Vampirromanze "Twilight" Bisschen mehr schmachten als sonst

Unsterblich lieben: Das geht am besten mit einem Vampir. Und wenn der auch noch so gut aussieht wie der Posterboy des Todes in "Twilight" - um so besser. Das Schönste aber: Die Verfilmung des Bestsellers von Stephenie Meyer erzählt gekonnt von den Leiden der Pubertät.


Sich unsterblich zu verlieben ist das bittersüße Privileg aller Teenager. Was aber, wenn die Leidenschaft einem Unsterblichen gilt? Antwort auf die Frage gibt die US-Autorin Stephenie Meyer in ihrem 2005 erschienenen Roman "Twilight", der die Romanze zwischen einer 17-jährigen Schülerin und einem ewig jungen Vampir schildert. Das Drama traf den Nerv einer vorwiegend heranwachsenden Leserschaft, die Meyers Buch samt Fortsetzungen zu millionenfachen Bestsellern machte.



Bei der populären Vorlage wundert es kaum, dass die erste Verfilmung aus dem Geschichtenzyklus in den USA zum Kassenerfolg wurde. Der deutsche Titel "Twilight – Biss zum Morgengrauen" mag nach Kalauer klingen, doch Regisseurin Catherine Hardwicke ist bei der Adaption keineswegs zu Scherzen aufgelegt: Mit Verve und großer Ernsthaftigkeit zieht sie ein überaus stimmiges Pubertätsschauerstück auf, in dem voller Lust geschmachtet, gelitten und selbstverständlich auch Blut gesaugt wird.

Dabei faszinieren die übernatürlichen Momente der Erzählung nicht als effektvolles Spektakel, sondern als Sinnbilder für das Gefühlschaos ihrer Helden. Himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt sein. Das sind in "Twilight" keine Redewendungen, sondern Daseinszustände im Wortsinn.

Von solchen Extremerfahrungen ahnt Isabella "Bella" Swan (Kirsten Stewart) erstmal nichts, als sie in die Kleinstadt Forks, Washington kommt. Aus dem heißen Phoenix ist das Scheidungskind in den chronisch verregneten Nordwesten der USA gezogen, wo ihr Vater Charlie (Billy Burke) als lokaler Polizeichef arbeitet.

An ihrer neuen Schule fällt die stille Bella in ein soziales Netz aus Cafeteria-Tratsch und Pausenhof-Flirts, aber mehr interessiert sie die kleine Gruppe außerordentlich blasser Jugendlicher, die stets auf Distanz zum gewöhnlichen Alltag der High School bleibt.

Es sind die Ziehkinder von Dr. Carlisle Cullen, unter ihnen der rätselhafte Edward (Robert Pattison). Bella fühlt sich zu dem Jungen mit den ungewöhnlichen Augen hingezogen, doch Edward lässt ihre zaghaften Versuche der Annäherung ins Leere laufen.

So braucht es erst einen dramatischen Unfall auf dem Schulparkplatz, um die beiden zusammenzubringen. Von der Schicksalhaftigkeit ihres Aufeinandertreffens überzeugt, kann auch Edward seine Gefühle nicht länger verbergen und enthüllt Bella ein Geheimnis, das Millionen Leser längst kennen: Wie alle Mitglieder seiner Wahlfamilie ist auch er ein Vampir, der unerkannt unter den Lebenden wandelt.

Das Bekenntnis im nebligen Wald ist der Beginn der Liebesgeschichte zwischen der Schüchternen und dem schönen Biest. Wobei die untote Familie Cullen eigentlich perfekte Schwiegersöhne und –töchter hervorbringt: Nicht nur sehen alle blendend aus, auch ernähren sie sich vorbildlich nur von Tierblut und zapfen keine arglosen Menschen an.

Juwel der Blutsaugerfamilie

Edward selbst verfügt über beeindruckende Kräfte sowie Spitzenmanieren, hat einen ausgeprägten Beschützerinstinkt und spielt nebenbei noch Debussy am Piano. Einen schöneren Posterboy des Todes gab es selten, und wenn die Sonne scheint, dann zerbröselt Edward nicht etwa zu Staub wie weiland Bela Lugosi oder Christopher Lee, sondern glitzert wie ein seltener Diamant im Tageslicht.

Weshalb sich die Cullens auch in diesem diesigen Landstrich niedergelassen haben, wo eh alle Teenager etwas weißer um die Nase zu sein scheinen und traurigschönen Düsterpop durch ihren iPod jagen. Es ist ein bisschen Grunge im Grünen, und für den jugendlichen Sturm und Drang dieses aus der Welt gefallenen Paars finden Hardwicke und Kameramann Elliot Davis betörende Bilder.

Wenn sich Edward und Bella durch den Nebel zu den Wipfeln der mächtigen Bäume aufschwingen, dann ist das so hübsch anzusehen, dass die Nebenplots um ein paar weniger freundliche Vampirkollegen, die durch Forks marodieren, eher stören. Entsprechend pflichtschuldig werden diese Handlungspunkte von der Regie abgehakt, denn viel lieber als dem mythologischen Mumpitz der Vampirmär widmet sich Catherine Hardwicke dem süßen Horror der Adoleszenz.

Wie schon im Teendrama "Thirteen" und der Skater-Saga "Lords of Dogtown" liest sie ohne Voyeurismus, dafür mit umso mehr Empathie in den Gesichtern ihrer jugendlichen Helden, die wahlweise vor Glück oder Herzschmerz erbeben. Und mit Kristen Stewart als Bella hat sie dazu eine wunderbar verhaltene Heldin, die neben dem designierten Schulmädchenschwarm Robert Pattison für die notwendige emotionale Erdung im Gothic-Märchen sorgt.

In seinen besten Momenten umarmt "Twilight" so den grandiosesten Kitsch mit eiskalten Händen und bringt Wahrhaftiges hervor: "Ich sterbe ja schon", erkennt Bella, da ihr in der Gegenwart des ewigen Dauerschülers Edward die eigene Vergänglichkeit bewusst wird.

Es ist die Erkenntnis eines Mädchens, das mit 17 Jahren bereits seiner verlorenen Jugend nachtrauert. Und so wie die unsterbliche Liebe, so bleibt auch diese dunkle, samtschwere Wehmut ein Privileg aller Teenager.



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