Wes Craven's Dracula Blasses Blutsauger-Update für unbefleckte Teenies

Der uralte Vampir sieht aus wie ein Rockstar und umgibt sich mit vollbusigen Groupies. Wer die früheren Adaptionen von Bram Stokers Roman nicht kennt, kann an der von Wes "Scream" Craven produzierten Action-Variante von "Dracula" durchaus sein Vergnügen haben.

Von Oliver Hüttmann


Rockstar mit "Matrix"-Touch: Dracula 2000 (Gerard Butler)
DPA

Rockstar mit "Matrix"-Touch: Dracula 2000 (Gerard Butler)

Nicht nur der Legende nach ist ein Vampir nahezu unausrottbar. Vor allem auch im Kino, das fast genauso alt ist wie die 1897 vom irischen Beamten Abraham "Bram" Stoker publizierte Schauersage "Dracula", treibt der lichtscheue Untote mit kaum verwester Faszination und stets neuen Fassetten regelmäßig sein Unwesen.

Der erste Vampirfilm datiert bereits aus der Stummfilmzeit kurz nach der Jahrhundertwende. 1922 drehte F. W. Murnau mit "Nosferatu" und Max Schreck in der Titelrolle den ersten Klassiker, der unter anderem Namen Stokers Vorlage folgte. Recht frei wurde "Dracula" 1931 mit Bela Lugosi adaptiert. Von 1958 an trat Christopher Lee für die britischen Hammer-Studios gleich in mehreren Sequels auf. Auch John Badham verwendete für seine Version von 1979 lediglich Teile des Originalstoffes. Und Francis Ford Coppola schuf 1992 schließlich buchstabengetreu eine gänzlich artifizielle Hommage an "Dracula".

Dazwischen und danach teilten sich zahllose Vettern des transsylvanischen Grafen das Genre, so wie Anne Rices dekadenter Dandy Lestat aus "Interview mit einem Vampir", aber auch bei Roman Polanskis komödiantischem "Tanz der Vamire", in Actionfilmen wie "Near Dark" und "Blade" oder als gefühlstoter Großstadtsingle in Po-Chih Leongs Melodram "Die Weisheit der Krokodile".

Man ahnt die Stoßrichtung...

Eigentlich scheint also alles gesagt zum Vampirismus. Dennoch will Wes Craven nun mit einer weiteren Interpretation auftrumpfen. Glaubt man jedenfalls. Immerhin hat der Altmeister des Horrors mit "Scream" auch dem Slasherfilm zu einer ironisch gebrochenen Renaissance verholfen, was ihm allerdings ohne Kevin Williamsons freches Drehbuch kaum gelungen wäre.

"Dracula 2000" heißt in Amerika denn auch das Millenniums-Update, dass zeitweilig aber auch als "Wes Craven's Dracula" angekündigt worden ist. Der vollständige Titel für den deutschen Kinostart lautet "Wes Craven präsentiert Dracula", denn Craven ist diesmal nur als Produzent verantwortlich. Regie führt Patrick Lussier, der zuvor als Cutter der gesamten "Scream"-Trilogie gearbeitet hat. Man ahnt die Stoßrichtung: So wie die Kids an den Schlitzern mit dem Küchenmesser ihren Spaß hatten, soll nun unter Cravens Namen ein ebenfalls möglichst unbeflecktes Publikum an den Fangzähnen des Blutsaugers hängen bleiben.

Rockstars, Teenies, Hightech-Gerät

 Opfer mit Silikon: Die junge Fernsehreporterin wird von Dracula "beglückt", als sie von seinem abgestürzten Flugzeug berichtet
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Opfer mit Silikon: Die junge Fernsehreporterin wird von Dracula "beglückt", als sie von seinem abgestürzten Flugzeug berichtet

Dafür wurde der alte Stoker nach allen Regeln des Mainstreams und Marketings aufgemöbelt. Anstelle eines unheilvoll-süßlichen Orchester-Scores dröhnen düstere Metal- und Hardcore-Songs, und Dracula ist nicht mehr ein amorphes, androgynes Zwitterwesen oder ein entrückter Aristokrat, sondern sieht mit einem schwarzen Mantel und Lockenmähne aus wie ein Rockstar auf MTV. Die Straßen sind bevölkert mit amüsierwilligen Teenies auf der Suche nach Sex, eigentlich eher ein Motiv aus Horrorfilmen. Es wird mit High-Tech-Gerät hantiert und mit halbautomatischen Waffen, die mit langen Silbernägeln munitioniert sind. Sogar eine Kettensäge kommt zum Einsatz (die bereits 1972 im Showdown von Cravens erschütterndem Psychostreifen "Das letzte Haus links" reüssierte). Seit "Matrix" darf natürlich auch die Kung-Fu-Akrobatik nicht fehlen. Vieles wirkt ohnehin der TV-Serie "Buffy - Im Bann der Dämonen" entlehnt.

