Pop-Drama "Vox Lux" A Trauma Is Born

Hauptdarstellerin Natalie Portman versucht sich als Lady Gaga und Regisseur Brady Corbet als Michael Haneke: Schon lang ist kein Film mehr so interessant gescheitert wie "Vox Lux".

Kinostar

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Wenn eine Frage so falsch ist, dass man sehr weit und sehr genau ausholen muss, um ihre Falschheit zu begründen, ist sie dann nicht schon wieder eine richtige Frage - weil sie so viel anstößt, aufwirft, unterläuft?

Ein Beispiel für eine richtig-falsche Frage: Ist Pop eine Lüge? Das lässt sich nur beantworten, wenn man ihre Prämisse teilt - dass Pop eindeutige Versprechen macht und sich daran messen lassen kann, ob es diese einhält. Aber wann und wo soll Pop welche Versprechen gemacht haben? Je weiter man fragt, desto mehr stößt man zu sehr Grundsätzlichem vor. Auch wenn es keine Antwort auf sie geben kann, führt die richtig-falsche Frage deshalb in hochinteressante Bereiche.

Brady Corbets zweiter Film "Vox Lux" stellt nun genau diese Frage nach Pop als Lüge: Er wirft Pop vor, Trost zu versprechen, obwohl er ihn nicht bieten kann. Am Anfang von "Vox Lux" steht ein Highschool-Shooting, das wie das Massaker von Columbine zur Jahrtausendwende stattfindet. Ein Schüler stürmt die Proben des Schulorchesters und erschießt die Lehrerin sowie einige Mitschüler. Bevor er weitere Munition nachlegen und sein Morden fortsetzen kann, versucht Celeste (Raffey Cassidy), es ihm auszureden. Vergebens, auch sie wird angeschossen.

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"Vox Lux": Ein Pop-Sternchen weist den Weg aus der Dunkelheit

Doch Celeste überlebt, und bei der Trauerfeier für die Opfer singt sie ein Lied, das sie zusammen mit ihre Schwester Eleanor (Stacy Martin) komponiert hat. Der Song wird ein Hit, ein Manager (Jude Law) nimmt die Schwestern unter seine Fittiche, schickt sie zu Plattenaufnahmen nach Schweden, und die persönliche Traumaverarbeitung wandelt sich zur Karriererampe: Celeste steigt mit unerheblichen Dance-Pop-Tracks zum Shootingstar auf, der den USA nach 9/11 einen Weg aus der Dunkelheit weist.

Oder besser: zu weisen scheint. Denn nach einem Zeitsprung von 17 Jahren, also fast in der Gegenwart angekommen, zeigt der US-Amerikaner Corbet, dass weder Celeste noch die USA sonderlich geheilt aus dieser Pop-Therapie hervorgegangen sind. Celeste (nun gespielt von Natalie Portman) ist tabletten- und alkoholsüchtig und hat vor einigen Jahren einen Verkehrsunfall mit einem Toten verursacht. Nun versucht sie mit ihrem Album "Vox Lux" ein Comeback, und die USA scheinen genau das Land zu sein, das diese Art von Star verdient hat: Das Stadion, in dem Celeste am Ende des Films auftritt, ist voll von schreienden Fans.

Als "Vox Lux" im Herbst 2018 zusammen mit Bradley Coopers "A Star Is Born" bei den Filmfestspielen von Venedig Weltpremiere feierte, wurden die zwei Filme schnell verglichen und "Vox Lux" als die abgeklärtere Pop-Erzählung registriert. Im Vergleich zu Lady Gagas Porträt einer Kellnerin, die nach einem Irrweg durch die Pop-Industrie zum glaubwürdigen Star mit authentischer Botschaft aufsteigt, galt Portmans Autotune-Diva im Glitzerleibchen als das repräsentativere Abbild einer seelenlosen, profitorientierten Industrie.

Führt Pop zu Gewalt?

