Streaming-Revolution bei Kinofilmen Vernetflixt

In Hollywood bahnt sich eine Video-on-Demand-Revolution an: Schon bald könnten Blockbuster parallel zum Kinostart als Stream erscheinen. Die Folgen dürften verheerend sein.

Las Vegas, 29. März. Christopher Nolan hatte gerade erste Szenen aus seinem neuen Film "Dunkirk" über die berühmte Schlacht im Zweiten Weltkrieg gezeigt, als er selber zum Angriff überging. "Die einzige Plattform, über die ich zu sprechen bereit bin, ist das Kino", sagte Nolan. "Dunkirk" werde den Zuschauern das Gefühl vermitteln, mitten drin zu sein im Geschehen - "und das erreicht man nur im Kino."

Die Besucher der Fachmesse CinemaCon horchten auf. Mit diesen Worten hatte sich Nolan nicht nur gegen das Filmegucken per Stream ausgesprochen - sondern auch gegen die Marketing- und Vertriebschefin seines Hausstudios Warner Bros. Sue Kroll hatte wenige Minuten vor Nolan noch dafür plädiert, die Frist zwischen Kino- und Streaming-Start zu verkürzen. "Der Geschmack der Konsumenten ist im Wandel begriffen", sagte Kroll, "und das verändert auch unser Geschäftsmodell."

Christopher Nolan auf der CinemaCon 2017

Christopher Nolan auf der CinemaCon 2017

Foto: Chris Pizzello/ AP

Es ist ein symptomatischer Streit, den Nolan und Kroll hier austrugen, einer, der in der ganzen Branche tobt und überall tiefe Gräben aufreißt. Grob gesagt stehen sich dabei sogenannte Video-on-Demand-Dienste (VoD) wie Netflix oder Amazon, die das traditionelle Studiomodell in Hollywood bedrängen, und namhafte Filmemacher wie James Cameron, Todd Philips (Regisseur der "Hangover"-Filme) und eben Christopher Nolan gegenüber. Worüber sie streiten? Über nichts weniger als die Zukunft des Kinos. Die nahe Zukunft.

Alles - und zwar sofort

Tatsächlich haben die Streamingdienste die sofortige Bedürfnisbefriedigung unter Filmbegeisterten in den vergangenen Jahren sorgfältig kultiviert: Erst führte Netflix das Bingewatching ein, indem es ganze Staffeln auf einmal zur Verfügung stellte; dann fing es an, seine Filmeinkäufe parallel im Kino und als Stream anzubieten. Oder nur als Stream.

Vom Teaser auf YouTube zum kompletten Film in zwei Klicks, das hat Sehgewohnheiten verändert. Immer mehr Fans wollen nicht mehr Wochen oder gar Monate auf die Heimvideo-Veröffentlichung der neuesten Comic-Verfilmung, der x-ten Action-Fortsetzung oder eben des jüngsten Christopher-Nolan-Films warten - die man womöglich dank immer kürzerer Laufzeiten im Kino verpasst hat oder sich dank sprunghaft steigender Ticketpreise nicht mehr leisten kann.

Szenenbild aus "Dunkirk" ("Dünkirchen") von Christopher Nolan

Szenenbild aus "Dunkirk" ("Dünkirchen") von Christopher Nolan

Foto: Warner Bros.

Kollektiverlebnis Kino gegen individualisierten Filmkonsum: Mit der Einführung des Videorekorders brannte diese Debatte vor vierzig Jahren das erste Mal auf. Doch stets wusste sich die Filmindustrie den Wandel zunutze zu machen. Videotheken brachten eine neue Generation von Film-Nerds hervor, und mit der DVD tat sich in den Neunzigern ein enormer neuer Markt für die Filmstudios auf, die nun an den Sommer-Blockbustern im Weihnachtsgeschäft erneut verdienen konnten.

In der Todesspirale

Doch mit der Verkürzung der Wartezeit zwischen Film- und DVD-Start begannen die Studios mit der Sabotage einer ihrer eigenen Einnahmequellen, denn sie ließen ihre Filme immer kürzer in den Kinos spielen - eine "Todesspirale", wie "Slate" bereits 2005 befand, als das Geschäftsmodell von Netflix noch auf dem DVD-Mietversand fußte und Videostreaming Jahre in der Zukunft lag. War 2012 noch eine Spanne von neun Monaten üblich, vergehen mittlerweile nur noch zwei bis drei Monate zwischen Kinostart und Streaming-Premiere.

Doch der Wandel ist noch weitreichender. Nicht nur guckt eine jüngere Generation zunehmend Filme auf Handy- und Computerbildschirmen: Mit der Abwanderung großer Filmtalente ins Fernsehen sind hier inzwischen auch die Geschichten vom Kaliber großen Arthouse-Kinos zu Hause, das man zwischen den Mega-Spektakeln im Multiplex kaum noch findet. "Im Kabelfernsehen und bei den Streamingdiensten kann man interessante Geschichten erzählen, hier werden noch Risiken eingegangen", sagte ausgerechnet "Transformers"-Produzent Lorenzo di Bonaventura gegenüber dem Branchenblatt "Variety". "Dort spielt inzwischen die Musik."

Und dort häufen sich die Einnahmen: Trotz eines Umsatzrekords von 11,4 Milliarden Dollar an den amerikanischen Kinokassen 2016 sind seit 2004 nicht nur die Zuschauerzahlen, sondern auch DVD-Einnahmen im Verfall begriffen. Unterdessen ist der Umsatz von VoD- und Online-Inhalten seit 2011 um 71 Prozent angestiegen. Die Studios suchen also nach Wegen, ihre Pfründe zu sichern.

