Vampirschocker "30 Days of Night" Bis das Blut gefriert

Däumchendrehen in Dunkelheit - was können die Bewohner einer Kleinstadt in Alaska im Winter schon anderes tun? Der Vampirfilm "30 Days of Night" hat da ein paar Ideen: Mit frischem Blut verwandelt er den Ort in eine schockgefrostete Szenerie des Grauens.

Einen Monat in Finsternis, umzingelt von gierigen Blutsaugern. Nein, "30 Days of Night" handelt nicht von einer eskalierenden Energiekrise, und ebenso wenig sind die Belagerer hier skrupellose Stromversorger: In der Comic-Adaption nutzen vielmehr buchstäbliche Vampire die andauernde Dunkelheit des Polarwinters, um eine Kleinstadt in Alaska zu überfallen. Das ist die bestechend simple Prämisse für den Horrorfilm von Regisseur David Slade, der vor allem auf zwei Dinge setzt: Unbedingten Stilwillen und Tonnen von Schnee.

Letzterer hat die Gemeinde Barrow bereits fest im Griff, als die letzten Flüge vor Anbruch der langen arktischen Nacht den kleinen Ort verlassen. Die verbliebenen Bewohner richten sich derweil aufs Däumchendrehen in Dunkelheit ein, darunter auch Sheriff Eben Oleson (Josh Hartnett), der passend zu den düsteren Aussichten mitten in einer Ehekrise steckt. Während seine Noch-Gattin Stella (Melissa George) das Flugzeug in die Zivilisation verpasst, muss sich Oleson mit ungewöhnlichen Vorfällen beschäftigen: Jemand tötet sämtliche Schlittenhunde, vor der Stadt findet sich ein Scheiterhaufen aus unbrauchbaren Mobiltelefonen und ein verwahrloster Durchreisender (Ben Foster) erschrickt Kneipengäste mit kryptischen Warnungen vor dem, was aus der Kälte auf Barrow zukommt.

Nämlich eine Gruppe untoter Draculaadepten, die auf Geheiß ihres Anführers Marlow (Danny Huston) systematisch alle Kommunikations- und Transportmittel zerstören, nur um dann das isolierte Dörfchen gleich einem übervollen Kühlschrank mit menschlichem Inhalt zu plündern.

So beginnt alsbald das blutige Treiben vor schneeweißer Kulisse, doch im allgegenwärtigen Hauen, Stechen und Beißen kann sich eine Handvoll Einwohner mit dem Sheriff und seiner Gattin im Speicher eines verlassenen Wohnhauses verstecken. Rettung verspricht aber lediglich der nächste Sonnenaufgang, was für die Überlebenden 30 Tage im eiskalten Existenzkampf bedeutet.

Stilvolles Schaudern im Schnee

Dabei lässt der existentialistische Survival-Schrecken zwei unterschiedliche, letztlich verzerrt gespiegelte Gemeinschaften gegeneinander antreten. Auf der einen Seite steht das physische Primat der ungleich stärkeren Untoten, die rücksichtslos ihren eigenen Fortbestand sichern. Dieser protofaschistischen Körperideologie kann sich das fragile Menschengrüppchen nur widersetzen, wenn die Solidarität unter den Schwächeren nicht der inhumanen Logik des "Survival of the Fittest" geopfert wird. So war es schon im 2002 veröffentlichten Bilderroman von Steve Niles und Ben Templesmith, die mit ihrer grafisch expliziten Mär frisches Blut in die anglo-amerikanische Schauertradition brachten.

Die elegante Garstigkeit der Vorlage ist sichtlich ein Fest für den ehemaligen Werbefilmer David Slade, der erst im vergangenen Jahr sein Spielfilmdebüt mit dem ebenso virtuos inszenierten wie ebenso kontrovers diskutierten Selbstjustizthriller "Hard Candy" gab. Gemeinsam mit Kameramann Jo Willems friert er die Farben förmlich ein und setzt im fahlen Licht Schlüsselszenen des Comics in virtuose Bewegung. Und ohne Frage hat seit John Carpenters formal eindrucksvollem Remake von "The Thing" (1982) kein US-Horrorfilm so effektiv eine Schneelandschaft als Schauplatz für Scheußlichkeiten genutzt.

Gelungen ist in diesem von Genreliebling Sam Raimi produzierten Reißer auch die Rehabilitation der Vampire, neben der fast fühlbaren Kälte schließlich die Gänsehautgaranten der Geschichte: Befreit vom barocken Pomp solcher Hollywood-Albernheiten wie "Van Helsing" (2004) sind die Nachtwandler in "30 Days of Night" wieder rastlose Botschafter des Todes, getrieben vom Hass auf die Lebenden und der Tragik eines unstillbaren Verlangens. Da stört es auch überhaupt nicht, dass Danny Huston als neuer Nosferatu in schwarzem Wollmantel und weißem Oberhemd bisweilen wie ein extrem mies gelaunter Wiedergänger von "Pet Shop Boys"-Sänger Neil Tennant durch menschenleere Straßen streift.

Eine kalte Pracht

Das sterbliche Personal bleibt hingegen nicht nur aufgrund der Minusgrade blass, was auch an Josh Hartnetts seit jeher eher jenseitigen Schauspielfähigkeiten liegen mag: Sein anämischer Held sieht zweifellos gut aus, aber die verzweifelte Entscheidung für das Gute glaubt man ihm nicht. In den konventionellen Schicksalsmomenten des Films offenbaren sich denn auch die symptomatischen Schwachstellen einer Erzählung, die trotz aller Liebe zum düsteren Detail nicht in die Abgründe der menschlichen Befindlichkeit vorstoßen will oder kann. Ungeachtet der Analogien zwischen Jäger und Gejagten bleibt der Vampir deshalb im Comic wie im Film draußen vor der Tür, während sich die Menschheit drinnen an ihren Gewissheiten wärmt.

Allerdings ist dies ein universelles Problem der Anglo-American Gothic, die das dämonisierte Fremde schon immer ausgrenzen musste. Das sich auch vermeintliche Horrorstandards weitaus radikaler, verstörender und politischer interpretieren lassen, beweisen derweil erneut die Japaner – wer vom Comic "30 Days of Night " begeistert war, sollte als Gegenentwurf einmal den formidablen Manga "Der Lachende Vampir" von Suehiro Maruo lesen.

Was dennoch bleibt, sind die unstrittigen Verdienste dieses Films um Atmosphäre und Ästhetik. So wird das schockgefrorene Grauen zu Recht die Herzen vieler gebeutelter Genrefreunde erwärmen, auch wenn die emotionalen Gehversuche auf der makellosen Oberfläche eher kalt lassen.