"Was tun, wenn's brennt?" Der Steinewerfer im Start-up-Gründer

Eine Gruppe ehemaliger Hausbesetzer, die es sich längst im sicheren Schoß der Berliner Republik bequem gemacht haben, müssen plötzlich um ihre bürgerliche Existenz kämpfen - und entdecken prompt ihre alten Ideale neu. Regisseur Gregor Schnitzler inszenierte mit seinem Kinodebüt "Was tun, wenn's brennt" eine ebenso boshafte wie rasant-komische Gesellschaftsfarce.
Von Manfred Müller

Jede Nation hat den Humor, den sie verdient. Ein Lohn- und Leistungsprinzip, von dem auch Gregor Schnitzler bei seinem Debüt als Spielfilmregisseur nicht abweicht. Aber in der Anwendung des bodenständigen Humors auf den bodenständigen Idealismus erreicht sein Film eine nicht zu unterschätzende Boshaftigkeit. Ein pseudo-dokumentarischer Vorspann zeigt die Berliner Hausbesetzerszene der achtziger Jahre als militante Vorhut der aufkeimenden Spaß- und Freizeitgesellschaft: "High sein, frei sein, Chaos muss dabei sein". Noch schnell ein letzter Schlag gegen das Establishment, bevor die alten Achtundsechziger darin das Kommando übernehmen und Banker und Broker zum Leitbild einer neuen Generation aufsteigen.

Genau in diesem postmodernen Umfeld ist Schnitzlers Komödie angesiedelt. Eine Bombe geht hoch in einer leer stehenden Grunewaldvilla. Ein wahrer Spätzünder, denn der Sprengsatz im Schnellkochtopf war schon 1987, zur Endzeit der Anarchowelle deponiert worden. Mit 13-jähriger Verspätung kommt der durchschlagende Erfolg seinen Urhebern denkbar ungelegen. Nur noch zwei der alten Aktivisten sind in der Szene, vielmehr: Sie sind die Szene oder das, was davon noch übrig ist; zwei unentwegte Kämpfer gegen den Imperialismus und bestehende Eigentumsverhältnisse. Tim (Til Schweiger) hat über die Jahre seine ungezähmte Punkfrisur, Hotte (Martin Feifel) beide Beine verloren.

Damals bewohnten sie zu sechst die WG in der umkämpften Malchowstraße. Doch Nele (Nadja Uhl), die vormals strenge Ideologin, hat jetzt zwei Kinder, ist allein erziehend und mehr mit Schlafliedern als mit proletarischen Kampfgesängen befasst. "Terror" (Matthias Matschke) ist ein aufstrebender Jurist mit Ambitionen auf eine Karriere als Staatsanwalt. Maik (Sebastian Blomberg) feiert mit den alten Latrinensprüchen seinen Start-up in der Werbebranche. Nur Flo (Doris Schretzmayer), an Tims Seite einst die First Lady des autonomen Widerstands, ist sich auf ihre Weise treu geblieben: Sie macht, was immer im Trend liegt, mochte er auch damals in den Untergrund und heute ins Nobelrestaurant führen. Und noch einer ist übrig aus alten Großkampftagen: der Bulle Manowsky (Klaus Löwitsch), dem wegen seiner genauen Szenekenntnis sogleich die Leitung einer Sonderermittlungskommission zur Klärung der ominösen Detonation übertragen wird.

Konventionell, aber spritzig und mit gutem Tempogefühl inszeniert, lebt die Geschichte der Drehbuchautoren Stefan Dähnert und Anne Wild von ihrer raffinierten Grundkonstellation, in der sich 15 Jahre Zeitgeschichte in einem geradlinigen Spielfilmplot verdichten. Charaktere und Dialoge bleiben oft nah am Klischee, aber mehr braucht es auch nicht, um die Vergangenheit in einer diametral gewendeten Gegenwart aufleben zu lassen und die Protagonisten unter widerstrebenden Zielen wieder zu einer subversiven Kadertruppe zusammenzuschweißen: Bei einer Razzia in der Malchowstraße stellt Manowsky Beweismaterial sicher, das die alten WG-Genossen als Täter überführen würde. Um die bürgerliche Existenz zu sichern, erinnert man sich der alten Kampfmethoden. Aber wie bricht man in die Asservatenkammer einer Polizeikaserne ein?

Ein bisschen Nostalgie schwingt schon mit in Schnitzlers Bildern, Wehmut über den Verfall von Freundschaft und Prinzipientreue und einer letzten kommerziell noch unbeachteten Jugendkultur. Aber zum Glück dominiert der pointierte Spott, der natürlich auch den Staatsdienst nicht ungeschoren lässt. Der gesellschaftliche Paradigmenwechsel vom Idealismus zum Pragmatismus, der seine Mitläufer vom Kabarett in die Comedy-Show, sogar vom Terroristenprozess ins Justizministerium beförderte, zeitigt Selbstauflösungserscheinungen im Beamtenapparat, von denen die Anarchisten in ihren Straßenschlachten nur zu träumen wagten. Der kantige Bulle mit dem unfehlbaren Instinkt wird vom medienwirksamen Technokraten verdrängt. Öffentlichkeitsarbeit rangiert vor Ermittlungsarbeit, so dass der Anachronismus Manowsky bald mehr mit den Karrieristen im eigenen Lager als mit dem reaktivierten Terrorkommando zu kämpfen hat.

Das Darstellerensemble zeigt sich sichtlich inspiriert von der Geschichte und dankt es mit unbekümmertem Spielwitz. Nur die Frauenfiguren bleiben etwas blass, was aber auch am Drehbuch liegt, das beiden keine rechte Fallhöhe zuweist. Dafür sind die Mäner mit mehr Substanz ausgestattet. Vom Bombenbauer zum Paragrafenreiter, vom aktenkundigen Polit-Propagandisten zum börsennotierten PR-Strategen, vom Spaßguerilla zum amputierten Stellungskrieger - jeder für sich liefert eine treffliche Karikatur. Bleibt Til Schweiger, der Headliner, der sich ohne Starallüren angenehm ins Ensemble eingliedert, in seinem Spiel wie in seiner Rolle aber doch oft ein Fremdkörper bleibt. Das mag am Zuschnitt seiner unironischen, bei genauerem Hinsehen durchaus verzichtbaren Figur liegen, hat aber sicher auch mit seinen mimischen Möglichkeiten zu tun.

So hat eben jedes Land auch die Schauspieler, die es verdient. In dieser Hinsicht müssen wir uns allerdings vor niemandem in der Welt verstecken.

"Was tun, wenn's brennt?". Deutschland 2001. Regie: Gregor Schnitzler. Drehbuch: Stefan Dähnert, Anne Wild. Darsteller: Til Schweiger, Martin Feifel, Sebastian Blomberg, Nadja Uhl, Matthias Matschke, Doris Schretzmayer, Klaus Löwitsch. Produktion: Claussen & Wöbke Filmproduktion/Deutsche Columbia; Verleih: Columbia TriStar; Länge: 101 Minuten; Start: 31. Januar 2002