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Drummer-Drama "Whiplash" Bluten für den perfekten Beat

Trommeln, bis die Haut in Fetzen von den Händen hängt: Im Musiker-Thriller "Whiplash" drillt ein unbarmherziger Schlagzeug-Lehrer seine Schüler wie Marines im Bootcamp. Eine oscarreife Leistung mit zwiespältiger Botschaft.

In den USA dürfen sich Minderjährige "Whiplash" nicht ohne Begleitung Erwachsener ansehen, der Film bekam von der zuständigen Bewertungsstelle ein sogenanntes R-Rating, eine Altersbeschränkung, die ansonsten dem Horror-Genre und Filmen mit expliziten Sex- und Gewaltdarstellungen vorbehalten ist.

"Whiplash" aber, der Gewinnerbeitrag des letztjährigen Sundance-Festivals, der jetzt mit fünf Nominierungen ins Oscar-Rennen geht, ist ein Musikfilm, ein Drama über einen Jazz-Drummer und seinen strengen Lehrer. Was ist da los?

Zunächst mal, und das ist natürlich der eigentliche Grund für das R-Rating, wird in "Whiplash" aufs Derbste geflucht. Aber darüber hinaus inszeniert der junge US-Regisseur Damien Chazelle seinen zweiten Spielfilm tatsächlich wie einen Gruselschocker: Das Streben nach maximaler Präzision und musikalischer Exzellenz wird zum nervenaufreibenden Actionthriller, der einen buchstäblich nicht mehr still sitzen lässt.

Der Schlagzeugschüler Andrew Neiman (Miles Teller) studiert an einem angesehenen New Yorker Konservatorium - es heißt anders im Film, aber gemeint ist die Juilliard School des Lincoln Centers. Nächtelang sitzt er im Übungsraum der Schule und übt. Er tut das nicht zufällig genau dort, denn der ebenso gefürchtete wie verehrte Lehrer Terence Fletcher (J.K. Simmons) ist dafür bekannt, dass er nachts wie ein Raubtier durch die Gänge schleicht und nach neuen Kandidaten für seine Bigband sucht. Eines Abends steht er dann also bei Miles, gibt ein paar Anweisungen, hört ein paar Takte - und schon ist er wieder weg. Chance vertan?

Nein. Es beginnt ein Psychospiel, bei dem Instrumente durch die Luft fliegen und Blut fließt. Denn Fletcher erkennt nicht nur Andrews Begabung, sondern auch dessen Ehrgeiz, mindestens so gut wie Über-Drummer Buddy Rich, wenn nicht besser zu werden - und beschließt, ihn zu Höchstleistungen zu triezen.

Mit seinem Glatzkopf, seinen durchdringenden Gesten und Blicken und seinem Kasernenton erinnert der für den Nebenrollen-Oscar zu Recht favorisierte Simmons an die furchteinflößendsten Drill-Sergeants der Kinogeschichte, an R. Lee Ermey in "Full Metal Jacket" oder Louis Gossett Jr. in "Ein Offizier und Gentleman". Tatsächlich schleift Fletcher seine ausschließlich aus Männern zusammengesetzte Band wie Marines in der Grundausbildung: Wer sein Instrument nicht gestimmt hat, wird erst vor versammelter Mannschaft gedemütigt, dann zusammengestaucht und darf sich schließlich trollen.

Alles für den perfekten Double-Time Swing

Auch Andrew bekommt den Drill zu spüren. "Nicht ganz mein Tempo", sagt Fletcher bei seinem ersten Einsatz zum Neuling, der einen schnellen Double-Time Swing für den Jazz-Standard "Caravan" spielen soll. Eine freundliche Kritik, die sich zu einem Brüll-Orkan ausweitet, als Andrew den schwierigen Rhythmus nicht hinbekommt, jedenfalls nicht in der feinen, perfekten Nuancierung, die Fletcher verlangt: Mal verschleppt er den Beat, mal ist er zu hastig - und wird immer wieder mit einer herrischen Handbewegung gestoppt.

Charlie Parker, erzählt Fletcher, habe einst, zu Beginn seiner Karriere im Orchester von Count Basie, von dem berühmten Drummer Jo Jones ein Becken an den Kopf geworfen bekommen, weil er so schlecht gespielt habe. Das sei hart, räumt er ein, aber wäre Parker das Saxophon-Genie geworden, hätte er sich daraufhin nicht mit unermüdlichem Eifer zu purer Exzellenz trainiert?

Andrew nimmt sich diese, historisch übrigens zweifelhafte , Anekdote zu Herzen und trommelt sich buchstäblich die Finger blutig. Wie ein Hochleistungssportler oder Rocky Balboa, der gegen Schweinhälften boxt, schwitzt er, kämpft er, verbindet sich die Hände, taucht sie in Eis, ignoriert den Schmerz. Alles für den perfekten Double-Time Swing. Um vor Fletcher zu bestehen, opfert Andrew sein gesamtes Leben, wirft seinem verkrachten Schriftsteller-Vater (Paul Reiser) vor, ein Softie zu sein - und sagt seiner Freundin (Melissa Benoist) auf den Kopf zu, dass sie ihn in ihrer Lebensunentschiedenheit nur behindern würde.

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"Whiplash": Drill den Drummer!

Foto: Sony Pictures

So verfügt "Whiplash" nicht nur über die wohl unsympathischsten Protagonisten der aktuellen Oscar-Saison, der Film propagiert auch eine zwiespältige Botschaft: Denn während Fletcher und Neiman in ihrem Perfektionswahn durchaus als einsame Psychopathen gezeigt werden, so befürwortet Chazelle den brutalen, menschenunwürdigen Drill am Ende doch: Wer über das Mittelmaß hinausragen will, wer nicht nur sein Bestes geben, sondern der Beste in seinem Fach sein will, der muss von unbarmherziger Hand angeleitet, wenn nicht gebrochen werden.

Eine unangenehme Botschaft. Und doch schafft es "Whiplash", den Zuschauer in sein sinisteres Spiel vollständig zu verwickeln, bis man jeden Sinn für Inhumanes verloren hat. Virtuos inszeniert von Kameramann Sharone Meir und mit einem pushenden Jazz-Soundtrack (Justin Hurwitz) ausgestattet, wird "Whiplash" zu einer geradezu körperlichen Kino-Erfahrung. Fast möchte man sagen, der Film vibriert wie eine Jam-Session. Aber um Improvisation, ums Fließen- und Lockerlassen geht es in diesem tighten Drama nun gerade nicht.

Video
Whiplash

USA 2014

Regie: Damien Chazelle

Buch: Damien Chazelle

Schauspieler: Miles Teller, J.K. Simmons, Paul Reiser, Melissa Benoist

Produktion: Blumhouse Productions, Bold Films, Right of Way Films

Verleih: Sony Pictures

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 12

Start: 19. Februar 2015

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