"Van Gogh"-Film mit Willem Dafoe Mit den Augen eines Verzweifelten

Zigfach ist Vincent van Gogh in Filmen porträtiert worden. Doch Julian Schnabels "Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit" erzählt nicht von dem Maler, er blickt durch seine Augen in die Welt - unser Film der Woche

Von Britta Schmeis


Hastig folgt der Blick des Betrachters einer taumelnden, irrenden Gestalt einen Weg entlang, Sonnenstrahlen brechen sich durch das Blattwerk der Pappeln am Wegesrand. Alles ist in warmes Licht gehüllt, doch das Bild ist verschwommen, unscharf, kippt immer wieder. Dann wieder fängt die Kamera ganz dicht und klar die Texturen von Steinen, Pflanzen, Insekten ein oder schwenkt in die Weite des Horizonts.

Und immer wieder richtet sich der Fokus das Gesicht dieses Mannes, verharrt in seinen tiefblauen Augen, den Furchen und Falten, dem verzweifelten Blick. Es sind die Augen von Vincent van Gogh, eines suchenden, wandelnden, entfesselten Künstlers, durch die wir gleichzeitig in die Ferne und in seine Seele schauen können.

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"Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit": Endlich Licht

Später einmal wird Paul Gauguin (Oscar Isaac) seinen Künstlerfreund van Gogh für sein hastiges, suchendes Arbeiten kritisieren. Er übermale seine Bilder so häufig, dass sie irgendwann mehr einer Skulptur denn einem Gemälde gleichen würden. Genau diese Technik greift Julian Schnabel, der selbst als Maler bekannt ist und sein Filmdebüt 1996 mit dem Künstlerporträt "Basquiat" gab, in "Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit" auf: Er legt Schicht über Schicht, streut Fetzen ein, wischt sie wieder weg. Damit spiegelt er die manische Arbeitsweise des Post-Impressionisten - mal subtil, mal überdeutlich, aber immer fesselnd.

Dieser Himmel, diese Farben

Ähnlich hatte Schnabel schon 2007 die Memoiren "Taucherglocke und Schmetterlinge" von Jean-Dominique Bauby inszeniert. Bauby litt nach einem Hirnschlag am sogenannten Locked-in-Syndrom und konnte nur noch ein Augenlid bewegen. Aus dem begrenzten Sichtfeld seiner Hauptfigur drehte Schnabel einen Großteil seines Films und visualisierte damit schmerzlich real das Empfinden des Protagonisten, die nahezu absolute Ausgeschlossenheit von der Außenwelt.

Auch bei van Gogh interessiert sich Schnabel für die subjektive Wahrnehmung der Figur, nicht für die ohnehin bekannten biografischen Daten. Das haben viele andere vor ihm getan, 1956 Vincente Minnelli etwa mit Kirk Douglas als van Gogh oder 2010 Andrew Hutton in "Van Gogh - Painted with Words" mit Benedict Cumberbatch. Zuletzt hatte es mit "Loving Vincent" sogar einen Animationsfilm gegeben, eine komplett in van Goghs Stil gemalte Filmografie.


"Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit"
Frankreich 2018

Regie: Julian Schnabel
Drehbuch: Julian Schnabel, Louise Kugelberg, Jean-Claude Carrière
Darsteller: Willem Dafoe, Rupert Friend, Oscar Isaac, Mads Mikkelsen, Mathieu Amalric
Produktion: Iconoclast
Verleih: DCM Filmdistrubition

Länge: 111 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 18. April 2019


Schnabel, der zusammen mit Jean-Claude Carrière und Louise Kugelberg auch das Drehbuch schrieb, konzentriert sich auf die Schaffensweise der letzten zwei Jahre des Malers. Es sind die Jahre des Scheiterns in dem grauen, kalten und blasierten Paris und van Goghs darauffolgender Flucht nach Arles in der Provence - finanziell unterstützt von seinem ihm innig verbundenen Bruder Theo (Rupert Friend).

Auch da findet er zunächst Unterschlupf in einem kalten zugigen Zimmer, und auch dort trifft er auf Unverständnis bis hin zur Ausgrenzung. Doch als es wärmer wird, findet er in der Landschaft, in der gleißenden Sonne, dem blauen Himmel, den satten Farben, das Licht, das er für seine Kunst braucht - jeder kennt die Sonnenblumen- und Landschaftsgemälde, die in dieser Schaffensperiode entstanden sind.

Zum Malen geboren

Benoît Delhomme fängt die Suche mal mit extremem Weitwinkel, mal mit nervöser Handkamera ein, folgt van Gogh, wie er mit der Staffelei auf dem Rücken und dem Strohhut auf dem Kopf durch die Landschaft stapft. Das ist haarscharf am Kitsch, doch lässt Schnabel Bilder der Tristesse dagegen schneiden, etwa von kalten, grauen Ruinen, in denen sich van Gogh verzweifelt windet.

"Ich betrachte mich als einen Menschen im Exil", sagt der Maler im Gespräch mit einem Priester (Mads Mikkelsen). Es ist eine Schlüsselszene, in der der Geistliche - selbst voller Unverständnis - herausfinden will, warum van Gogh glaubt ein Maler zu sein. Er sei zum Malen geboren, sagt van Gogh und ergänzt später in einem der vielen Voice-over: "Vielleicht hat Gott mich zu einem Maler für Menschen gemacht, die noch nicht geboren sind."

Das hat, ebenso wie sein Verständnis von Natur, etwas Sublimes und ist als christliches Heilsversprechen auch als hübsche Reminiszenz an Dafoes großartige Darstellung in Scorseses "Die letzte Versuchung Christi" von 1988 zu verstehen.

Im Video: Der Trailer zu "Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit"

Zwar ist Dafoe mit seinen inzwischen 63 Jahren sehr viel älter als van Gogh überhaupt wurde, er starb mit 37 Jahren unter mysteriösen Umständen. Doch macht er mit seiner verletzlichen Vitalität Schnabels eindringlich-ungewöhnlichen und wunderschönen Blick auf den Maler und dessen Schaffen überhaupt erst möglich.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
taglöhner 18.04.2019
1. Stille Kunst
Was ich an Snippets bisher gesehen habe, empfand ich als sehr gewollt bedeutungsgeladen und verkitscht. Ich glaube, den spare ich mir. Ob dieses Werk nach Kirk Douglas nötig war?
sekundo 19.04.2019
2. So mach ich das
Zitat von taglöhnerWas ich an Snippets bisher gesehen habe, empfand ich als sehr gewollt bedeutungsgeladen und verkitscht. Ich glaube, den spare ich mir. Ob dieses Werk nach Kirk Douglas nötig war?
auch mit Büchern. Ich blättere, lese willkürlich kurze Abschnitte (Verzeihung, Snippets) und bilde mir so ein Bild und eine relevante Meinung, die ich dann hier zum besten gebe. Ob der Beitrag von "taglöhner" nötig war?
decathlone 19.04.2019
3. "Loving Vincent"
Ich kann diesen Film nur wärmstens empfehlen. Die Welt, in den Farben und der Bewegung, wie van Gogh sie wahrgenommen hat. Eine phantastische Animation.
toninotorino 16.05.2019
4.
Ein Film, der mich mit Sicherheit interessiert. Van Gogh. Für mich einer der Größten. Hatte das Glück in Basel eine große Ausstellung seiner Bilder zu sehen. Fantastisch! Willem Dafoe als Vincent van Gogh? Das kann nicht schlecht sein.
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