Venedig Tagebuch Lang, lang ist's schwer

Ein merkwürdig unemotionaler Wettbewerb geht zu Ende, endlich gibt es saubere Toiletten, freut sich Venedig-Korrespondent Daniel Sander. An der Filmfront ist vor allem Sitzfleisch gefragt, die Regisseure liefern sich ein Duell der Filmlängen.


Erst morgen werden die Preise verliehen, doch schon jetzt leert sich der Lido, und das hat durchaus seine Vorteile. Mehr Beinfreiheit während der Filmvorführungen zum Beispiel, oder freie Platzwahl auf der Sonnenterasse des gediegenen Excelsior Hotels, für den optimalen Blick aufs Mittelmeer. Das schönste allerdings sind die deutlich saubereren Toiletten auf dem ganzen Festivalgelände. Mittlerweile klebt man dort selbst am späten Abend, lange nach der letzten Reinigung, nicht mehr mit den Schuhen am Boden fest

Eine tolle Sache, denn die Waschräume sind wichtige Horte der Zuflucht, um sich mit dringlichem Vorwand wenigstens für ein paar Minuten aus dem täglichen Zweieinhalb-Stunden-Filmopus zu stehlen. Nichts gegen lange Filme und gedrosseltes Erzähltempo, doch in diesem Jahr kommt einem schon jeder Wettbewerbsbeitrag unter zwei Stunden Länge wie ein Kurzfilm vor. Den aktuellsten Anschlag auf das cineastische Sitzfleisch hat der russischen Regisseur Nikita Mikhalkov mit "12" zu verantworten.

Dessen Remake von Sidney Lumets Klassiker "Die zwölf Geschworenen" bringt es auf stolze 153 Minuten, fast eine Stunde länger als das Original, womit er allerdings immer noch hinter den Beiträgen von Andrew Dominic (155 Minuten) und Ang Lee (156 Minuten) liegt. Das Problem bei "12", in dem eine Runde höchst unterschiedlicher Geschworener über das Schicksal eines mutmaßlichen Mörders entscheiden muss, ist der Umstand, dass einem schon die erste halbe Stunde dreimal so lang vorkommt. Es wird geredet und geredet, in allen schauspielerischen Facetten, aber was alles gesagt wird, erscheint dann doch nicht gerade übermäßig interessant.

Etwas weniger Zeit als sein russischer Kollege braucht Experimentalfilm-Guru Peter Greenaway für seinen kunsthistorischen Krimi "Nightwatching". In 134 Minuten versucht er die Geheimnisse um Rembrandts legendäres Werk "Nachtwache" zu deuten, schmiedet krude Theorien, was welches Detail zu bedeuten hat, und findet dafür eine für Greenaway-Verhältnisse fast schon konventionelle Erzählform, die es dem Zuschauer indes auch nicht sehr leicht macht, der Flut an Gedanken zu folgen. Bei den üppigen, grandiosen Bildern, die Greenaway und sein Kameramann Reinier van Brummelen für ihre Ideen finden, dürfte das aber wenigstens den Fans klassischer Malkunst wenig ausmachen.

Viel bewundert, wenig geliebt

Dafür gab es in Venedig freundlichen Applaus, ganz im Gegensatz zum dritten italienischen Beitrag "L’ora di punta" von Vincenzo Marra, dem bei der heutigen Vorführung nicht mal vereinzeltes, mildes Klatschen vergönnt war. Stattdessen gab es böse Pfiffe und wütendes Zischen, was ein bisschen gemein war, denn in dem Film über einen kleinen und skrupellosen Finanzbeamten auf dem Weg nach oben, spielt immerhin die große Fanny Ardant eine Nebenrolle, und schon diese Tatsache rettet eigentlich jedes Werk vor dem totalen Desaster. Sonst gibt es allerdings wirklich nicht viel Erfreuliches über "L’ora di punta" zu berichten. Glatt und uninspiriert schleppt sich der Film von Sprosse zu Sprosse auf der Karriereleiter des Filippo Costa. Dabei möchte wohl niemand einem derart schmierigen Unsympathen zuviel seiner Zeit schenken, auch wenn es in diesem Fall nur erfrischende 96 Minuten sind.

Ein merkwürdig unemotionaler Wettbewerb geht morgen in Venedig zu Ende, kaum ein Film hat es geschafft, einhellige Begeisterung auszulösen, vieles wurde bewundert, wenig wurde geliebt. Als Favorit auf den Goldenen Löwen gilt allgemein das sensible französisch-arabische Generationenporträt "La Graine et le mulet" von Abdellatif Kechiche, wobei auch hier nicht jeder Zuschauer die 151 Minuten Laufzeit durchgehalten hat. Wenn es mit dem Hauptpreis nicht klappt, könnte wenigstens noch eine Ehrung für Hafsia Herzi als beste Darstellerin herausspringen. Die hätte genauso sehr Cate Blanchett für ihre Bob-Dylan-Interpretation in "I’m not there" verdient, woraus aber wohl nichts wird, weil sie sich nicht in Venedig hat blicken lassen und stattdessen ausgerechnet beim ungeliebten Konkurrenzfestival in Rom nächsten Monat erwartet wird.

Vielleicht geht der goldene Löwe für den besten Film auch an den packenden Irakkrieg-Kommentar "Redacted" von Brian de Palma, der hat hier ziemlich viele Fans.

Und das, obwohl er nur 90 Minuten lang ist. Oder deshalb.



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