwächter

Vampir-Romanze "New Moon": Schmusegrusel für Sittenwächter

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Fanhysterie, Andrang an den Kinokassen, Rekordergebnisse zum US-Start: Der zweite Teil der "Twilight"-Saga ist bereits jetzt ein kommerzielles und massenkulturelles Ereignis, an dem Kritiker verzweifeln könnten. Denn "New Moon - Bis(s) zur Mittagsstunde" muss sich herzlich wenig um feuilletonistische Einlassungen scheren, wenn Millionen von Teenagern ihr Taschengeld in die nächste Adaption von Stephenie Meyers Bestseller-Reihe investieren.

Dass die fortgesetzte Romanze zwischen der Schülerin Bella Swan (Kristen Stewart) und dem ewig jungen Vampir Edward Cullen (Robert Pattinson) einen derartigen Hype auslöst, dürfte indes nur medial Unterinformierte überraschen. Immerhin wurde die Erwartungshaltung des Zielpublikums strategisch geschickt durch zahlreiche boulevardeske Begleiterscheinungen, zuletzt sogar mit Gerüchten um eine tatsächliche Liaison der Hauptdarsteller, angeheizt.

Weit erstaunlicher ist dagegen die Tatsache, wie wenig der serielle Schmusegrusel für den Erfolg bieten muss: Einen lust- und zahnloseren Film über Vampire, eigentlich die potentesten Sexsymbole des Horrorgenres, sah man selten.

Hatte sich Regisseurin Catherine Hardwicke im Erstling "Twilight" noch souverän über die ausufernde Schmachtprosa Meyers hinweggesetzt und ein atmosphärisch dichtes, wehmütiges Pubertätsschauerstück serviert, bleibt die Inszenierung ihres Nachfolgers Chris Weitz ("Der goldene Kompass") ganz dem Keuschheitsgebot der Vorlage verpflichtet.

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Vampir-Romanze "New Moon": Kein Biss vor der Ehe

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So entsagt der handzahme Edward gleich zu Beginn seiner Bella, nachdem diese an ihrem achtzehnten Geburtstag beinahe dem Blutdurst eines noch nicht ausreichend domestizierten Mitglieds des Cullen-Clans zum Opfer gefallen wäre. Bald darauf verlassen Edward und seine Vampir-Wahlfamilie die verregnete Kleinstadt Forks im Nordwesten der USA und lassen eine vollends verzweifelte Bella zurück.

Kein Biss vor der Ehe

Ob ihres gebrochenen Herzens verfällt das Mädchen dem, was in Meyers moralinsaurer Vorstellung von Adoleszenz wohl als jugendlicher Leichtsinn gilt, etwa bei Fremden auf dem Motorrad mitzufahren. Bei der recht provinziellen Gefahrensuche Bellas erscheint der abwesende Edward zumeist als mahnendes Geisterbild, eine Art spiritistische Spaßbremse mit dem siebten Sinn für Unfallprävention.

Handfesten Halt findet Bella dagegen bei ihrem Jugendfreund Jacob Black (Taylor Lautner), der im nahen Reservat lebt und seine eigene übernatürliche Last zu tragen hat: Jacob gehört zu einer Gruppe von jungen Ureinwohnern, die sich - Testosteronstau sei Dank - bei passender Gelegenheit in riesige Werwölfe verwandeln. Die Rudelkollegen erkennt man im Film am nackten Oberkörper, dem feurigen Blick sowie den riesigen Muffins, die sie zum Frühstück verzehren.

Natürlich ist Jacob seit Jahren heimlich in Bella verliebt und ebenso selbstverständlich sind Werwölfe und Vampire schon immer Todfeinde. Nur so kann der Film schließlich das fatale Date-Dilemma Bellas illustrieren, als Edward plötzlich wieder in ihrem Leben auftaucht. Soll sie sich für den blassen Feingeist oder den kraftstrotzenden Naturburschen entscheiden? Wo die "Bravo" nur fünf Zeilen für eine Antwort bräuchte, benötigt "New Moon" allerdings gut zwei Stunden inklusive einem dramaturgisch gänzlich misslungenem Ausflug zu elitären Übervampiren, die in Italien den süßen Edward noch etwas untoter als ohnehin schon machen wollen.

Was eine schöne Parabel über die Flüchtigkeit der Jugend, die existentielle Angst vor Alter und Tod sowie das Grundrecht eines jeden Teenagers auf Trotz und Traurigkeit hätte werden können, gerinnt so unter der hilflosen Regie von Chris Weitz zur biederen Telenovela mit Spezialeffekten. Die beiden Galane Bellas messen sich dazu in schwülstigen Liebesbeweisen, die nicht einer unfreiwilligen Komik entbehren. Wenn etwa Jacob übermotiviert sein T-Shirt auszieht, um eine Kopfwunde Bellas abzutupfen, dann ist sein fotogenes Outing als Mitglied des Six-Pack-Stammes reinste Groschenheft-Romantik. Nicht minder penetrant sind die wertkonservativen Suaden Edwards, der in jeder gestanzten Zeile das Zölibat predigt: Kein Biss vor der Ehe, nicht mal Safer Saugen ist bei dem sittenstrengen "True Love Waits"-Verfechter drin.

Zu brav, um gut zu sein

Vielleicht lohnt wenigstens das Warten auf die schon abgedrehte dritte "Twilight"-Episode: Deren Regisseur David Slade hat mit seinem Thriller "Hard Candy" sowie dem Neo-Dracula-Reißer "30 Days of Night" immerhin Gespür für düstere Erzählungen bewiesen. Und noch davor kann man sich überzeugen, dass Chris Weitz' Bruder Paul mit seiner "Cirque du Freak"-Verfilmung ein ungleich lohnenderer Beitrag zum Vampirfilm gelungen ist - auch wenn sein humorvoller "Mitternachtszirkus" nicht annähernd die finanzielle Zugkraft von "New Moon" hat oder wie dieser eine Merchandise-Auswahl vom T-Shirt über das Schminkkästchen bis hin zum Regenschirm hervorbringt.

Zuschauer, denen Monster im Horrorfilm viel mehr als Mumpitz bedeuten, werden ohnehin Guillermo del Toros Meinung teilen. In einem aktuellen Interview mit dem "Tagesspiegel" sagte der Filmemacher, der in "Hellboy" und "Pans Labyrinth" so eindrucksvoll die emotionale Größe missverstandener Kreaturen zeigte, über "Twilight": "Ich will lieber eine Geschichte hören über ein Mädchen, das hässlich ist, und einen Vampir, der verwest. Wenn ich von einer Geschichte höre, in der ein wunderhübsches Mädchen, noch dazu Jungfrau, einen toll aussehenden Vampir kennenlernt, dann steige ich aus."

Das wirklich Phantastische und Widerständige aber hat keinen Platz in der Seifenoper von "New Moon", die viel zu brav ist, um gut zu sein. Manchmal ist der magische Mond halt doch nur ein großer, runder Käse. Und stinkt ziemlich.

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