"Wall Street"-Fortsetzung Ach Papa, sei doch nicht so geldgeil

Mama darf nicht makeln, Papa soll kein Powerbroker sein: In der Finanzdrama-Neuauflage "Wall Street: Geld schläft nicht" vom großen Vereinfacher Oliver Stone kämpfen idealistische Kinder gegen ihre verdorbenen Alten - und der kranke Kapitalismus wird zum Fall für den Familientherapeuten.

Wer will schon Krankenschwester sein, wenn man als Immobilienmaklerin für die Hälfte der Arbeit das Dreifache an Gehalt kassieren kann? Das denkt sich jedenfalls die Mutter des jungen Filmhelden (Susan Sarandon), die ihre weiße Schürze gegen einen Blackberry vertauscht hat, um in der Nachbarschaft leicht überteuerte Eigenheime zu verdealen. Der Sohn selbst mag Moms neuen Job gar nicht, denn Jake Moore (Shia LaBeouf) ist zwar Investmentbanker an der Wall Street, aber ein Guter; so einer steckt das Geld in Unternehmen, die den Prinzipien der Nachhaltigkeit verpflichtet sind.

So gesehen findet es der Wall-Street-Öko gar nicht schlimm, dass irgendwann die Immobilienblase platzt, schließlich wird seine Mutter auf diese Weise gezwungen in den Pflegebereich zurückzukehren, der zwar unterbezahlt ist, aber menschlich sehr viel erfüllender. Tatsächlich sehen wir die Ex-Maklerin am Ende des Films, wie sie Streicheleinheiten austeilend und Spritzen setzend zwischen den Betten von Krankenhauspatienten herumflattert.

Kopf hoch, Amerika!

Der Mutter-Sohn-Konflikt ist nur ein Subplot, aber er versinnbildlicht, worum es Oliver Stone in der Fortsetzung seines Achtziger-Jahre-Hits "Wall Street" geht: Die hier beschriebene Finanzkrise ist für ihn nichts anderes als eine Familienkrise; er bleibt nun mal Hollywoods Politikvereinfacher und Gesellschaftstherapeut. So wie der Regisseur in seinem letzten Spielfilm, dem Bush-junior-Bashing "W.", Amerikas Weg in den Krieg als ödipale Übersprungshandlung des vom Vater ungeliebten US-Präsidenten ausdeutete, erscheint nun in "Wall Street: Geld schläft nicht" der Untergang des Kapitalismus als Folge kaputter Familienverhältnisse.

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"Wall Street": Gier ist gut, doch wichtiger ist die Brut

Foto: Francois Durand/ Getty Images

Stone lässt die Haupthandlung seiner Wirtschaftsschmonzette im Jahr 2008 beginnen: Die Finanzwelt droht zu kollabieren, die Familien liegen schon in Trümmern. Investment-Wunderkind Jake Moore muss verarbeiten, dass sein väterlicher Freund nach der Pleite seiner Firma vor die U-Bahn gesprungen ist. Jakes Freundin Winnie Gekko (Carey Mulligan) indes muss verarbeiten, dass sie die Tochter des einst gefürchteten Geldverschiebers Gordon Gekko (Michael Douglas) ist, der nach achtjährigem Gefängnisaufenthalt zum gefragten Buchautor avancierte. Eine Nonprofit-Firma scheint genau die richtige Gegenmaßnahme gegen die schon legendäre väterliche Profitgier.

Retten die Jungen die Alten? Lassen sich die Geldströme vom Finanzzentrum aus tatsächlich für die gute Sache umleiten? Gewinnt gar Attac die Hoheit über die Wall Street? Bei Oliver Stones Finanzthriller-Neuauflage scheint alles möglich, richtig spannend aber wird es trotzdem nicht. Unterkomplex ist vielleicht noch das höflichste Wort, um die Langeweile der 133 Filmminuten zu beschreiben: Zwar lärmen ständig auf Computer-Wänden irgendwelche Zahlenkolonnen runter, aber eigentlich interessiert sich Stone nur dafür, wie es zwischen den unterschiedlichen Familienmitgliedern lärmt.

Mama soll das Makeln lassen und Papa darf kein Powerbroker mehr sein; da ist Knatsch programmiert. Und so legen sich das Wall-Street-Sensibelchen Jake und die traumatisierte Broker-Tochter Winnie bei der Umerziehung ihrer Eltern gleich mit dem ganzen, sowieso am Abgrund stehenden System an. Denn ausgerechnet mit Hilfe seines zukünftigen Schwiegervaters Gekko, der ja noch nie als zuverlässig galt, will Jake den obermiesen Spekulanten Bretton James (Josh Brolin) zusetzen, der durch die Streuung von Gerüchten seinen Mentor in den Selbstmord getrieben hat. Gekko und er lassen nun ihrerseits ein paar schöne Spekulationsbläschen aufsteigen, um den Finsterling sauber in den Bankrott zu treiben: Kehrwoche in der Wall Street.

Jetzt bitte stark sein, liebes Publikum!

Aber kann man das System wirklich mit dem System bekämpfen? Stone ist an dieser Frage erstaunlicherweise nicht wirklich interessiert. Sein Wirtschaftsdrama-Update, dessen Analyse so klobig und anachronistisch wirkt wie das Steinzeit-Handy, das man Gekko beim Verlassen des Knasts zurückgibt, ist ganz allein um die moralische Beschaffenheit Gordon Gekkos gebaut. Wird die Echse, die einst den Spruch "Gier ist gut" verbreitete und die sich zwischenzeitlich nicht scheut, die eigenen Kinder zu verspeisen, am Ende geläutert aus dem kapitalistischen Verteilerkampf herausgehen?

Am Anfang sehen wir Gekko als eine Art gepeelten Michael Moore, der sich mit einem lässig zu allen Seiten abstehenden Silberschopf zum Star der Kapitalismuskritik hoch palavert hat und vor Fans mit flotten Sprüchen die alten Raffkes in die Pfanne haut. Später, als er erneut Blut geleckt hat am Hinundherschieben Schwindel erregend hoher Summen, gelt er sich die Haare wieder zurück wie anno 1987 zu Zeiten des ersten "Wall Street"-Films; also bis sich im Nacken die fetten Strähnen wie zischelnde Nattern kräuseln. Seine Tochter und ihre Weltverbesserungspläne hat er da längst wieder vergessen. Und dass ihm der Schwiegersohn in spe - jetzt bitte stark sein, liebes Publikum! - ein Bild seines im Mutterbauch heranwachsenden Enkels hinhält, scheint ihn ebenfalls kalt zu lassen.

So hängt die endgültige moralische Genesung Gekkos nach Meinung Oliver Stones offensichtlich nur von einer einzigen Frage ab, nämlich ob er seinen alten Leitspruch um einen wichtigen Zusatz ergänzen kann: Greed is good, breed is better. Gier ist gut, aber es geht doch nichts über die eigene Brut.

So fühlt sie sich an, die Genesung des Kapitalismus in Form der Familientherapie.

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