Tatsächlich zeigt der Vergleich zwischen den zwei Filmen vor allem, wie weit "Vox Lux" aktuellen Pop-Narrativen hinterherhinkt. Denn längst hat sich Lady Gaga selbst gegen ihre eigene Karriere in Stellung gebracht und Phase zwei des Lady Gaga Pop Universe (LGPU) gestartet. Seit ihrem Album "Joanne", an das "A Star Is Born" nahtlos in Ästhetik und Erzählung anknüpft, stilisiert sie sich mit Cowboyhut und Budweiser-T-Shirt als folksy Gegenentwurf zum Mama Monster ihrer ersten Jahre.

Wenn man also mit Kategorien wie Zynismus oder kommerziellem Kalkül hantieren will, dann ist der geläuterte Star, der endlich aus seiner Seele schöpft, die zynischere, kalkulierende Inkarnation der zeitgenössischen Popikone. In solche diskursive Verästelungen stößt Corbet aber gar nicht erst vor. Er arbeitet sich vielmehr daran ab, Dinge zu verkomplizieren, deren bereits gegebene Komplexität er nicht zu begreifen scheint.


"Vox Lux"
USA 2018
Buch und Regie:
Brady Corbet
Darsteller: Raffey Cassidy, Natalie Portman, Stacy Martin, Jude Law, Jennifer Ehle
Produktion: Bold FIlms, Killer Films et al.
Verleih: Kinostar
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 25. Juli 2019


So fällt zum Beispiel dem Highschool-Shooter während seiner Attacke eine seiner farbigen Kontaktlinsen heraus, sodass er eine helle und eine dunkle Iris hat - wie einst Goth-Rocker Marilyn Manson, der immer wieder als Einfluss auf die Attentäter von Columbine genannt worden ist. Der Zusammenhang von Pop, Transgression und Gewalt wird aber schon seit Jahrzehnten diskutiert und das ebenso ausgiebig wie ergebnislos. Ihn hier noch mal mit einer filmisch hübschen, aber inhaltlich leeren Geste aufzureißen, sorgt nur für Wieder-erkennen, nicht Neu-hinterfragen.

Am ehesten ist die Kausalität, die Corbet ein weiteres Mal im Film anführt, wenn Terroristen einen Strand in Kroatien angreifen und dabei Masken aus einem Video von Celeste tragen, Anzeichen dafür, dass er Pop gleichzeitig zu ernst und nicht ernst genug nimmt. Denn Pop kann Gewalt inspirieren, muss es aber nicht. Wann was der Fall ist, kann keiner vorhersagen - das ist die anarchische Kraft von Pop, die Corbet ein ums andere Mal unterschätzt.

Megahit oder B-Ware?

Stattdessen versteift er sich auf einen kulturpessimistischen Fatalismus, in dem immer nur das Schlimmste aus den gegebenen Umständen erwachsen kann. Ähnlich hat er schon in seinem Debütfilm von 2015, der Faschismus-Aufstiegsparabel "Childhood of a Leader" argumentiert. Der porträtierte fiktive Diktator konnte nichts anderes als er selbst werden, da er sadistisch veranlagt und seine Kindheitsjahre autoritär-militaristisch geprägt waren.

"Childhood of a Leader" funktionierte wie die Vorgeschichte zu "Das weiße Band" von Michael Haneke, einem Regisseur, unter dem Corbet zuvor als Schauspieler in dessen US-Remake von "Funny Games" gewirkt hat. Mit Haneke teilt sich Corbet auch die Hochkulturarroganz (oder Ignoranz?) gegenüber der zeitgenössischen medialisierten Popkultur, die der Österreicher zuletzt in "Happy End" so witzlos ausgebreitet hat.

Im Vergleich zu "Happy End" ist "Vox Lux" aber der ergiebigere und unterhaltsamere Film - auch dank der Songs, die Popstar Sia beigesteuert und Portman eingesungen hat. Allein das Rätselraten, ob es sich um Material handelt, das mit Hits wie "Chandelier" mithalten kann oder das bewusst als B-Ware angelegt ist, lässt einen nochmals genauer über Pop, Kontext und Erwartungshaltungen nachdenken.

Im Video: Der Trailer zu "Vox Lux"

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Vor allem sind es aber die falschen Fragen, die "Vox Lux" so sehenswert machen, die richtig-falschen Fragen, die ihn transformieren - von einem schlechten Film in einen gut-schlechten. Also mithin in einen unbedingt interessanten.



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