Vinterberg "Das Fest" - Hübsche grausame Rituale

Der in Cannes mit den Spezialpreis der Jury ausgezeichnete Film des 29jährigen Dänen Thomas Vinterberg zeigt, wie wirkungsvoll der Verzicht auf Perfektion sein kann.

Von Jörg Häntzschel


Thomas Vinterberg
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Thomas Vinterberg

Ein Patriarch und Unternehmer feiert 60. Geburtstag in seinem eigenen Hotel irgendwo in Dänemark zwischen Feldern, Seen und Kiefern. Die Sonne scheint fahl über die Idylle, doch die Gäste ringen schwer um Heiterkeit. Wie bei einer Autorallye kämpfen die Mittelklassewagen voller schwitzender Verwandter schon auf dem Weg zum Fest um Positionen. Die Begrüßung der ungleichen Söhne Christian und Michael wird zum Ringkampf. Und der Selbstmord einer Tochter, der erst ein paar Monate zurückliegt, lastet über der verordneten Harmonie. Erst beim Essen kehrt Disziplin ein. Einem Sohn flüstert der joviale Jubiliar Helge freundliche Drohungen zu, vom anderen kauft er sich Loyalität, und der junge deutsche Freund, der ihm lieber ist als die eigenen Söhne, wird Toastmaster - und Polizeiminister dieses Familienstaats. Die panoptische Tischordnung, die Unentrinnbarkeit der Speisenfolge und der unerschöpfliche Alkoholnachschub ersticken zunächst die Zwistigkeiten. Das in jeder Familie unterschiedliche und überall gleiche Programm aus hübschen, peinlichen und grausamen Ritualen wird nun gestartet. Mit einer solchen Zwangsläufigkeit rollt es ab, daß sich nur hier und da ein Hüsteln erhebt, als Christian ans Glas schlägt und lächelnd erzählt, wie der Jubiliar - weißt du noch, damals? - ihn und seine jetzt tote Schwester als Kinder vergewaltigte. Nur eine Verschwörung des Personals, das den Gästen die Flucht vereitelt, zwingt die Gäste, sich die Ungeheuerlichkeit des immer neu unterfütterten Vorwurfs bewußt zu machen. Als Christian dem Vater auch noch den Selbstmord seiner Schwester anlastet, schlägt die Stimmung um. Während man sich noch am Programm festhält wie bei der Polonaise am Vordermann, schreitet die Zerstörung des Vaters unerbittlich voran.

So faszinierend es ist, den unaufhaltsamen Fall des Vaters zu verfolgen - die überwältigende Wirkung dieses Films liegt vor allem in den filmischen Mitteln. "Das Fest" wurde nach den zehn Regeln des "Dogma 95" gedreht, jenem Keuschheitsschwur einer Gruppe von vier dänischen Regisseuren um Lars von Trier. Auf der Dogma-Website findet sich außer den zehn Geboten selbst auch ein hitziges Manifest, das so entschlossen auf die marxistische Pauke haut, daß man es nur für ein ironisches Pastiche halten kann. Nicht nur Illusion und dramaturgische Vorhersehbarkeit lehnen die Dogma-Regisseure ab, auch die Nouvelle Vague und ihr "auteur"-Konzept: alles bürgerlich und dekadent. Nur Dogma-Kino ist wahres Kino!

Schon in Cannes, wo "Das Fest" den Spezialpreis der Jury gewann, und zuletzt beim London Film Festival, machte der 29jährige Regisseur Thomas Vinterberg aber keinen Hehl daraus, daß "Dogma 95" aus der Bierlaune geboren wurde und eher als symbolischer Befreiungsschlag zu verstehen ist, denn als eine neue Ethik des Kinos. Es geht darum, mehr oder weniger willkürlich ein Spielfeld abzustecken, um sich als Gruppe nach außen abzugrenzen und sich neue Freiheit zu sichern. Zum Programm erhobene Selbstbeschränkung setzt mehr Kreativität frei, argumentieren die Dogma-Mitglieder, als die vage und prekäre Freiheit konventioneller Filmproduktion. Vor allem jedoch soll eine neue Kultur technischer Improvisation dem Film neuen Realismus injizieren.

Ein wenig altbacken erscheint diese Authentizitäts-Huberei, doch "Das Fest" beweist, wie wirkungsvoll der Verzicht auf Perfektion sein kann. Schlecht ausgeleuchtete, fahle Gesichter huschen als Flächen bräunlicher Pixel gespensterhaft über die Leinwand, falsche Schnitte lassen das Familienfest so diskontinuierlich erscheinen wie den Personen selbst, und die Handkamera - der Film ist mit einem billigen digitalen Flip-Screen-Camcorder aus dem Elektronikmarkt aufgenommen - erzeugt eine nervenzerrüttende Intensität. Die Erschöpfung nimmt man gerne in Kauf für dieses unglaublich rasante, sehr komische und bestürzend vertraute Fest.

"Das Fest", Regie Thomas Vinterberg, Dänemark 1997, 106 Minuten.
Mit Ulrich Thomsen, Henning Moritzen, Thomas Bo Larsen
Verleih Arthaus (Kinowelt)



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