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"Wildes Herz": Zeit für Rebellion

Foto: Bastian Bochinski

Film über Feine Sahne Fischfilet Heimat ohne Hass

Der Film der Woche: In "Wildes Herz" porträtiert der Schauspieler Charly Hübner nicht nur die Punkband Feine Sahne Fischfilet. Er geht auch dem Rechtsruck im Osten auf den Grund - und zeigt, wie wichtig Engagement ist.

Wenn man begreifen will, worin die Attraktivität von Jan "Monchi" Gorkow, dem Sänger der Band Feine Sahne Fischfilet besteht, muss man sich nur diese Szene aus dem Dokumentarfilm "Wildes Herz" anschauen. Da sitzt Gorkow, ein Koloss von einem jungen Mann, in einem Strandkorb vor seinem Laptop und liest für die Kamera einen Post vor, der unter einer von ihm initiierten Wahlmobilisierungstour in Mecklenburg-Vorpommern hinterlassen wurde.

Der Kommentar geht so: "Der fette Monchi will jetzt mit seiner Kapelle übers Land ziehen und die Leute bekehren", worauf Gorkow zum ersten Mal lachen muss. "Wir machen mit", er lacht wieder, "wir werden uns eine Woche nicht waschen, nicht rasieren, paar Klamotten aus der Altkleidersammlung holen, jeden Tag ne Tüte ziehen", und lacht noch mal, ehe er den Absender des Posts nennt: "Patrioten Rostock-Rügen-Stralsund, halt irgendeine Fascho-Seite."

"Das ist genial, Kunst", sagt Gorkow gut gelaunt, und das ist ein bezeichnender Moment, weil der Sänger sich über die Leute amüsiert, die ihn hassen. Das hat zu tun mit "Monchi" und wie er in der Öffentlichkeit auftritt: als Frontmann einer Band, die sich antifaschistisch nennt; als heimatverbundener Bewohner Mecklenburg-Vorpommerns; aber auch als jemand, der über seine eigenen Schwächen nicht schweigt, der sich selbst zum Gegenstand seines Zweifelns macht.

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"Wildes Herz": Zeit für Rebellion

Foto: Bastian Bochinski

Der Schauspieler Charly Hübner hat mit Sebastian Schultz "Wildes Herz" gedreht. Der Film ist die Langversion eines Beitrags, den Hübner vor ein paar Jahren für das ARD-Projekt "16 x Deutschland" gemacht hat. Darin wurden alle Bundesländer in viertelstündigen Filmen erzählt, für Mecklenburg-Vorpommern war der in Neustrelitz geborene Hübner verantwortlich. "Monchi" kam damals schon vor - und damit das Problem mit dem Rechtsextremismus, das das Bundesland hat.

Faszination von Gewalt

"Wildes Herz" ist vieles, zuerst aber eine Coming-of-Age-Geschichte in Zeiten der blühenden Landschaften. In der Bushaltestellenleere der nordostdeutschen Provinz gehörte die Sozialisation mit neonazistischen Bands wie Landser zum unhinterfragten Bildungserlebnis, wie Gorkow erzählt. Genauso wie die irrationale und unartikulierte Faszination von Gewalt, die der Zahnärztinnen-Sohn als Ultra von Hansa Rostock auslebte, Verhaftungen und Bewährungsstrafe inklusive.

"Monchi" weiß also, wovon er spricht, wenn er die Leute "bekehren" will. Ihr Konversionserlebnis hatte die Band, die mit Songs über "Ficken und Saufen" angefangen hat, als Neonazis zu den Konzerten kamen, die sich in den Liedern wiederfanden.


"Wildes Herz"
Deutschland 2017

Regie und Drehbuch: Charly Hübner, Sebastian Schultz
Mit: Jan "Monchi" Gorkow, Olaf Ney, Christoph Sell, Kai Irrgang, Jacobus North, Max Bobzin, Campino, Angela Gorkow, Axel Gorkow
Produktion: Eichholz Filmproduktion
Verleih: Neue Visionen
Länge: 90 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Kinostart: 12. April 2018


Heute ist die Band einer der wenigen prominenten Bezugspunkte für Menschen, die ihr Seelenheil nicht im Hass suchen. Die Mobilisierungstour zur Landtagswahl2016 trägt den Titel "Noch nicht komplett im Arsch", und Hübners Film begleitet sie wie ein Tagebuch an Orte, für die sich die Medien nur interessieren, wenn es Probleme gibt. Weil er darum weiß, geht es "Monchi" zuerst darum, den eigenen Leuten etwas zurückzugeben. In der rotzig-vulgären Sprache der Band heißt das dann etwa, dem Publikum zuzurufen: "Ihr seid die geilsten Ficker."

Präsentkorb für den Verfassungsschutz

Ihren Bekanntheitsgrad verdankt die Band auch der Tatsache, dass sie für einige Jahre im Verfassungsschutzbericht des Landes auftauchte. Selbstironisch wirkt der Umgang der Band mit der Erwähnung: Selbstgedrehtes Material von Feine Sahne Fischfilet zeigt, wie "Monchi" dem Pressesprecher des Landesamts für Verfassungsschutz einen Präsentkorb überreicht - als Dank für die Publicity.

Dass der Pressesprecher bei dieser Gelegenheit fast ein bisschen stolz erwähnt, seine Tochter höre die Band auch, lässt die Szene heiter und harmlos wirken. In Wirklichkeit ist in ihr die Schieflage unserer Gegenwart auf ein Bild gebracht: Dass Musiker, die sich für Menschlichkeit engagieren, mehr Seiten sinnloser Beobachtung durch den Geheimdienst auf sich ziehen als alle zahllosen Neonazi-Bands im Bundesland zusammen.

In diesem Sinne kann man "Wildes Herz" als Antidot zur naiven Feuilletonbegeisterung für die angeblich neuen Rechten schauen. Durch den Film versteht man, warum es wichtig ist, sich zu positionieren und Solidarität zu üben. Und, so dämlich wie das klingt: wie das überhaupt geht. Auch deshalb ist "Wildes Herz" ein berührender und wichtiger Film für Deutschland im Jahr 2018.