"Wilbur Wants To Kill Himself" Mit Komik in der Tragik

Ein Mann versucht sich umzubringen, doch es will ihm einfach nicht gelingen. Die dänische Regisseurin Lone Scherfig beweist mit "Wilbur Wants To Kill Himself" erneut, dass sie es nahezu perfekt versteht, ihre tieftraurigen Geschichten mit einfühlsamer Tragikomik zu inszenieren.

Von Oliver Hüttmann


Suizidgefährdeter Wilbur (Jamie Sives): Zarte Gesten und makaberer Witz
DDP

Suizidgefährdeter Wilbur (Jamie Sives): Zarte Gesten und makaberer Witz

Wilbur will sich also umbringen. Er öffnet den Gashahn, schneidet sich in der Badewanne die Pulsadern auf, will sich ertränken und erhängen. Aber das Schicksal meint es gut mit ihm - oder besonders gemein. Wilbur wird umschwärmt von Frauen, an denen er kein oder nur ein kurzfristiges Interesse zeigt, und jeder Selbstmordversuch geht schief. Sollte Hollywood mal daraus ein Remake drehen, wirft das gewiss einige Slapstick-Nummern für Jim Carrey ab.

Dagegen hat die dänische Regisseurin Lone Scherfig ein sehr feines Gespür für die Komik in der Tragik. In ihrem Dogma-Film "Italienisch für Anfänger" war es die Unbeholfenheit eines Dutzend einsamer Menschen, über die man mitfühlend schmunzelte. Nun ist sie von einem Vorort Kopenhagens ins schottische Glasgow zu zwei gegensätzlichen Brüdern gewechselt. Und die Zahl Zwei zieht sich dabei wie ein roter Faden durch die Geschichte.

Odd Couple: Harbour (Adrian Rawlins) und Wilbur (Jamie Sives)
Ottfilm

Odd Couple: Harbour (Adrian Rawlins) und Wilbur (Jamie Sives)

Harbour (Adrian Rawlins) verkauft Bücher aus zweiter Hand im Geschäft des verstorbenen Vaters und versucht geduldig, seinem suizidgefährdeten jüngeren Bruder Wilbur (Jamie Sives) zu einer zweiten Chance im Leben zu verhelfen. Nach der Sache mit dem Gas verliert Wilbur seine Wohnung und zieht zu Harbour in den Laden. Zu ihnen gesellen sich Alice (Shirley Anderson) und ihre kleine Tochter Mary (Lisa McKinlay). Alice und Harbour heiraten kurz darauf, doch als er an Krebs erkrankt, wird Wilbur allmählich seine Rolle übernehmen.

Wilbur und Harbour sind ein "odd couple" wie Walter Matthau und Jack Lemmon. Zwar war in dieser Konstellation immer Lemmon der Neurotiker und potenzielle Selbstmörder, dennoch hat der lebensfrohe Harbour dessen Familiensinn und Fürsorglichkeit, die er linkisch bis zur Selbstverleugnung betreibt. Wilbur wiederum hat nicht Matthaus simples Interesse an den schönen Dingen des Daseins, ist wie jener aber sarkastisch, von mürrischem Charme und mit Schlag bei den Frauen ausgestattet. Und Alice, das schwingt schon im Namen mit, erscheint wie ein Engel. Verhuscht und mit melancholischem Blick schwebt sie durch die verstaubte Buchhandlung, erlöst erst den einen und schließlich den anderen Bruder vom Alleinsein.

"Wilbur Wants To Kill Himself" ist ein tieftrauriges Märchen, dass jedoch in jedem Moment der Finsternis eine ebenso tiefe Wahrhaftigkeit ausstrahlt. Zarte Gesten und makaberer Witz führen hier immer wieder die große Verletzlichkeit der Charaktere vor. Vor allem Wilburs schroffe Ablehnung funktioniert wie ein Seismograph der Sehnsucht. Scheinbar professionell lässt im Krankenhaus der dänische Chefpsychologe Dr. Horst (Mads Mikkelsen) gleichgültig Wilburs Gespött ("Heißt Horst auf Deutsch eigentlich Wurst?") über sich ergehen, obwohl er aber letztlich ebenso einsam und verschlossen ist wie seine Patienten. Und als die blonde, naive Krankenschwester Moira (Julia Davis) devot Wilbur am Ohr leckt, stößt er sie verächtlich zurück. Er könnte sich ja auch einen Hund kaufen.

Regisseurin Scherfig: Sinn für Tragikomik
DPA

Regisseurin Scherfig: Sinn für Tragikomik

Der britische Schauspieler Jamie Sives sieht ein wenig aus wie Robbie Williams, aber es ist wohl seine Unnahbarkeit, die Frauen und besonders Kinder anzieht. Das ähnelt tatsächlich dem Verhalten von Hunden, die auf Ablehnung erst recht anhänglich reagieren. "Alle lieben Wilbur", sagt Mary einmal. Der hält Gefühle für sentimentalen Mist. Doch ihn treibt kein Chauvinismus um, sondern innere Leere und Selbsthass. Sehr schön zeigt sich das darin, wenn einige Jungs ihn wie einen John-Wayne-Verschnitt parodieren.

Wilbur leidet unter Schuldgefühlen am Tod seiner Mutter. Die verwirrte, schwerkranke Frau zog es aus dem Krankenhaus immer wieder zur Familie. Sie dürfe nicht nach Hause kommen, sonst sterbe sie, wurde dem kleinen Wilbur erklärt, der das missverstand. So erfror die Mutter in einer Weihnachtsnacht, weil er ihr die Tür nicht öffnete. Und wie Scherfig diese Tragikomik zeigt und ebenso psychologisch wie poetisch den Kreis schließt, ist eine kaum zu beschreibende, berührende Kunst. Als Harbour nach Wilburs Erfahrungen mit dem Tod fragt, antwortet der: "Wie Abwasser. Nur Schwärze und Schweigen. Da ist Nichts." Und so bleibt Scherfigs Schlussbild als letzter Trost, dass sich das Leben immer lohnt, so seltsam die Wege auch sein mögen.


Wilbur Wants To Kill Himself (Wilbur begår selvmord)


DK/GB/BRD 2002. Regie: Lone Scherfig. Drehbuch: Lone Scherfig, Anders Thomas Jensen. Darsteller: Jamie Sives, Adrian Rawlins, Shirley Henderson, Lisa McKinlay, Mads Mikkelsen, Julia Davis. Produktion: Pain Unlimited, Zentropa Entertainment, Danish Film Institute. Verleih: Ottfilm. Länge: 105 Minuten. Start: 18. September 2003



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.