Volker Schlöndorff "Mollies zu werfen war okay"

In Volker Schlöndorffs neuem Film "Die Stille nach dem Schuss" geht es um das Leben einer westdeutschen Ex-Terroristin in der DDR. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der "Blechtrommel"-Regisseur über RAF und Robin-Hood-Romantik.

Von Oliver Hüttmann


Volker Schlöndorff: "Haschrebellen und Stadtguerilla"
DPA

Volker Schlöndorff: "Haschrebellen und Stadtguerilla"

SPIEGEL ONLINE:

Ihr Film beginnt mit einem Bankraub junger Leute. Dazu erklingt "Street Fighting Man" von den Rolling Stones. War Terrorismus Rock'n'Roll mit anderen Mitteln?

Volker Schlöndorff: Am Anfang vielleicht, ja. Da nannten sie sich noch Haschrebellen und Stadtguerilla. Und seit Brian Jones 1966 die Musik für meinen Film "Mord und Totschlag" gemacht hat, wollte ich immer einen Song von den Stones in einen meiner Filme nehmen. "Street Fighting Man" hat nun gepasst. Sie haben ihn mir fast umsonst überlassen, den hätte ich sonst gar nicht bezahlen können.

SPIEGEL ONLINE: Hätte noch ein anderer Song gepasst?

Schlöndorff: "Sympathy For The Devil" ­ weil man mir vorwirft, ich hätte Sympathien für Terroristen.

SPIEGEL ONLINE: Aber eine gewisse Sympathie haben Sie ja nie geleugnet.

Schlöndorff: Ich war zehn Jahre älter und wollte verstehen, was für Ideale die jungen Leute zu solchen Taten treibt. Viele waren nur, sagen wir mal, einfache Anarchisten.

SPIEGEL ONLINE: An welchem Punkt endete Ihr Verständnis für die RAF?

Schlöndorff: Als sie das System mit Gewalt bekämpfen wollte. Mollies gegen das Springer-Haus zu werfen war okay. Entführung und Mord, das ging zu weit. Das hat die ganze Linke diskreditiert. Aber man soll auf eine unmenschliche Tat keine unmenschliche Antwort geben. Der Staat hätte Leute wie Ulrike Meinhof mehr anhören müssen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben sie nach so langer Zeit dieses Thema wieder aufgegriffen mit einem Film, den man in einer Reihe mit ihren politischen Dramen wie "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" stellen kann?

Schlöndorff: Weil nach dem Mauerfall herauskam, dass einige Terroristen von der Stasi eingebürgert worden waren. Das geht doch nicht zusammen, dachte ich ­ der Polizeistaat und diese anarchistischen Temperamente. Plötzlich sitzen die in einem VEB für Modedruck und arbeiten an der Maschine. Einen radikaleren Einschnitt kann man sich kaum vorstellen.

SPIEGEL ONLINE: Man hat den Eindruck, dieses Leben im spießigen Bauern- und Arbeiterstaat müsste eine härtere Strafe gewesen sein als Stammheim.

Schlöndorff: Zuerst habe ich auch gedacht, man sollte ihnen diese Jahre auf die Haftstrafe anrechnen. Dann stießen Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase und ich auf das Paradoxon, dass sich einige dort sehr wohl gefühlt und ihr Ideal gerettet haben, indem sie am Aufbau des Sozialismus im angeblich besseren Teil Deutschlands mitarbeiten wollten.

SPIEGEL ONLINE: Der Weg Ihrer Hauptfigur Rita Vogt ähnelt dem der Inge Viett. Auffällig ist, dass sie der Kontrast zwischen dem Luxus der Stasi und dem Frust der Arbeiter nicht mal ansatzweise an der DDR-Diktatur zweifeln lässt. Und selbst als sie sich ihrem Freund offenbart, setzt sie sich nicht mit ihrer Vergangenheit auseinander.

Schlöndorff: Inge Viett kandidiert ja heute noch für die PDS. Aber ich glaube schon, dass da auch Reue war. Rita kann darüber nur nicht offen reden. Und es ist auch eine unglaubliche Geschichtsblindheit. Ihre Arbeitskollegen haben das Experiment 40 Jahre mitmachen müssen und wollen nur noch, dass es aufhört. So schwimmt Rita wieder gegen den Strom. Andere Aussteiger waren froh, als sie es hinter sich hatten.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Mauerfall hat Rita die Wahl und fährt dann doch wieder in die DDR, wo sie von einem Volkspolizisten erschossen wird. Das ist ein klassischer Märtyrertod.

Schlöndorff: Ich sehe das eher als Selbstmord, als setzte sie sich einer Art Gottesurteil aus. Ich habe ihr damit ein Geheimnis lassen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben diese Figur als "Denkmal für eine unbekannte Terroristin" bezeichnet. Ist das nicht arg pathetisch?

Schlöndorff: Nun ja, das ist so eine verknappte Formel. Ich will niemandem für seine Taten die Absolution erteilen. Gemeint ist eine Anerkennung für Menschen, die eine bessere Welt wollen, unbeugsam sind und scheitern. Wenn sie nicht gescheitert wären, würde ich kein Wort über sie verlieren. Solche Leute sind wichtig für die Menschheit. Einige werden Heilige, andere Revoluzzer oder Kriminelle. Jedenfalls sind es faszinierende Personen.

SPIEGEL ONLINE: Das geht aber einher mit einer wilden Romantik. Rita sagt einmal sogar, sie sei zur RAF gekommen, weil sie sich in einen der Terroristen verknallt habe.

Schlöndorff: Ja, es ist die Robin-Hood- oder Bonnie-und-Clyde-Romantik. Aber die haben nicht weniger Leid und Unrecht angerichtet als manch anderer.

SPIEGEL ONLINE: Im Film wird diese komplexe Aussage nicht immer klar. Auch das ist wohl ein Grund für die Vorwürfe, sie würden die RAF verharmlosen.

Schlöndorff: Im US-Kino wird eindeutig der Gute und der Böse unterschieden. Meine Figur ist zwiespältiger. Damit muss nicht meine Haltung widersprüchlich sein.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es heute Utopien, für die es sich zu kämpfen oder zu sterben lohnt?

Schlöndorff: Das ist die große Frage. Da bringen Sie mich in Verlegenheit. Wir haben zur Zeit keine. Also ich kann für den Rest meines Lebens auch ohne auskommen. Aber wenn ich heute jung wäre, würde ich nicht an die Heilskraft der globalen Marktwirtschaft glauben.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.