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"Gemini Man": Er, einfach unverbesserlich

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Action-Pleite "Gemini Man" Doppelt enttäuschend

De-Aging macht's möglich: In "Gemini Man" tritt Will Smith gegen seinen eigenen 25 Jahre jüngeren Killer-Klon an. Den zum Teil beeindruckenden Effekten steht leider ein selten dummer Plot im Weg.

Nicht oft ergibt sich in der aktuellen Filmkritik ein Anlass, um von Herzen sagen zu können: "Schauen Sie sich doch besser 'Im Körper meines Feindes' an, wo Nicolas Cage und John Travolta sich das Gesicht des anderen aufoperieren lassen!" "Gemini Man" mit Will Smith ist so ein Anlass. Wo sich der irre "Ich muss meine eigene Visage abknallen"-Action-Quatsch von John Woo irgendwann in großen Spaß verdrehte, verharrt Ang Lees erster reiner Actionfilm nicht nur in Humorlosigkeit, sondern in kompletter Sinnlosigkeit.

Will Smith spielt den Scharfschützen Henry Brogan, der im Auftrag der US-Regierung Menschen umbringt - aber, hey!, nur bad guys! Das soll die moralische Ambivalenz der Figur auflösen und in bedingungslose Heldenhaftigkeit überführen, aber nach 72 Morden kommt selbst Henry auf den Trichter, sich bei einem gut gekühlten und gut sichtbaren Bier der Marke Budweiser mal Gedanken über seinen Ruhestand zu machen.

Auf den einigt er sich schließlich auch mit seinem Kontaktmann, doch statt 'ner goldenen Uhr schickt das Büro Henry einen Auftragskiller. Einen Shoot-out und eine Motorrad-Verfolgungsjagd durch Cartagena, Kolumbien, später ist auch Henry auf dem Wissenstand jedes Filmplakatbetrachters: Der Killer sieht aus wie er in jungen Jahren! Nein, er ist sogar er in jungen Jahren! Henrys Vorgesetzter Clay Verris (Clive Owen) entnahm ihm vor 25 Jahren heimlich DNA und ließ ihn im Rahmen des sehr offenherzig benannten Programms Gemini (Latein für Zwilling) klonen.

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"Gemini Man": Er, einfach unverbesserlich

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Eine Armee aus Klonen des besten Auftragskillers, ohne Familie und ohne emotionales Gepäck, sollte so entstehen. Doch warum auch immer wurde der Plan nicht weiter verfolgt, und warum auch immer wuchs der Prototyp namens Junior (ebenfalls Will Smith) als Ziehsohn von Clay Verris auf, wo er genau das emotionale Gepäck anhäufte, von dem die Klone befreit werden sollten. Und warum auch immer soll nun ausgerechnet Junior den Mann um die Ecke bringen, nach dessen Vorbild er geformt und erzogen wurde.

22 Jahre lang steckte der Stoff von "Gemini Man" in Hollywood in der Entwicklung fest: Die Technik, um jemanden visuell überzeugend auf seinen halb so alten Klon treffen zu lassen, war noch nicht ausgereift. Bei einer so langen Entwicklungszeit, witzelte ein Kollege von "Variety" schon, hätte man die Actionszenen mit Will Smith als Junior auch schon 1997 drehen und die nächsten 22 Jahre die Arbeit tun lassen können, die nun die hochkomplexe und irre teure Technik des De-Aging verrichten muss. Das hätte die hanebüchene Story (Drehbuch unter anderen: "Game of Thrones"-Mastermind David Benioff) zwar nicht gerettet, aber vielleicht 100 Millionen Dollar vom gerüchteweise auf über 200 Millionen Dollar angeschwollenen Budget gespart.


"Gemini Man"
USA/China 2019

Regie: Ang Lee
Buch: David Benioff, Darren Lemke, Billy Ray
Darsteller: Will Smith, Mary Elizabeth Winstead, Clive Owen, Benedict Wong
Produktion: Skydance Media, Alibaba Pictures et al.
Verleih: Paramount
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 3. Oktober 2019


Nun ist das De-Aging von Will Smith das einzig sehenswerte an "Gemini Man". Weniger gruselig als bei Samuel L. Jackson, der für "Captain Marvel" digital um 24 Jahre entknittert wurde, wirkt Digital-Junior als grimmige Variante von Will Smith, circa "Bad Boys", ziemlich überzeugend. Allerdings wird der De-Aging-Effekt von den anderen technischen Aufrüstungen des Films unterlaufen.

Ang Lee hat nämlich zusätzlich in 3D sowie mit einer Higher Frame Rate (HFR) gedreht, will heißen mit 120 Bildern pro Sekunde (wobei der Film mit "nur" 60 Bildern pro Sekunde bei uns gezeigt werden wird, da es bis auf den Münchner Mathäser Filmpalast kein Kino in Deutschland gibt, das entsprechend ausgerüstet ist.)

Im Vergleich zu den üblichen 24 Bildern pro Sekunde wirkt "Gemini Man" deshalb auf das ungeübte Auge künstlicher, da es mit fast drei Mal so vielen Informationen versorgt wird (darunter: die Haare auf den Fingergliedern von Will Smith und die Blätter der Bonsai-Bäume, um die er sich in seinem Ruhestand kümmern wollte). Dem 3D-Effekt ist das eher zuträglich, gleichzeitig haben zumindest dieser Kritikerin die grellen Lichteffekte in den Augen wehgetan. Bei einzelnen Actionsequenzen zogen die Bilder auch orange und blaue Schlieren.

Im Video: Der Trailer zu "Gemini Man"

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Von der Geschichte lenkt das nur leider immer noch nicht genug ab und verstärkt stattdessen das Rätselraten, was den zweifachen Regie-Oscarpreisträger Ang Lee an dem Projekt gereizt haben könnte. Nach "Hulk" und "Die irre Heldentour des Billy Lynn" häufen sich bei ihm die charakterlosen Monster-Budget-Filme. Eine Rückbesinnung auf die Zeit von vor 25 Jahren, als er hintereinander "Eat Drink Man Woman", "Sinn und Sinnlichkeit" und "Der Eissturm" drehte, wäre dringend geboten. Mentales De-Aging - das wäre doch mal was.

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