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13. März 2002, 10:15 Uhr

"Viel passiert - Der BAP-Film"

Als der Rock'n'Roll nach Deutschland kam

Von Oliver Hüttmann

Nach "Buena Vista Social Club" hat Wim Wenders erneut eine Musikdokumentation fürs Kino gedreht. In "Viel passiert ­ Der BAP-Film" erzählt Wolfgang Niedecken von seiner Sozialisation zum Rockmusiker und spiegelt damit auch bundesrepublikanische Historie wider.

Filmszene aus "Viel passiert": Plötzlich wohliges Verständnis für Wolfgang Niedecken
DPA

Filmszene aus "Viel passiert": Plötzlich wohliges Verständnis für Wolfgang Niedecken

Verdammt lang her, dass man über BAP nachgedacht hat. Und beim ersten Gedanken daran bezweifelt man, ob so viel passiert sein kann seither. Und tatsächlich: Wenn Wim Wenders "Viel passiert - Der BAP-Film" vorüber ist, hat man den Eindruck, dass auch die Geschichte dieser Kölner Mundart-Rockband irgendwo Anfang der Neunziger aufgehört hat. Der Rest zehrt von der Legende.

Nach den alten Männern vom "Buena Vista Social Club" also nun der halb so alte Wolfgang Niedecken. Ein direkter Vergleich mit der lässigen Lebensfreude der kubanischen Musikanten greift aber nicht: Mit der getragenen Stimme eines Märchenonkels leitet Niedecken durch ein Programm, das von der Nostalgie und Nachdenklichkeit eines narrativen Konzepts geprägt ist. Wim und Wolfgang haben aus dem BAP-Repertoire jene Songs ausgewählt, in denen sich die Band-Historie ebenso widerspiegelt wie bundesrepublikanische Zeitgeschichte. Als Untertitel könnte man auch literarisch formulieren: Als der Rock'n'Roll nach Deutschland kam, oder: Wie Wolle mit einem Neil-Young-Akkord den Kölschrock erfand.

Regisseur Wenders, Musiker Niedecken: Geschichtsstunde mit Wim und Wolfgang
AP

Regisseur Wenders, Musiker Niedecken: Geschichtsstunde mit Wim und Wolfgang

Inspiriert von dem BAP-Album "Tonfilm", dient als Kulisse das Lichtspielhaus in Essen mit seiner liebevoll restaurierten, prachtvollen Innenarchitektur aus jener Zeit, als der Kinobesuch noch ein Festakt war. Niedecken und Band spielen auf der Bühne vor Publikum, thematisch passend zu den Liedern werden alte Aufnahmen eingespielt. So sind Wolf Biermann und die Rolling Stones zu sehen als einschneidende Einflüsse für Niedeckens späteres Songwriting, aber auch Bilder aus der Nachkriegszeit mit amerikanischen Soldaten und von Elvis Presley bei seiner Ankunft in Bremerhaven, was er in "Amerika" und "Nix wie bessher" besingt.

Die Posse um den BAP-Auftritt in der DDR zeigt noch mal schön die manipulative Politik der Staatssozialisten. Köstlich ist der Ausschnitt eines Gesprächs zwischen Niedecken und Heinrich Böll, in dem der alte Schriftsteller umständlich wissen will, ob die Musik oder der kölsche Dialekt ausschlaggebend gewesen wären für den typischen BAP-Stil. Und die Hymne an den FC ­ noch mit Trainer Ewald Lienen ­ fehlt natürlich auch nicht.

Spielszene mit Niedecken und Marie Bäumer: Mitreißend, präzise, manchmal langatmig
DDP

Spielszene mit Niedecken und Marie Bäumer: Mitreißend, präzise, manchmal langatmig

Interviews mit ehemaligen oder aktuellen Bandmitgliedern gibt es hingegen nicht. Zu Wort kommt nur Niedecken, ohnehin immer schon Sprecher und Übervater von BAP, der alles aus dem Off erzählt. Höhepunkt ist eine Live-Version von "Verdamp lang her", die Wenders mitreißend und präzise aus Konzertmitschnitten zweier Jahrzehnte montiert hat. Man braucht allerdings einige Zeit, um sich auf die Stimmung des Films einzulassen, der bei Spielszenen mit Joachim Król als Filmvorführer und Marie Bäumer als Bauchladenmädchen langatmig wird.

An dieser Stelle könnte man jetzt die unverwüstliche Phrase "Fans kommen hier voll auf ihre Kosten" einfügen. Aber auch Leute, die keinen Kölner Heimvorteil oder BAP bisher gehasst haben, können am Ende durchaus berührt sein. Die Texte der Songs werden als hochdeutsche Untertitel eingeblendet. Und zusammen mit der Filmform, der komprimierten Fassung einer langen Karriere eines oft auch missverstandenen Besserwissers bekommt man plötzlich ein wohliges Verständnis für Wolfgang Niedecken.

"Viel passiert ­ Der BAP-Film", BRD 2001. Regie und Drehbuch: Wim Wenders; Darsteller: BAP, Joachim Król, Marie Bäumer, Willi Laschet, Anger 77, Wolf Biermann; Produktion: Screenworks, Travelling Tunes; Verleih: Ottfilm; Länge: 96 Minuten; Start: 7. März 2002

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