"Vatel" Großes Spektakel

Endlich ein passender Film, um das größte Filmfest der Welt zu eröffnen: In Roland Joffés "Vatel" geht es um Überfluss, Intrige, Hybris, Betrug, Lust, Geld und Manipulation. "Wundervoll angemessen für Cannes", meint der Regisseur.
Von Stephen Locke

Der Fortschritt ist auch in Cannes nicht aufzuhalten. Der altehrwürdige Kinokomplex Les Ambassades auf der Rue d'Antibes musste unlängst einem riesigen neuen fnac-Warenhaus weichen, was dann auch gleich mit Artisten und Feuerwerk gefeiert wurde. Als Ersatz wurde ein brandneuer Kinosaal eingeweiht, der wie so manches hier zum Festivalbeginn noch kurz vor der Fertigstellung steht. Auch die Akkreditierungshallen für Journalisten sind noch nicht gestrichen, der Boden ist mit provisorischen Plastikplanen überzogen. Dass dies hier niemanden zu stören scheint, macht allerdings auch einen Teil des Charmes der ganzen Veranstaltung aus.

Roland Joffés monumentales Historien-Epos "Vatel", der außer Konkurrenz gezeigte Eröffnungsfilm des Festivals, wurde natürlich fernab aller Baustellen im Theatre Grand Lumiere gezeigt. In der französisch-britischen Gemeinschaftsproduktion geht es um Überfluss, Intrigen, Hybris, Betrug, Lust, Geld und Manipulation. "Wundervoll angemessen für Cannes," kommentierte der bei der Vorführung anwesende Regisseur hintersinnig seinen Film.

Im Jahre 1671 lädt der Prinz de Condé (Julian Glover), einst bester Soldat der Grande Nation, doch nun überschuldet und verkommen, den Sonnenkönig Louis XIV. (Julian Sands) auf Schloss Chantilly ein, wo er durch extravagante Festivitäten die Gunst des Souveräns gewinnen und dessen Geldbörse lockern will. Zu diesem Zweck setzt Condé seinen besten Mann ein: François Vatel (Gérard Depardieu), sein treuer Diener, hat sich durch Perfektionswahn und Ideenreichtum zum unentbehrlichen Gestalter der Feierlichkeiten hochgearbeitet. Für jeden Tag ersinnt er einmalige Veranstaltungen, für jede drohende Katastrophe fällt ihm eine passende Lösung ein. An Desastern mangelt es mithin nicht, zumal der zu Besuch kommende Herrscher von der Königin, mehreren Mätressen, seinem nach jungen Knaben gierenden Bruder und dem bösartigen Lauzun (Tim Roth) begleitet wird. Die schöne Anne de Montausier (Uma Thurman) wird sowohl vom König als auch von Lauzun begehrt, verliebt sich aber letztlich in Vatel. Mit Hilfe seiner neuen Gefährtin merkt der treue Vasall schnell, dass er nicht Meister sondern Sklave der Festivitäten und des dekadenten Adels ist. Das absehbare, böse Ende bleibt nicht aus.

Der 38 Millionen Dollar teure, in englischer Sprache gedrehte Film lebt von der Ausstattung, dem Überfluss der Produktion, und lebt fast zu gut davon, denn man wird von den Festivitäten, Spielen, Intrigen und Liebschaften schier erschlagen. Gérard Depardieu, großer Schauspieler, der er ist, bleibt merkwürdig blass als Vatel und wirkt, als müsste er sich ständig zurücknehmen. Vielleicht liegt es daran, dass er Englisch reden muss, was ohnehin merkwürdig anmutet in einem Kostümdrama um die französische Geschichte. Da können sich Julian Sands, Tim Roth, Julian Glover und Uma Thurman schon mit größerem Erfolg austoben. Allgemein fehlen dem Kostümfilm jedoch die Ruhepausen, die intimeren Augenblicke und vor allem die Identifikationsmomente mit dem Helden. Es bleibt ein großes Spektakel, schön fürs Auge, doch großenteils am Herzen vorbei.