Japanischer Anime Das letzte Lächeln vor der Katastrophe

Nach seinem Welterfolg "Your Name" legt Anime-Star Makoto Shinkai nach: "Weathering with You" ist eine romantische Wetter-Fantasie - die an nur zwei Tagen im Kino gezeigt wird.
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In den Codes der Popkultur hängen Wetter- und Stimmungslage enger zusammen, als man denkt. In Comics ist das wohl gängigste Bild für persönliche Misere eine Regenwolke, die über dem Kopf einer einzigen Person hängt und sich dauerhaft und ausschließlich über ihr abregnet. "Everywhere you go/Always take the weather with you", sangen Crowded House mit freundlichem Fatalismus über den Umstand, dass man seiner gedrückten Stimmung nicht entkommen kann. Auftritt Hina. Die Schülerin kann nicht nur die metaphorische Wolke vertreiben, die über dem Kopf des jugendlichen Ausreißers Hodaka zu hängen scheint, der aus seinem tristen Leben in einer kleinen Küstenstadt nach Tokio geflohen ist. Hina kann sogar für mehrere Stunden die echte, wahre, strahlende Sonne scheinen lassen.

Gemeinsam mit Hodaka macht sie sich daran, ihre Dienste an sonnenbedürftige Tokioter zu bringen. Ein Startup für Cloudbusting - nicht mechanisch, wie es Wilhelm Reich und seine Geo-Engineering-Nachfolger beabsichtigten, sondern magisch: Weil Hina zu den auserwählten Sonnenmädchen gehört, die in Japan seit Menschengedenken immer wieder mit der Fähigkeit geboren werden, die Sonne auch zwischen den dunkelsten Wolken hervorzulocken.

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Weathering with You - Das Mädchen, das die Sonne berührt

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"Weathering with You" ist der neue Film von Makoto Shinkai, der mit "Your Name" 2016 einen Klassiker des modernen Animationsfilm schuf. Anfangs ein schön verkicherter Coming-of-Age-Film, der durch das fantastische Motiv des Körpertauschs einen grandiosen Kniff fand, um vom Unbehagen mit dem eigenen Körper in der Pubertät zu erzählen, steigerte sich "Your Name" zum Thriller, der auch noch Japans nationale Traumata durch Umweltkatastrophen wie Fukushima in seine Geschichte einzuflechten verstand.

Auf die gewagten Sprünge zwischen Gefühlslagen und Zeitebenen, die "Your Name" (mittlerweile auf Netflix verfügbar) auszeichneten, verzichtet Shinkai bei seinem Nachfolgerfilm fast vollständig. "Weathering with You" ist romantisch grundiert und erzählt auf dieser Basis sowohl von der sich anbahnenden Liebe zwischen Hodaka und Hina als auch von einer übergeordneten Gemütsfrage: Nach Wochen, in denen es in Tokio nur geregnet hat, droht die Stadt in eine kollektive Depression zu verfallen. Hina und ihre Talente sind der buchstäbliche Lichtblick, den die Menschen brauchen, um zumindest stundenweise wieder Lebensfreude zu erfahren. Sie bezahlen sie, um wieder mit ihren Kindern im Park spielen oder mit den Nachbarn einen Flohmarkt veranstalten zu können.

Hina nutzt das Geld wiederum, um ihr persönliches Glück zu finanzieren: das Leben mit ihrer Wahlfamilie, zu der neben ihrem kleinen Bruder auch Hodaka sowie dessen windiger Boss Herr Suga und dessen mutmaßliche Freundin Natsumi gehören, die Hodaka in seiner höchsten Not mit einem Job und einer Unterkunft versorgt haben. Diese Bande an Misfits zeichnet Makoto mit so viel Mitgefühl und Genauigkeit, dass sie den berühmten Wahlfamilien seines Landsmanns Kore-eda Hirokazu ("Shoplifters", "Unsere kleine Schwester") in nichts nachsteht. Hier schlägt ein wirklich großes Erzählerherz.

Originaltitel: "Tenki no ko"
Buch und Regie: Makoto Shinkai
Produktion: Kadowaka, Toho et al.
Verleih: Universum
Länge: 114 Minuten
Freigegeben: ab 6 Jahren
Start: Nur am 16. und 19. Januar 2020 im Kino

Den Vergleich mit Live-Action-Filmen braucht "Weathering with You" auch nicht bei der Bildgestaltung zu scheuen. Tokio ist hier so detailreich und stimmungsvoll eingefangen, dass man meint, anhand von drei, vier Bildern den Weg durchs Vergnügungsviertel Shinjuku hin zu der Souterrain-Wohnung finden zu können, in der Hodaka zusammen mit Suga und Freundin an einer semi-seriösen True-Crime-Zeitschrift arbeitet.

An Realitätssättigung war es das aber schon, denn die Resonanz der Geschichte mit der globalen Krise des Klimawandels, die manche Fans und Kritiker im Film erkannt haben wollen, trägt "Weathering with You" nicht. Die Regenmassen, die sich über Tokio ergießen und das Stadtbild auf immer zu verändern drohen, erklärt der Film nicht mit menschlichem Fehlverhalten, sondern mit kosmischen Vorgängen. Die sind dann auch an Hinas tragischem Konflikt schuld: Je öfter sie nämlich die Sonne scheinen lässt, desto mehr droht sie selbst, zu einer Ansammlung kleinster Wassertröpfchen zu werden - eben einer Wolke. Ist das ein angemessenes Opfer, um den Menschen noch einmal Sonnenstunden zu schenken?

Wie schon "Your Name" bringt der Verleih Universum Film auch "Weathering with You" an nur zwei Tagen ins Kino: Am 16. und am 19. Januar. Die Eventisierung wirkt ein wenig aufgesetzt, nach dem großen Erfolg von "Your Name" an den ursprünglich angesetzten Tagen folgten noch etliche weitere Vorführungen. Im Fall von "Weathering with You" passt sie jedoch auch zum Film. Wie die Bewohner Tokios, die sich an den wenigen Sonnenstunden umso mehr erfreuen, kann man auch diesen Film genießen: als einen raren Lichtblick in düsteren Kinozeiten.

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