Grob und geschickt der Vorlage angepasst

Für "Dracula"-Kenner bleiben immerhin einige Referenzen übrig. Denn die Konstruktion der Story und Konstellation der Charaktere ähneln durchaus noch Stokers Vorlage, die ebenso grob wie geschickt der Gegenwart angepasst worden ist. In einem Prolog sieht man noch einmal, wie Dracula einst in einer Kiste im Laderaum des Segelschiffes "Demeter" nach London übersetzte und dabei die Besatzung massakrierte. Rückblenden zeigen auch, wie er dann vom Vampirjäger Van Helsing aufgespießt und sein Leichnam in eine Kirche geschafft wurde. 100 Jahre später hockt der greise Abraham Van Helsing (Christopher Plummer) noch immer auf dem Körper des Untoten, verwahrt in einem schweren silbernen Sarg, der in einem gruftartigen Tresorraum seines Londoner Büros lagert.

Dort bricht eines Nachts das Diebespärchen Solina (Jennifer Esposito) und Marcus (Omar Epps) mit vier Komplizen ein. Statt wertvoller Antiquitäten finden sie eben nur jenen Sarg vor, den sie daraufhin mitschleppen und in einem Flugzeug verstauen. Der nun folgende Flug zu den Cayman-Inseln ist vergleichbar mit der Schiffsreise. Denn als es der Bande gelingt, den Deckel des mysteriösen Behälters zu öffnen, stillt Dracula an ihr seinen Durst wie schon bei der Schiffscrew. Dann leitet er das Flugzeug nach New Orleans um, wo Van Helsings Tochter Mary (Justine Waddell) lebt. Sie fungiert als Draculas Obsession, was in der Originalstory die Verlobte des Maklers Jonathan Harker war, dessen Part nun Van Helsings Assistent Simon (Jonny Lee Miller) ausfüllen soll. Um Mary vor Dracula zu retten, jetten Van Helsing und Simon ihm hinterher.

Sexueller Subtext der Popcorn-Produktion

Damit wäre alles angerichtet für einen ordentlichen Festschmaus. Doch obwohl Lussier mit falschen Fährten und überraschenden Schockmomenten souverän Spannung erzeugt, bleiben die folgenden Jagdszenen im sündigen New Orleans (das ja schon Lestat als Revier diente) eher fade, die allesamt hübschen Darsteller farblos und die Witze oft blass. Robert Rodriguez "From Dusk Till Dawn" war da zuletzt orgiastischer und "John Carpenter's Vampire" zotiger. Die beste Pointe ist ein Zitat. Er trinke nie Wein, bemerkte Dracula bei Stoker süffisant. "Ich trinke keinen... Kaffee", antwortet er nun auf eine Einladung von Marys Freundin Lucy (Colleen Ann Fitzpatrick) ­ und vernascht das Blondchen im Bett, bevor er es aussaugt.

Als sexueller Subtext war der Biss eines Vampirs schon oft mit einem Orgasmus gleichgesetzt worden. Und dass Mary in einem Virgin Megastore jobbt, kann man zunächst als gar nicht so dummen Verweis auf die Jungfrau Maria deuten. Selbst als Aids-Geißel könnte dieser fahle Parasit mit seiner Vorliebe für blutjunge Mädchen und vollbusige Blondinen gerade noch taugen. Leider werden Virgin-Logo und -Läden derart aufdringlich in Szene gesetzt, dass der Film schließlich wie eine Werbeplattform erscheint.

Versöhnlich stimmen allerdings einige clevere Interpretationen zum Ursprung des Blutsaugers und seines blasphemischen Abendmahles, wenn er Kruzifixe und Weihwasser nicht nur als überholte Relikte verlacht, sondern am Schluss auch tief in der Bibel kramt. Und obwohl sonst vom klassischen Grusel in dieser Popcorn-Produktion für Teenies nicht viel übrig geblieben ist ­ Dracula hat schon schlimmere Zeiten überdauert.

"Wes Craven präsentiert Dracula" ("Dracula 2000"), USA 2000. Regie: Patrick Lussier; Drehbuch: Joel Soisson; Darsteller: Christopher Plummer, Gerard Butler, Jonny Lee Miller, Justine Waddell, Omar Epps; Länge: 109 Minuten; Verleih: Highlight; Start: 26. April 2001



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