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04. Oktober 2018, 16:18 Uhr

Von Kurt Waldheim zu den neuen Rechten

Ein Mann, ein Tisch, eine Fahne

Von Till Kadritzke

Von der Nazivergangenheit des österreichischen Politikers Waldheim hin zu den neuen Rechten: Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann zeigt in "Waldheims Walzer", wie stramm nationalkonservative Ideen zurückkehren.

Am Ende setzt sich der frisch gewählte Präsident auf einen Stuhl. Vorher haben andere den Boden gewischt, den Tisch vor ihm aufgeräumt, sein Gesicht gepudert, sodass schließlich nur noch ein geschniegelter Herr im Anzug und das österreichische Nationalfähnchen neben ihm im Bild sind. Der Film allerdings endet, bevor Kurt Waldheim seine Antrittsrede beginnt. Es geht der Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann nicht um den Inhalt der Ansprache, sondern darum, dass sie überhaupt zustande kam. Für Beckermann war Waldheims Sieg in der Präsidentschaftswahl 1986 auch eine persönliche Niederlage.

Die ersten Bilder von "Waldheims Walzer" sind Aufnahmen von Protestaktionen gegen seine Kandidatur, an denen die Regisseurin selbst teilgenommen hatte, die sie zugleich dokumentierte. Den Kontext für diese Bilder aus dem persönlichen Fundus liefert Beckermann dann mit einer aus Archivaufnahmen montierten Chronologie jenes Wahlkampfs, in dem das Selbstbild Österreichs als erstes Opfer Nazideutschlands ins Wanken geriet. US-Medien sowie der Jüdische Weltkongress hatten stichhaltige Beweise dafür gesammelt, dass der einstige Uno-Generalsekretär Waldheim in den letzten Kriegsjahren als Wehrmachtsoffizier auf dem Balkan diente, von Massakern und Deportationen gewusst haben musste und diese Jahre in der eigenen Biografie bis dato vorsätzlich ausgeklammert hatte.

Bereits in "Jenseits des Krieges", in dem Beckermann 1995 Besucher der Wehrmachtsausstellung in Wien interviewte, bezog ein früherer Soldat sein Plädoyer für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit eigenen Gräueltaten auf die Zäsur der Waldheim-Affäre: "Erst als der Waldheim dann kandidiert hat, ist es mir zu viel geworden." Andere der damaligen Gesprächspartner wollten von österreichischen Kriegsverbrechen auch Mitte der 1990er nichts wissen.

Im Zentrum von "Waldheims Walzer" stehen bald nicht mehr jene Verdrängungsmechanismen der Täter, die in "Jenseits des Krieges" noch beruhigend psychologisierbar waren. Die Frage, wie viel Blut denn nun an diesen Händen klebt, die in den Archivaufnahmen von Waldheims Reden immer wieder von der Kamera fokussiert werden, interessiert Beckermann weniger als der Raum, in dem diese Frage plötzlich stand - und der dem Film zugleich als Resonanzraum für die Gegenwart dient.

Vom biografischen zum Politischen

Die strenge, mit Datumsangaben versehene Chronologie der Ereignisse wird eingeholt von einer anderen Bewegung des Films, einer Bewegung, die vom Biografischen zum Politischen führt, vom konkreten Einzelfall, der Waldheim und Beckermann einst zusammenführte, zu den wieder viel diskutierten Dynamiken einer erregten Öffentlichkeit. Da wüten Politiker der ÖVP gegen die "ehrlosen Gesellen vom Jüdischen Weltkongress", da weist der unter Druck geratene Kandidat immer wieder auf die vielen Millionen deutschen Kriegsopfer hin, da wird ein ganzer Wahlkampf zum nationalen Widerstand gegen äußere Eingriffe erklärt, und schließlich bricht in Gestalt eines empörten Bürgers auf offener Straße blanker Judenhass durch.


"Waldheims Walzer"
Österreich 2018
Regie und Drehbuch:
Ruth Beckermann
Darsteller: Kurt Waldheim
Produktion: Ruth Beckermann Filmproduktion, ORF Film/Fernseh-Abkommen
Verleih: Edition Salzgeber
FSK: ab 6 Jahren
Länge: 93 Minuten
Start: 4. Oktober 2018


Mit ihrer buchstäblichen Vergegenwärtigung der Waldheim-Affäre behauptet Beckermann nun keine ewige Wiederkehr des Gleichen. Ihr Film betont nationalkonservative Kontinuitäten: die Gründung neuer Parteien, die Trump-Wahl, die sogenannte Flüchtlingskrise.

Manchmal ist die Nähe erschreckend: Als bei einer Kundgebung Waldheims, zwei Tage vor seiner Wahl, im Hintergrund Protestplakate auftauchen, erklärt der Kandidat dies zu einem Beispiel dafür, "wie die freie westliche Demokratie von den Linken missbraucht wird". Die Rhetorik erinnert an die neurechte Paranoia der Gegenwart, die folgenden Bilder an jene Trump-Kundgebung während des US-Wahlkampfs 2016, als Protestierende von #BlackLivesMatter unter den zürnenden Worten des Kandidaten von dessen Anhängern unsanft aus der Halle bugsiert wurden.

Die Protestschilder am Bildhorizont gehen irgendwann im Meer der Waldheim-Zuhörer unter, aus der Distanz der Bühnenkamera bleibt das dazugehörige Handgemenge unserer Vorstellungskraft überlassen. Der physische Kampf um die Deutungshoheit über die Waldheim-Affäre, und damit über Vergangenheit und Gegenwart einer Nation, findet im Off statt. Das macht das makellose Schlussbild - ein Mann, ein Tisch, eine Fahne - nur umso schauriger.

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