Sean Parker

Sean Parker

Foto: ? Robert Galbraith / Reuters/ REUTERS

Aber Hollywood ist zutiefst gespalten im Hinblick auf eine Defensivstrategie. Einerseits möchte man an der Magie (und dem lukrativen Spektakelwert) des Kinos festhalten, andererseits den Anschluss an den boomenden Streamingmarkt nicht verpassen. Umso verunsicherter reagierte die Branche, als Napster-Gründer Sean Parker seinen "Screening Room" auf der CinemaCon 2016 vorstellte, ein Modell, nach dem man Hollywoods neueste Produktionen schon am Tag des Kinostarts daheim gucken können soll. Voraussetzungen für dieses "Premium Video on Demand"(PVoD)-Erlebnis: Eine Settop-Box für 150 Dollar und eine 48-Stunden-Mietgebühr von fünfzig Dollar - und die Beteiligung der Verleiher, die indes noch aussteht.

"Der Anfang vom Ende"

Halb Hollywood schlug die Hände über dem Kopf zusammen. "Das wäre das Anfang vom Ende", zitierte die Branchen-Webseite "Deadline Hollywood" einen anonym bleiben wollenden Studiomanager. "Die Hälfte aller Kinos im Land würden schließen." Aber Parker konnte auch einige prominente Namen auf seiner Seite versammeln, darunter Martin Scorsese, Peter Jackson und Steven Spielberg.

Letzterer hatte bereits 2013 bei einem Event an der Filmschule der University of California eine Kinozukunft skizziert, die große Blockbuster zu Eventveranstaltungen aufwerten würde, samt Eintrittskarten für bis zu 150 Dollar. Und mit Prima Cinema gibt es bereits einen PVoD-Service, den die "New York Post" als "Netflix für Milliardäre" bezeichnete: Nach der Installation einer 35.000 Dollar teuren Anlage kann der Kunde für eine Leihgebühr von 500 Dollar ausgewählte neue Filme schon wenige Wochen nach dem Filmtheater-Start in seinem Heimkino gucken.

Aber auch die große Masse soll nach der Vorstellung vom Warner Bros.-Chef Ken Tsujihara künftig noch früher als bisher Hollywoodproduktionen auf der heimischen Couch goutieren können: Im Februar brachte Tsujihara ein Fenster von 17 Tagen zwischen Film- und VoD-Start ins Gespräch, bei einer anfänglichen Mietgebühr von 50 Dollar.

Und er ist nicht allein mit seinem Vorstoß: Fünf der sechs großen Hollywoodstudios verhandeln derzeit mit den Kinoverbänden über eine Verkürzung der Frist zwischen Box-Office-Debüt und Streaming-Verfügbarkeit. Allein Disney bleibt den Gesprächen vorerst fern - wohl, weil man in dem Studio keine Zweifel hat, dass das Publikum den nächsten Marvel-Knaller und die neueste " Star Wars"-Episode im Kino und nicht auf dem Handy sehen möchte.

Tarantino und Bigelow melden sich zu Wort

Diskutiert werden zwischen den Studios und den Theaterbetreibern zurzeit reduzierte Spannen von 30 bis 45 Tagen und Premium-Mietgebühren von 30 bis 50 Dollar. Uneinig ist man sich außerdem, ob man sämtliche Neuveröffentlichungen oder bloß ausgewählte Filme frühzeitig zum Streamen verfügbar machen soll.

Dass sich die Kinobesitzer überhaupt auf Gespräche einlassen, ist dem Angebot der Studios zu verdanken, sie an den Einnahmen aus den Premium-Gebühren zu beteiligen. Denn die Sorge der Filmtheaterleiter wie auch einiger namhafter Filmemacher ist, dass der Kinobesuch mit einer weiteren Fristverkürzung immer unattraktiver wird. "Warum in aller Welt sollte man den Zuschauern einen Anreiz geben, die höchste und beste Form des Films zu überspringen?", fragte eine Gruppe einflussreicher Hollywood-Kreativer, darunter Quentin Tarantino, Roland Emmerich und Kathryn Bigelow in einem offenen Brief an die Studios. Das war 2011, nach einem Vorstoß der Studios, die Frist bis zum Videostart auf 60 Tage zu reduzieren.

Fion Whitehead in "Dunkirk"

Fion Whitehead in "Dunkirk"

Foto: Warner Bros./ Melinda Sue Gordon

Inzwischen allerdings scheinen die Stimmen der Opposition leiser geworden zu sein, Hollywood-Manager sprechen sich - wenn überhaupt - nur anonym gegen eine bloße Monatsfrist zwischen Film- und VoD-Start aus. Wohl, weil diese Entwicklung wirtschaftlich unvermeidlich erscheint.

So bleibt es an Christopher Nolan, seine Stimme für das Kino zu erheben. "Ich möchte Ihnen allen dafür danken, was Sie über die Jahre für mich getan haben", schloss er seine Präsentation auf der CinemaCon. "Mein Glück hängt davon ab, und ich verlasse mich darauf, dass Sie alles daran setzen werden, diesen Film auf bestmögliche Weise zu zeigen".

"Dunkirk" kommt am 21. Juli in die US-Kinos, sechs Tage später in die deutschen. Der VoD-Start: noch ungewiss.

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