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Vincent Lindon Was von uns bleibt

aus DER SPIEGEL 21/2022
Foto: Eric Gaillard / REUTERS

»Was können wir noch tun, außer auf die emotionale Massenwaffe Film zurückzugreifen, um das Gewissen zu wecken und die Gleichgültig­keit aufzurütteln?« Mit seiner Er­öffnungsrede als Jurypräsident der 75. Filmfestspiele von Cannes hat der französische Filmstar Vincent Lindon, 62, vielleicht den Auftritt seines Lebens hingelegt – ein Glaubensbekenntnis an den Film, das Kino, die Kunst. Bevor Lindon den ausformulierten Text der Rede vorlas, zitterten ihm noch die Hände, die ersten Worte kamen ihm mühsam über die Lippen. 2015 hatte Lindon in Cannes den Preis als bester Darsteller gewonnen – »Mein erster Preis überhaupt«, sagte er damals zutiefst gerührt. Über sechzig Film- und Fernseh­rollen lagen da schon hinter ihm. Mittlerweile häufen sich die großen Auftritte bei Lindon. 2021 spielte er etwa die männ­liche Hauptrolle im sensationellen Goldene-­Palmen-Gewinner »Titane«. Für den Part als Feuerwehrmann, der den Verlust seines Sohnes mit Bodybuilding kompensiert, trainierte sich Lindon anderthalb Jahre lang Muskelberge an und war im Film schließlich dabei zu sehen, wie er sich Anabolika in den Hintern spritzt. In seiner Eröffnungsrede des Festivals in Cannes erklärte Lindon nun, warum er Kultur trotz Krieg und Klimawandel als essenziell erachtet: »Kultur ist alles, was wir hinterlassen werden.« Zwar frage er sich, ob wir nicht gerade auf der Titanic tanzten. Doch das ändere nichts an der Aufgabe von Künstle­rinnen und Künstlern, »unsere Vorstellungskraft zu nähren, um uns zu helfen, uns bei jeder Gelegenheit zu wiederholen, zu Ehren all derer, die auf dieser Welt leiden und kämpfen: Seid lebendig und seid euch dessen bewusst.«

hpi
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